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Der Chefstratege nach einem Treffen mit Betriebsräten am Montagmorgen im Gewerkschaftshaus.

IG Metall

"Viele wollen weniger arbeiten"

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In der aktuellen Tarifrunde fordert die IG Metall einen Anspruch auf eine Verkürzung der Arbeitszeit. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Vorsitzenden Michael Erhardt.

Bei der Tarifrunde 2018 geht es in der Metallindustrie nicht nur ums Geld. Bundesweit fordert die IG Metall neue Regelungen bei der Arbeitszeit. So sollen die Beschäftigten mehr Zeit etwa für die Familie bekommen. In der Nacht auf Dienstag wurde jetzt im Entwicklungszentrum von AVO Carbon in Kalbach die Arbeit niedergelegt.

Die Streikwelle hat Frankfurt und Umgebung erreicht. Der Warnstreik im Entwicklungszentrum für Carbonprodukte wie etwa Motorenkohlebürsten in Kalbach ist erst der Anfang. Was ist das Besondere in der hessischen Metallindustrie? 
Es wird derzeit gut verdient. Deshalb sind wir der festen Überzeugung, dass jetzt die Zeit gekommen ist, über mehr Geld und die Arbeitszeit zu reden. Wir gehen davon aus, dass unsere Forderungen finanzierbar sind. 

Wie viel mehr Lohn fordert die Gewerkschaft? 
Wir wollen sechs Prozent mehr Geld.

 
Wie haben die Arbeitgeber reagiert?
Sie haben interessanterweise gesagt, über Geld könne man ja reden, aber über die Arbeitszeit, da könne man gar nicht reden.
 
Welche Veränderungen bei der Arbeitszeit hat die IG Metall im Blick?
Wir wollen einen Anspruch auf eine Verkürzung der Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden. Ein Teil des damit verbundenen Lohnverlustes soll vom Arbeitgeber übernommen werden. 

Wie verträgt sich diese Forderung mit dem Fachkräftemangel? Wäre nicht die Produktion gefährdet, wenn ein solcher Anspruch wahrgenommen würde?
Die Arbeitgeber können durch mehr Ausbildungsplätze einen Fachkräftemangel verhindern. Die Mittel dafür müssen in der Industrie deutlich aufgestockt werden. 

Gibt es aus Sicht der IG Metall überhaupt einen Fachkräftemangel? 
Die Metallindustrie hat es selber in der Hand. Außer mehr Ausbildung sind auch gut bezahlte Arbeitsplätze mit guten Arbeitsbedingungen ein Mittel, mehr Mitarbeiter zu gewinnen. 

Wie wird die Forderung nach einem Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung begründet? 
Wir haben in den letzten zehn, zwanzig Jahren eine unglaubliche Produktivitätsentwicklung. Auf der anderen Seite ist der Druck am Arbeitsplatz enorm gestiegen. Das gilt sowohl in der Produktion als auch in den Büros. Da brauchen wir Entlastung. 

Wie sieht es in der Branche mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus?
Die Arbeitgeber sagen, das würde schon heute funktionieren. Tatsache ist, es funktioniert nur, wenn der Chef einen liebhat, dann kann man die Arbeitszeit verkürzen. Was wir brauchen, sind Ansprüche. 

Warum ist das wichtig? 
Die Arbeitgeber müssen sich an den gesellschaftlichen Herausforderungen beteiligen. Das Thema Pflege nimmt an Bedeutung immer mehr zu. Und die Kinderbetreuung ist und bleibt ein Thema für viele Familien. 

Die Arbeitgeber haben ein Gutachten vorgelegt, wonach der geforderte teilweise Lohnausgleich nicht rechtens sei. Die Mitarbeiter, die jetzt schon Teilzeit arbeiten, würden benachteiligt.    
Das ist hochgradiger Unfug, weil die Lösung auf der Hand liegt, nämlich allen Teilzeitkräften einen Lohnausgleich zu zahlen. Das ist letztlich eine Frage des guten Willens.

Wie groß ist das Interesse der Beschäftigten, die Arbeitszeit zu verkürzen?
Wir haben in Frankfurt im letzten Frühjahr eine Befragung mit einer gigantischen Rücklaufquote gehabt. 7600 unserer 10 300 Mitglieder in den Betrieben haben mitgemacht und sich eindeutig geäußert. Deshalb sind wir uns sehr sicher, dass diese Forderung breit getragen wird. 

Warum wehren sich die Arbeitgeber so sehr gegen den verbindlichen Anspruch auf eine subventionierte Arbeitszeitverkürzung?
Wir wissen aus der Historie, dass Auseinandersetzungen um die Arbeitszeit immer sehr, sehr große Auseinandersetzungen sind. Bekanntestes Beispiel dürfte noch immer der Kampf um die 35-Stunden-Woche sein. Weil es da auch um mehr geht als den Preis der Arbeit. Da geht es auch um Macht. Deshalb wird diese Tarifrunde auch besonders hart werden. 

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