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Ideen gegen den Frankfurter Abfallberg

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Von: Kathrin Rosendorff, Thomas Stillbauer

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Auslaufmodell Einwegbecher.
Auslaufmodell Einwegbecher. © Christoph Boeckheler

Frankfurt bietet schon längst Lösungen für Hungrige, die keinen Appetit auf Verpackungsmüll haben. Das Digitale hilft.

Unter mainmehrweg.de im Internet kann man live dabei sein, wie die Umwelt, das Klima, der Planet, die Menschen entlastet werden: „Frankfurt am Main hat 107 977 Einwegverpackungen gespart“, steht da geschrieben in dem Moment, als Flora Matani am Montag beim Liveticker nachschaut. Die Mitarbeiterin der Frankfurter Entsorgungs- und Service-GmbH (FES) beschäftigt sich mit Mehrweglösungen, besonders mit dem Kreislaufsystem Vytal, dem sich die Stadt vor etwa einem Jahr angeschlossen hat.

Seither haben die Menschen die Möglichkeit, Essen oder Getränke mit Hilfe der Vytal-App in Mehrweggebinden nach Hause zu holen – oder liefern zu lassen. Das spart Wegwerfpackungen. Als der Reporter selbst nachsieht, sind es schon 107 982.

Das trifft sich gut, denn es hat sich etwas geändert. In diesem Jahr schon was beim Lieblingsitaliener zum Abholen bestellt? Was vom Thailänder liefern lassen? Oder einfach einen Kaffee to go geholt? Bisher war das oft mit einem Haufen Verpackungsmüll verbunden – seit Jahresbeginn gibt es die Pflicht für Läden und Gastronomen, Speisen und Getränke auch in Mehrwegverpackung anzubieten, und zwar zum gleichen Preis.

Mehr Fairness

Manche hatten darauf schon lang gewartet, etwa Marlene Haas, Vorreiterin unter anderem für Mehrweglösungen mit ihrer gemeinnützigen „Lust auf besser Leben“-GmbH. „Das neue Mehrweggesetz ist gut, auch weil es für mehr Gleichheit sorgt“, sagt sie. Jene Betriebe, die schon seit längerer Zeit auf umweltfreundliche Verpackungen setzten, hätten Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen, weil sie sich ohne Zwang umweltfreundlich verhielten.

Seit dem vergangenen Jahr, als klar wurde, dass es ab 1. Januar 2023 keine Ausreden mehr gibt, hätten sich aber viele Läden und Gastronomen intensiv darauf vorbereitet, Mehrweg im Angebot zu haben. Marlene Haas und ihre Kollegin Claudia Schäfer sind quasi die Erfinderinnen des Mehrweg-Pfandsystems „Mainbecher“ beziehungsweise des Vorgängermodells „Cup2gether“. Zunächst in Bornheim eingeführt, fand es große Beliebtheit und mündete schließlich in das Projekt Mainbecher, das seinerseits 2022 von Vytal abgelöst wurde. „Die Nachricht ist angekommen“, sagt Haas.

Das Pfandsystem ist Geschichte. Den Mainbecher gibt es noch zu kaufen, aber Mehrweg mit der Vytal-App geht inzwischen digital. „Es fördert die Rotation, das ist das Schöne daran“, sagt Flora Matani. Die Kundschaft legt ein Konto an und hinterlegt eine Zahlungsoption. Dann erhält sie ihr Essen oder ihr Getränk in einer Mehrwegverpackung, für deren Rückgabe in den Kreislauf 14 Tage Zeit bleiben – sonst kostet es Geld. „So bleiben die Behälter immer im Umlauf“, sagt Matani. „Beim klassischen Pfandsystem war nicht nachzuvollziehen, wo sich etwa der Mainbecher gerade befindet.“

„Eine tolle Zahl“

Die 107 977 eingesparten Verpackungen – Pardon, inzwischen 107 985 – seien „eine tolle Zahl für den Zeitraum von nur einem Jahr in Frankfurt“, sagt Matani. „Und mit der Mehrwegangebotspflicht wird das jetzt sicher noch weiter steigen.“

Aber es braucht Zeit. Stichproben. Das Filet Mignon in einem Frankfurter Steakrestaurant kommt in einer sehr großen Plastikpackung daher, angeblich 100 Prozent recyclebar, die Ofenkartoffel in einer Extrapackung, der Salat ebenso, die beiden Soßen in zwei kleinen Döschen, die Scheibe Brot in einer Papiertüte. Alles zusammen steckt immerhin in einer Papiertüte. In einem beliebten Fischladen ist die Dorade in einer Styroporverpackung und zusätzlich in Alufolie eingewickelt. Dazu gibt es eine Plastikgabel und sehr viele Papierservietten – alles zusammen in einer Plastiktüte.

Ein vietnamesisches Restaurant gibt sein Curry in einer stabilen, wiederverwendbaren Plastikpackung heraus; ob die Gäste sie dann doch wegwerfen, das ist die Frage. Keines der drei Restaurants offerierte von sich aus, alles in Mehrweg auszuhändigen. Ein Gemüseladen mit Mittagstisch schließlich bietet an, sich die Quiche und den Salat in eigene Schüsseln packen zu lassen. Auf dem Bockenheimer Markt hingegen verlangt der Suppenstand 20 Cent Pfand, wenn die Gäste keine eigene Schüssel mitbringen. „So als Lerneffekt“, sagt die Standfrau.

Starker Anreiz für Veränderung

Das wäre gut, wenn Verbraucherinnen, Verbraucher und Geschäftsleute lernten, sagt auch FES-Sprecher Stefan Röttele. Aus Sicht der Abfallentsorgung sei die Hoffnung groß, dass mit der Pflicht zum Mehrwegangebot auch die schiere Menge des Verpackungsmülls deutlich sinkt. „Eine gesetzliche Pflicht ist ein sehr starker Anreiz“, sagt Röttele. „Seither ist die Zahl der beteiligten Gastronomen stark gestiegen.“

Dass die Mehrwegangebotspflicht momentan erst bei 80 Quadratmetern Fläche beginnt, halten sowohl Haas als auch Röttele nicht für optimal. „Aber irgendwo muss man ja anfangen“, sagt Röttele. „In einem halben Jahr kann man sehen, wie es klappt“, sagt Haas. Im Prinzip sei das Mehrwegsystem auch kleinen Betrieben zuzumuten.

Immerhin: Die sparen dann ja Lagerfläche für die vielen Einwegverpackungen.

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