Mutmacherinnen persönlich erleben: FR-Chefredakteur Thomas Kaspar mit der Frankfurter Gründerin Hannah Helmke (l.) und der Klimawissenschaftlerin Friederike Otto.
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Mutmacherinnen persönlich erleben: FR-Chefredakteur Thomas Kaspar mit der Frankfurter Gründerin Hannah Helmke (l.) und der Klimawissenschaftlerin Friederike Otto.

75 Jahre FR

Ideen müssen fliegen können

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Warum die Frankfurter Rundschau mit „Zukunft hat eine Stimme“ nach ungewöhnlichen Menschen und Projekten sucht.

Hannah Helmke erhielt noch am selben Tag, an dem sie auf der Titelseite der Frankfurter Rundschau zu sehen war, Anfragen von Menschen, die sich für die Arbeit ihrer Firma „Right. Based on Science“ interessieren. Das in Frankfurt beheimatete Unternehmen analysiert, wie Investitionen oder Geschäftspraktiken das Klima beeinflussen. Berit Allgeier, Mitgründerin von „E-Charge-Nets“, berichtete wiederum, dass sich nun weitere Kommunen für ihre Lösung zum Betanken von E-Autos an Straßenlaternen interessieren. Andere Zukunftsmacherinnen und „Ideen-Vulkane“ haben Spenden erhalten oder Mitstreiter:innen gewonnen. So ließ sich in den vergangenen Monaten ganz konkret beobachten, wie aus Ideen in Kombination mit Öffentlichkeit Fortschritt wird.

Zukunft braucht eine Stimme, davon sind wir bei der Frankfurter Rundschau überzeugt. Damit Ideen nicht nur schöne Überlegungen bleiben, sondern wachsen können und Veränderung bewirken, müssen sie wahrgenommen werden, benötigen sie Öffentlichkeit. Andere Menschen müssen von ihnen hören, müssen sie loben, kritisieren, verbessern und unterstützen können. Aus diesem Grund haben wir Anfang August das Projekt „Zukunft hat eine Stimme“ gestartet. Und natürlich auch deshalb, weil wir unsere Leserinnen und Leser mit neuen Ideen überraschen und inspirieren möchten. Weil wir nicht bei der Problembeschreibung stehen bleiben, sondern auch Lösungen zeigen und Möglichkeiten bieten wollen, selbst aktiv zu werden.

Die Gesellschaft befindet sich in einem rasanten Wandel. Der prominente israelische Historiker Yuval Noah Harari spricht von einer „permanenten Revolution“. Einer Revolution, die angetrieben wird von neuen Technologien, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und neuen Energiequellen und die neue Machtverhältnisse und Organisationsformen hervorbringt. Diese Revolution verändert unsere Realität und unsere Möglichkeiten. Und sie wirft Fragen und Probleme auf.

Eine Gesellschaft, die mit diesen Entwicklungen Schritt halten will, muss sich mit neuen Ideen beschäftigen, ganz egal, mit welchem Ergebnis. Man kann sie verwerfen, umformen oder adoptieren. Nur ignorieren sollte man sie nicht, weil die Gesellschaft dann den Anschluss an die Wirklichkeit verliert und unter ihren Möglichkeiten bleibt.

„Zukunftsvisionen sind der Treibstoff von Demokratien“, schreibt das Progressive Zentrum, ein Berliner Think Tank, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Gespräch über unsere Welt von morgen zu stärken. Deshalb gehöre die Zukunft ins Zentrum unserer Debatten. „In den letzten Jahren aber haben wir uns zu sehr am Status quo abgearbeitet.“

Die Zukunft, so konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, findet vor allem im Silicon Valley statt – und vielleicht noch in China. Doch wenn man sich die Mühe macht, im eigenen Land genauer hinzuschauen, dann entdeckt man unheimlich viele Menschen, die als Forscherinnen, Aktivisten, Gründerinnen oder engagierte Bürger für eine lebenswerte Zukunft arbeiten.

Die Frankfurter Rundschau hat entschieden, öfter über diese Menschen zu berichten; den mutigen, kreativen, überraschenden und auch vermeintlich unrealistischen Ideen mehr Platz einzuräumen. Damit diese schneller Gegenstand der öffentlichen Debatte und des Werkzeugkastens werden, mit dem wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen. Dabei wollen wir die Stärken der Ideen beschreiben, aber auch ihre Schwächen.

Aktiv werden

DAS PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Spannende Geschichten werden von uns in der Printausgabe der Zeitung, aber auch in der digitalen Tablet-Ausgabe, auf Veranstaltungen oder per Newsletter verbreitet.

VORSTELLEN: Aktivistinnen, Gründer, engagierte Bürgerinnen oder Wissenschaftler können uns ihre Ideen über unsere Website vorstellen. Dort haben wir einen Fragebogen eingerichtet, mit dem wir alle für uns wichtigen Informationen abfragen. www.fr.de/meinezukunft

NEWSLETTER: Wer nichts verpassen möchte, kann unseren „Zukunft hat eine Stimme“-Newsletter abonnieren. Er wird jeden Samstag verschickt und enthält die besten Geschichten der Woche. www.fr.de/zukunft

SOCIAL MEDIA: Bei Instagram sind wir unter instagram.com/zukunft.fr.de zu finden.

VERANSTALTUNGEN: Wegen der Corona-Krise können Events nur sehr eingeschränkt stattfinden. FR

Natürlich müssen wir auch im Rahmen von „Zukunft hat eine Stimme“ abwägen, worüber wir berichten und was es nicht in die Zeitung schafft. Dabei gelten die Grundsätze und Werte, die schon immer den Journalismus der Frankfurter Rundschau geprägt haben. Umweltschutz, Gerechtigkeit und Ethik spielen eine wichtige Rolle. Hinzu kommen Fragen wie: Wie groß ist das Problem, das eine Idee lösen könnte? Wie neu ist der Ansatz? Überwiegen seine Vorteile die Nachteile? Was erzählt uns die Idee darüber, wie unsere Welt wohl in Zukunft aussehen wird?

Dabei gilt: An fast allem lässt sich Kritik üben, das soll aber kein Grund sein, eine Idee gleich fallen zu lassen. Auch wir wissen schließlich nicht, was daraus noch werden könnte. Es gab auch mal eine Zeit, in der es als unrealistisch erschien, dass eine moderne Gesellschaft mit Solar- und Windenergie versorgt werden könnte. Inzwischen boomen die Erneuerbaren.

Daran sieht man: Neue Ideen sind im Nachteil, ja, sie werden fast schon diskriminiert. Und das gleich mehrfach. Der Mensch schätzt das Gewohnte und Vertraute. Er neigt dazu, das Neue zu ignorieren. Es ist schließlich eine intellektuelle Anstrengung, sich mit etwas Unbekanntem zu beschäftigen. Und wir neigen dazu, das Entwicklungs- und Verbesserungspotenzial von neuen Ansätzen zu unterschätzen. Zu oft wird eine Idee verworfen, weil sie mit den heutigen Möglichkeiten noch nicht umsetzbar oder zu teuer ist – oder der gesellschaftliche Widerstand einfach zu groß erscheint. Dass sich all das noch ändern könnte, weil weitergeforscht und debattiert wird, weil andere Menschen von der Idee hören und sich mit ihrem Wissen einbringen, geht oft nicht in die Gleichung ein.

Neue Ideen sind auch deshalb im Nachteil, weil sie naturgemäß am Anfang nur von wenigen Menschen getragen werden. Diese haben häufig weder die Zeit noch die finanziellen Mittel oder das Know-how, um in der öffentlichen Debatte zum Beispiel mit professionellen Lobbyisten mithalten zu können. Deshalb ist das Neue, hat es keine Verbündeten, strukturell im Nachteil.

Die Frankfurter Rundschau sucht deshalb mit „Zukunft hat eine Stimme“ aktiv nach mutigen und überraschenden Ideen. Wir gehen auf Menschen zu, wenn wir glauben, dass die Öffentlichkeit mehr von ihnen lernen und erfahren sollte. Selbstverständlich gehört diese Arbeit seit jeher zum Repertoire von Journalistinnen und Journalisten, doch es erfordert eine andere Intensität, wenn man systematisch Ideen und Menschen aufspüren will, die noch nicht auf dem Radar der Öffentlichkeit sind. Dafür haben wir neue Recherchestrategien entwickelt und Instrumente, die das Auffinden von Ideen erleichtern.

Welche Bedeutung es für innovative Menschen hat, wenn sie den Sprung in die Öffentlichkeit schaffen, von Zeitungen oder TV-Sendern entdeckt werden, hat vor kurzem der Gründer des Münchner Start-ups „Presize“ erklärt, das eine Technologie entwickelt hat, mit dem Verbraucher:innen mit dem Smartphone zu Hause ihren Körper vermessen können, um herauszufinden, ob ein gewisses Kleidungsstück passen wird, das sie in einem Online-Shop kaufen wollen.

„Ich bin absolut erstaunt darüber, was für einen Unterschied der Stempel ‚wie im TV gesehen‘ oder ‚bekannt aus der Zeitung XY‘ macht“, schrieb er im Business-Netzwerk Linkedin. Die mediale Aufmerksamkeit habe alles geändert. Investoren, die das Start-up bei der Kapitalsuche hätten abblitzen lassen, würden sich nun melden und wollten unbedingt investieren. Und Manager, die ihre Idee als lächerlich abgetan hätten, sagten plötzlich, dass sie sie von Anfang an für smart gehalten hätten.

Und so freuen auch wir uns, wenn wir feststellen dürfen, dass Ideen fliegen, dass sie Unterstützung finden oder eine Debatte anstoßen, weil wir darüber berichtet haben. Dann haben wir den gesellschaftlichen Diskurs bereichert und vielleicht einen kleinen Teil zu einer besseren Zukunft beigetragen. Denn das gehört zur DNA der Frankfurter Rundschau, die seit 75 Jahren die Heimat der mutigen, progressiven Menschen ist.

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