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Wenn ihr die Tage in Frankfurt lang werden, geht Ranjani Ganeshmurthy auf die Zeil.

„Frankfurt wächst“

„Ich sehe mich hier eher als Gast“

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Ranjani Ganeshmurthy ist ihrem Mann nach Frankfurt gefolgt. Aber alle paar Monate fliegt sie nach Indien, wo sie in der Zukunft auch wieder leben möchte. Ein Porträt einer Neufrankfurterin im Rahmen unserer Serie „Frankfurt wächst“.

Wenn Ranjani Ganeshmurthy ihre Tage in Frankfurt lang werden, dann steigt sie in die U-Bahn und fährt von Bockenheim an die Hauptwache. „Das ist einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Hier auf der Zeil ist immer was los, und es erinnert mich ein bisschen an meine Heimat Chennai in Südindien.“

Die Millionenstadt am Golf von Bengalen hat die 34-Jährige im September 2018 verlassen, um mit ihrem Mann nach Frankfurt zu ziehen. Die beiden sind zwei von 791 Inderinnen und Indern, die im vorigen Jahr an den Main gekommen sind, das entspricht einem Zuwachs von 12,9 Prozent auf insgesamt mehr als 6900 Menschen und ist einer der stärksten Anstiege unter den ausländischen Neubürgerinnen und -bürgern Frankfurts. Als einziges außereuropäisches Land (neben der teileuropäischen Türkei) ist Indien damit auch in den Top Ten der größten ausländischen Communities der Stadt vertreten.

Zuvor hatte das Paar schon einige Jahre in den USA verbracht, in New Jersey und Texas. Und wie damals war es auch dieses Mal die Arbeit ihres Mannes, die Ranjani Ganeshmurthy in die Welt hinausgetrieben hat – in Frankfurt habe er eine für ihn attraktive Karriereoption im IT-Sektor gefunden, erzählt sie. Sie selbst sei zwar auch studierte Computeringenieurin. Ihre eigene Karriere sei trotzdem gerade zweitrangig, „ich will erst mal ein bisschen die Welt kennenlernen“, sagt sie, und dass sie eines Tages in Indien vielleicht wieder nach einer Arbeit „im Non-profit-Sektor“ suchen werde. Als Freiberuflerin korrigiere sie momentan nur gelegentlich Fachtexte für ein englischsprachiges Online-Unternehmen.

Dass sie nach Indien zurückkehren wird, in zwei Jahren oder in drei, das stehe bereits fest, sagt Ganeshmurthy. Nicht, weil sie Frankfurt nicht möge – im Gegenteil, eigentlich zählt die überaus höfliche und herzliche Frau nur positive Dinge über ihren Wohnort auf, lobt die kompakte Größe, den Mix aus historisch-traditionellem und internationalem Flair, den Stellenwert, den die Menschen ihrer Freizeit einräumten. Selbst der Nieselregen, der sie in ihrem dünnen Jumpsuit auf der Zeil frösteln lässt, ringt Ganeshmurthy noch bewundernde Worte ab: „Die Leute hier sind immer so gut vorbereitet aufs Leben“, sagt sie und weist auf die Regenschirme, die plötzlich überall um sie herum gezückt werden. „Mein Mann und ich gucken morgens aus dem Fenster, wie die Leute aussehen, damit wir wissen, was wir anziehen müssen.“

Dass sie selbst sich „eher als Gast“ sehe, die Zeit in Frankfurt als „eine Art langen Arbeitsurlaub für uns“, habe rein persönliche Gründe: „Bevor wir nach Frankfurt aufgebrochen sind, haben wir uns geeinigt, dass Indien das Land ist, in dem wir dauerhaft leben werden, weil dort unsere Eltern sind.“ In ihrer Kultur sei es üblich, dass man den Menschen, die einen großgezogen haben, im Alter etwas zurückgebe. Und da ihre einzige Schwester mit Mann und Kind in Australien lebe, sei es an ihr, die selbst noch keine Kinder hat, sich um Vater und Mutter zu kümmern. Auch wenn sie gerade am anderen Ende der Welt lebt.

Seit sie nach Frankfurt gezogen ist, war Ganeshmurthy deshalb schon zwei mal für jeweils rund einen Monat bei ihren Eltern in Indien - und im September wird sie erneut hinfliegen, „von Frankfurt aus ist es ja nicht so weit, wie aus den USA.“ Ihr 78-jähriger Vater habe Arthrose, werde demnächst am Knie operiert, da müsse sie sich kümmern, sagt Ganeshmurthy. Und auch für alltägliche Dinge im Leben ihrer Eltern, wenn es etwa darum gehe, einen kaputten Kühlschrank auszutauschen oder Handwerker zu organisieren, fühle sie sich verantwortlich.

Auf das Leben in Frankfurt kann sie sich daher nicht voll und ganz einlassen. Von Oberbürgermeister Peter Feldmann hat sie nie gehört – „Politik interessiert mich nicht so“. Apfelwein hat sie noch nicht probiert und wird es wohl auch nicht tun – sie möge nicht so gerne Alkohol. Einen Deutschkurs besucht nur ihr Mann – „ich bin ja zwischendurch immer weg“.

Ist sie nicht manchmal einsam? Ganeshmurthy verneint. Zwar seien die Menschen in Frankfurt deutlich ernster, als sie es aus Indien und den USA gewohnt sei, sie lächelten wenig, „und das lässt mich zögern, sie anzusprechen, weil man immer denkt, man könnte sie stören“. Aber sie fühle sich dennoch willkommen in der Stadt, und „ich versuche, Wege zu finden, mich zu beschäftigen“. Oft geht sie ins Fitnessstudio, wo sie beim Zumba-Tanzen ein paar Freundinnen gefunden hat, darunter beispielsweise eine US-Amerikanerin und andere Frauen, die wie sie der Arbeit ihrer Männer wegen in der Stadt sind. Aber sie habe auch kein Problem damit, alleine zu sein, sagt Ganeshmurthy und verweist lachend auf ihr Netflix-Abo.

Wenn ihr Mann nicht arbeite, gingen sie gemeinsam auf Entdeckungstour. Ausflüge nach Heidelberg und Rüdesheim haben sie an den Wochenenden unternommen und in Frankfurt selbst Orte wie Städelmuseum, Caricatura oder Dom besichtigt. „Die Stadt kann einem schon ans Herz wachsen“, sagt sie dann. „Würde mich nichts an Indien binden, könnte ich mir auch vorstellen, mich mehr auf Frankfurt und seine Gesellschaft einzulassen.“

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