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Tritte mit dem Knie gegen den Kopf.

Polizeieinsatz

Polizeigewalt in Frankfurter Zeil: „Ich pfeffer dir die Fresse“

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Polizeigewalt auf der Zeil nach einer Prügelei unter Betrunkenen löst eine heftige Debatte aus.  

Samstagmorgen, 5 Uhr, auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil. Polizisten und einige junge Männer stehen an einer Hauswand. Menschen laufen drumherum filmen, was passiert, die Stimmung ist aufgeregt, es wird viel geschrien.

Die Videos, die später auf Twitter veröffentlicht werden, zeigen, wie ein Polizist einer anderen Person mehrmals das Knie gegen den Körper und offenbar auch gegen den Kopf rammt. Eine junge Frau eilt heran und versucht, einen der jungen Männer aus der Situation herauszuziehen. Einer der Polizisten reißt die Frau an den Haaren zurück, ein anderer sprüht Pfefferspray. Menschen rennen davon, andere kauern auf dem Boden, Rufe hallen durch die Nacht. In einem weiteren Videoschnipsel sagt ein Polizist: „Bleib da stehen oder ich pfeffer dir die Fresse!“ Blaulicht flackert. Die Aufnahmen ergeben kein klares Bild davon, was passiert ist.

Schlägerei vor „Gibson“ löst Polizeieinsatz aus

Nach allem, was bisher als bekannt gelten darf, hat es zuvor eine Schlägerei vor der Diskothek „Gibson“ gegeben. „Das Geschehen hat sich dann offenbar auf die andere Seite vor das Einkaufszentrum My Zeil verlagert“, sagt Polizeisprecher Manfred Füllhardt am Sonntag der FR.

Jemand hat angesichts der alkoholgesteuerten Prügeleien die Polizei gerufen, aber die eintreffenden Beamten sind in den Filmausschnitten augenscheinlich in der Unterzahl. Der Ausgang der Auseinandersetzungen ist auf Twitter nicht per Video dokumentiert. Nutzer liefern sich dort Wortgefechte. Viele fordern, dass hart gegen die Polizisten vorgegangen wird und ziehen Parallelen zu vorangegangenen Skandalen – etwa der Verwicklung des 1. Polizeireviers (ebenfalls auf der Zeil) in die Affäre um den rechtsextremen „NSU 2.0“. Andere verteidigen das Vorgehen der Beamten am Wochenende: Sie hätten sich schließlich wehren müssen. „Irgendeiner muss für Recht und Ordnung sorgen in diesem Staat!“, schreibt einer.

Eine junge Frau im Konflikt mit den Polizisten.

Ebenfalls im Online-Kurznachrichtendienst Twitter nimmt die Polizei Frankfurt noch in der Nacht zu dem Vorfall Stellung: „Wir nehmen die im Zusammenhang damit erhobenen Vorwürfe ernst und werden das Vorgehen rechtlich überprüfen.“ Und weiter: „Es wurde ein Video veröffentlicht, auf dem der Einsatz von Pfefferspray gegen mehrere Personen zu sehen ist und auch wie eine Frau an den Haaren zu Boden gerissen wird. Was auf dem Video zu sehen ist, sieht nicht gut aus. Ganz im Gegenteil. Die Vorwürfe in dem Zusammenhang kommen an. Das Vorgehen wird rechtlich überprüft werden.“

Polizei Frankfurt: „Was auf dem Video zu sehen ist, sieht nicht gut aus“

Man habe keine Begründung dafür, dass die Frau an den Haaren zu Boden gerissen wird. Allerdings müsse der „Gesamtkontext“ erst ermittelt werden.

Später am Sonntag schildert die Polizei ihre Sicht in einer Pressemitteilung. Demnach verhielten sich die stark alkoholisierten Personen vor Ort gegenüber den Einsatzkräften „äußerst aggressiv“ und versuchten zu flüchten. „Bereits hier musste seitens der Beamten Pfefferspray eingesetzt werden.“ Mindestens einer Person sei die Flucht gelungen. Polizeiliche Anweisungen, etwa, sich auf den Boden zu legen, seien ignoriert worden.

Lesen Sie dazu auch: Weitere Informationen zum Polizeieinsatz auf der Zeil

Zudem habe eine größere Menschenmenge, meist Jugendliche, das Geschehen umringt, es sei zu Solidarisierungsaktionen, Beleidigungen und Bedrohungen gekommen: „Auch Glasflaschen flogen in Richtung der Beamten“, die mit Pfefferspray hätten reagieren müssen. Ein Mann habe einem der Polizisten mit voller Wucht in den Nacken geschlagen und ihn so verletzt, dass der Beamte seinen Dienst nicht habe fortsetzen können.

Den zunächst flüchtigen Täter, einen 26-jährigen Frankfurter, habe eine hinzukommende Streife später festgenommen. Auch in der Pressemeldung betont die Polizei, „die Vorwürfe bezüglich des polizeilichen Handels“ würden ernst genommen und rechtlich geprüft, die Ermittlungen dauerten an.

Polizei will Vorwürfe prüfen

Die Hessenschau hatte auf ihrer Internetseite zuerst über den Vorfall berichtet. Auch auf Instagram reagierte die Polizei auf den Vorfall und die Veröffentlichung des Amateurvideos. „Die Kritik kommt an. Es wird dazu ein weiteres Statement geben.“

Der Frankfurter Polizeisprecher Füllhardt versicherte: „Die Vorwürfe werden genau geprüft.“ Was auf den Videofilmen zu sehen und zu hören sei, wirke auf Betrachter sicher erschreckend. „Aber wir müssen in Ruhe ermitteln, wie das Ganze angefangen hat. Man weiß nie, wenn man solche Szenen sieht: Was ist davor passiert?“

Auch in Kassel Kritik an Polizeieinsatz

Bereits Ende voriger Woche war es bei Demonstrationen in Kassel zu umstrittenen Polizeieinsätzen gekommen. Ein Video hat zu Ermittlungen bei der Polizei geführt. In dem knapp zweieinhalbminütigen Film ist unter anderem zu sehen, wie ein Polizist auf der Straße sitzende Demonstranten mit Pfefferspray besprüht. „Der Einsatz von Pfefferspray ist streng an rechtliche Voraussetzungen gebunden“, teilte der Sprecher des hessischen Innenministeriums am Freitagabend mit.

Es werde nun geprüft, ob der Einsatz des Sprays in dieser Situation gerechtfertigt gewesen sei. Man gehe davon aus, dass das Video echt sei, sagte der Sprecher. Es sei auf Twitter veröffentlicht worden und zeige „lediglich einen Ausschnitt des Demonstrationsgeschehens“. Zunächst müssten die Polizisten befragt werden, die an dem Einsatz beteiligt waren. Anzeigen von Demonstrationsteilnehmern lägen der Polizei Kassel bisher nicht vor. Es werde jedoch in alle Richtungen ermittelt. (mit dpa)

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