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Bunte Fahnen und ein eindeutiger Slogan auf dem „Lovewalk“ gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten.

Aktionstag „Idahobit“

„Idahobit“ in Frankfurt - im Lovewalk durch die City

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Am Aktionstag „Idahobit“ demonstrieren um die 100 gegen die Diskriminierung queerer Menschen und prägen einen Tag lang die Frankfurter Hauptwache.

Wenn man über die Frankfurter eins sagen kann, dann dies: Mit Demonstrationen bringt man sie nicht so leicht aus dem Konzept. Transparente, Fahnen, Parolen für oder gegen jegliche nur erdenkliche Sache, das sind sie gewöhnt. Dass die Spaziergänger auf der Zeil an diesem Freitag stehen bleiben, teils verwirrt, teils lächelnd und teils auch mit eher grimmiger Miene, deutet also darauf hin, dass sie Zeugen eines ungewöhnlichen Protestmarschs werden. 

Und das werden sie in der Tat: Knapp 100 Menschen ziehen gegen 16 Uhr von der Hauptwache über die Einkaufsmeile. Sie tragen weiße T-Shirts mit bunten Farbklecksen und schwenken Regenbogenfahnen. Aus einem Lautsprecher läuft das Lied „Somewhere Over The Rainbow“. Und ganz vorne laufen zwei gut gebaute junge Männer, deren nackte Oberkörper komplett in allen Farben des Regenbogens bemalt sind.

Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuellenfeindlichkeit

Es sind Aktivistinnen und Aktivisten des „Idahobit“, des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuellenfeindlichkeit, die mit einem sogenannten Lovewalk über die Zeil ziehen, einer Demonstration für Liebe und Toleranz. Wie in den vergangenen Jahren hat das „Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt“ an diesem weltweit begangenen Tag gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität oder ihres Begehrens zu Aktionen aufgerufen. Der Tag fällt immer auf den 17. Mai, weil die Weltgesundheitsorganisation am 17. Mai 1990 beschlossen hatte, Homosexualität nicht länger als Krankheit zu klassifizieren.

Schon seit dem Mittag steht auf der Hauptwache eine Bühne, auf der unterschiedlichste Rednerinnen und Redner sprechen und mehrere Podiumsdebatten stattfinden. Es gibt Stände, an denen man sich über Bildungs- oder Beratungsprojekte für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche oder queere Menschen (LBGTIQ) informieren kann. Am „Regenbogenzelt“ werden Kinder geschminkt, auch der Liberal-Islamische Bund ist mit einem Stand vertreten. An einem weiteren Zelt hängt eine Weltkarte, auf der die Staaten in verschiedenen Farben von dunkelblau bis tiefrot eingefärbt sind. Europa und weite Teile Südamerikas sind blau, was bedeutet, dass sexuelle Minderheiten hier einigermaßen gut und sicher leben können. Der Sudan, der Iran oder Saudi-Arabien sind dagegen rot: Schwulen oder Lesben kann hier sogar die Todesstrafe drohen.

„Lovewalk“ in Frankfurt.

Vor einem der Zelte steht Chris Gaa und blinzelt zufrieden in die Sonne. Es laufe gut bisher, sagt der Mitarbeiter der Frankfurter Aidshilfe, der den Aktionstag koordiniert hat. Viele Menschen blieben stehen und zeigten Interesse an den Themen des „Idahobit“. „Es ist eben keine Veranstaltung für die Community, wie es der Christopher Street Day ist, sondern wir gehen da hin, wo wir Menschen in ihrem Alltag erreichen“, sagt Gaa. Es gebe durchaus auch negative Reaktionen, „die aber vermutlich aus Nichtwissen resultieren“. Den Veranstaltern sei es ein Anliegen, dass auch Muslime an dem Aktionstag teilnähmen, aber etwa auch schwarze Menschen, die über den Rassismus in der LGBTIQ-Community sprechen könnten. „Wir müssen verstehen, dass wir jede Menschenfeindlichkeit bekämpfen müssen“, sagt Gaa. Es mache keinen Sinn, für die Menschenrechte von Schwulen und Lesben einzutreten, wenn man dabei rassistische Ressentiments verbreite.

Stolpersteine entstehen für ermordete Homosexuelle

Der kunterbunte „Lovewalk“ ist unterdessen am Klaus-Mann-Platz angekommen, auf dem der „Frankfurter Engel“ steht, der an die Verfolgung von Schwulen und Lesben zur Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Die Menschen gruppieren sich um das Mahnmal, eine Jazzband spielt Musik, zum Gedenken an die Ermordeten werden Blumenkränze abgelegt. „Die Geschichte der Repression und Verfolgung von LBGTIQ-Personen in Frankfurt ist traurig und sie ist komplex“, sagt Frankfurts Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) in einer kurzen Ansprache. Sie freue sich daher sehr, dass die Initiative Stolpersteine Frankfurt demnächst weitere Messingplatten verlegen werde, um an schwule Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu erinnern. Martin Dill, ein Mitglied der Initiative, erinnert an neun schwule Männer aus Frankfurt, die ab 1933 wegen ihrer Sexualität denunziert, verfolgt, inhaftiert und in Arbeits- oder Konzentrationslagern ermordet wurden. Am 22. und 24. Juni sollen neun neue Stolpersteine im Gallusviertel, in der Altstadt und im Westend an ihr Schicksal erinnern.

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An der Hauptwache scheint inzwischen die Abendsonne auf die Bühne des „Idahobit“. Der Platz hat sich gefüllt, es gibt Live-Musik, die Menschen stehen in Grüppchen zusammen. Und dann kommt noch ein wenig Politprominenz auf die Bühne. Zuerst Kai Klose, Hessens grüner Sozialminister. „Ich freue mich, dass unsere Bündnisse jedes Jahr breiter werden“, sagt Klose. Heute sei ein wichtiger Tag der Solidarität, denn die Akzeptanz queerer Menschen sei in ganz Europa durch den „Antipluralismus von Rechtsaußen“ bedroht. An Vielfalt hätten die Rechten kein Interesse, so Klose. „Sie leben von der Ausgrenzung und vom Hass.“ Und dann spricht Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) als Vertreter des Frankfurter Magistrats. Er habe noch Zeiten erlebt, in denen Schwule offen diskriminiert worden seien, sagt Majer. Heute sei es so, „dass wir hier in einer sehr sicheren Situation sind“. Daher sei es wichtig, sich für Betroffene in anderen Ländern einzusetzen. Und für ein vielfältiges Europa müsse man auch zur Europawahl gehen.

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