„Meine Arbeit hat sich nie einer kommerziellen Maxime oder Doktrin untergeordnet.“ Ole Bredenfoerder

Batschkapp

Phillip Boa in Frankfurt: „Ich war immer ein heiterer Apokalyptiker“

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Independent-Musiker Phillip Boa spricht im FR-Interview über die Weltlage und über sein Konzert in der Batschkapp.

Phillip Boa, worüber möchten Sie zuerst sprechen: Über Ihre Musik? Über Malta, wo sie 25 Jahre gelebt haben? Oder über die Weltlage?
Och, ist egal.

Dann fangen wir doch mit etwas Erfreulichem an: Ihr aktuelles Album „Earthly Powers“ hat Platz 3 der deutschen Album-Charts erreicht. So hoch hat es zuvor noch kein Phillip-Boa-Album geschafft. Läuft ganz gut im Moment, oder?
Ja, und das nach einer langen Krise, die ich jetzt nicht verschweigen will. Sie begann etwa im Jahr 2001 und dauerte bis ungefähr 2012, 2013. Danach hat sich das irgendwie geändert und es ging langsam wieder bergauf. Das fing eigentlich mit dem Studio-Album „Bleach House“ von 2014 an. Die Akzeptanz hat sich erhöht und das Publikum ist wieder größer geworden. Ich bin nicht ganz sicher, warum. Aber es ist auf jeden Fall sehr angenehm und schön, das hatte ich so nicht mehr erwartet.

Und? Woran könnte das liegen?
Vielleicht an der Konstanz. Meine Arbeit hat sich nie einer kommerziellen Maxime oder Doktrin untergeordnet. Oder anders ausgedrückt: Ich habe immer gemacht, was ich will. Und logischerweise wurde das dann auch mal vom Publikum bestraft. Doch irgendwann kehrte sich das um, die Leute haben diese Konsequenz honoriert. Und wahrscheinlich auch den Umstand, dass die Live-Band wieder sehr gut geworden ist in den vergangenen Jahren, durch Umbesetzungen zum Beispiel. Dass sich meine Arbeit alles in allem eher verbessert als verschlechtert hat, könnte ebenfalls ein Erklärungsansatz sein.

Einerseits ist „Earthly Powers“ eine Hommage an eines Ihrer Lieblingsbücher, nämlich an den gleichnamigen Roman von Anthony Burgess. Andererseits – so ist es zumindest auf Ihrer Website zu lesen – soll es ein Kommentar zur Weltlage und eine Art Konzeptalbum zum Thema Freiheit sein.
Dass das Grundthema Freiheit ist, wurde von manchen Medien direkt kolportiert. Aber ich kann das so nicht unterschreiben. Freiheit ist sicherlich ein Thema, doch nicht der Kern des Albums. Wenn ich komponiere, ist das vergleichbar mit Filmmusik, über die ich Kurzgeschichten setze. „Earthly Powers“ umspannt zeitlich die Jahre 1993 bis 2025, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Songs handeln von Figuren, die mir irgendwann in meinem Leben begegnet sind und die ich interessant fand. Schräge, melancholische Figuren, nachdenkliche Menschen, einsame Kämpfer. Fast nie sind es strahlende Gewinner. Von diesen Figuren sind die Songs inspiriert. Ein bisschen Fiktion ist dabei, aber auch viel Reales aus meinen Erinnerungen.

Können Sie ein Beispiel für eine solche Figur nennen?
Oh, das ist sehr schwer. Dann müsste ich alle Figuren auseinanderrupfen und wieder zusammensetzen. Ich habe auf Malta lange in Valletta gewohnt, lange schon vor der Einführung des Euro. Damals war Malta ein interessantes Transitland zwischen Europa und Afrika, eine Art Drehbühne. Da habe ich eine Menge inspirierende Menschen kennengelernt. Negative wie positive Charaktere. Sie bilden das Fundament für die Figuren in meinen Songs.

Sich und Ihrer Musik sind Sie jedenfalls treu geblieben. Oder in Ihren Worten: konsequent. Viel Melancholie, viel Nachdenkliches, Dunkles steckt in den Songs. Gleichzeitig wirken sie aber auch positiv und lebensbejahend.
Ich war immer ein heiterer Apokalyptiker. Ich bin auch kein Pessimist. Auch wenn alles düster erscheint, gibt es immer noch Hoffnung und Licht. Das klassische Beispiel ist „Container Love“: Zunächst ist da eine traurige Geschichte über einen Mann, der alles verloren hat. Der sonnige, fast poppige Refrain reflektiert dann aber sein wahres Gemüt. Er ist in seinem Unglück total glücklich. Das ist der Gegensatz in „Container Love“, deswegen funktioniert der Song: Er fängt traurig an, baut sich traurig auf und plötzlich ist da dieser kleine Mann, der hat immer gelacht, er hat immer gute Laune gehabt. Und so sind meine Songs generell: Sie sind eigentlich nicht düster.

Welche Songs wird denn das Frankfurter Publikum am 16. März zu hören bekommen?
Wir spielen sechs oder sieben Songs vom Album „Earthly Powers“ und dann geht es so durch die Zeiten. Viele unserer Hits spielen wir am Ende des Konzerts, aber auch zwischendurch. Grob würde ich das Programm definieren als eine Mischung aus einem Best-Of und dem neuen Album.

Als „Container Love“ 1989 auf dem Album „Hair“ erschien, fiel im selben Jahr die Mauer. Heute, 30 Jahre später, setzt manch einer wieder darauf, Mauern zu bauen. Ist „Earthly Powers“ auch ein politisches Album?
Jedes Album von mir ist irgendwie auch politisch, allein deswegen, weil ich in dieser Zeit lebe und ein nachdenklicher Mensch und News-Junkie bin.

Phillip Boa and the Voodooclub Phillip Boa, 1963 in Dortmund geboren, gehört zu den maßgeblichen Independent- und Avantgarde-Musikern Deutschlands. Er ist Kopf und Frontmann der Band Phillip Boa and the Voodooclub.

„Earthly Powers“, sein aktuelles Album, erreichte Platz 3 der deutschen Album-Charts und ist damit erfolgreicher als die Vorgänger-Platte „Bleach House“ (2014, Platz 7) und sein Album „Hair“, das ihm 1989 den kommerziellen Durchbruch brachte, unter anderem dank des Songs „Container Love“.

In Frankfurtspielen Phillip Boa and the Voodooclub am Samstag, 16. März, 19 Uhr, in der Frankfurter Batschkapp, Gwinnerstraße 5.

Ticketsgibt es ab 41,80 Euro unter www.batschkapp.tickets.de oder bei den bekannten Vorverkaufsstellen. myk

www.phillipboa.de

Und woran krankt die Welt am meisten?
Deswegen der Titel „Earthly Powers“: Es scheint gerade so, als ob die Erde schwankt und von allen Seiten aus ins Wanken gebracht wird. Das ist schon sehr bedenklich. Aber auch hier bin ich kein Pessimist und glaube, dass die Kraft der Erde am Ende stärker ist als dieser schräge neue Nationalismus, der überall aufbrodelt. Ich will jetzt nicht parteipolitisch werden. Und natürlich finde ich Donald Trumps Politik nicht in Ordnung – aber ich kenne auch, ehrlich gesagt, niemanden, der das tut.

Muss Musik politisch sein?
Musik muss nicht politisch sein. Aber Musik muss mehr sein als einfach nur Unterhaltung.

Sprechen wir über Malta: Anfang der 90er sind Sie dorthin gezogen…
1991 war ich das erste Mal auf Malta, einfach als Tourist. Mir hat es ziemlich gut gefallen, und dann bin ich 1992 nochmal gekommen und habe mir ein Studio gesucht.

Warum gerade Malta?
Ich kannte Malta damals aus zwei Büchern: Einmal aus „Earthly Powers“ von Anthony Burgess. Und dann gibt es noch ein Buch von einem anderen meiner Lieblingsschriftsteller, nämlich „V“ von Thomas Pynchon. Und in beiden Büchern spielt Malta eine sehr skurrile, schauerliche und interessante Rolle. Und das habe ich auf der Insel zum Teil auch wirklich wiedergefunden. Leider existiert das heute so fast nicht mehr.

Vor etwa einem Jahr haben Sie Ihre Zelte auf der Insel komplett abgebrochen. Warum?
Für mich war Malta einmal die verrückteste, freieste Insel überhaupt. Doch diese unfassbare Magie ist irgendwie verschwunden. Wobei ich die EU in dieser Hinsicht nicht so positiv sehe: Sie schaut in Malta weg. Malta empfand ich in den vergangenen Jahren fast als eine Art rechtsfreien Raum. Die Politik dort scheint korrupt zu sein, viele der maltakritischen Artikel erscheinen mir realistisch. Als dann die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia ermordet wurde, hatte das eine starke Wirkung auf mich, nach dem Motto: Das reicht mir jetzt! Ich will Malta nicht schlecht machen, die Menschen dort sind super in Ordnung. Aber die Politik, das System und dieser Mord machten mich beklommen.

Deswegen sind Sie gegangen?
Ja, da bin ich eben konsequent. Wenn mir etwas nicht gefällt, sage ich das und reagiere auch darauf. Ich mag Doppelmoral nicht. Außerdem finde ich diesen Zauber, dieses metaphysische Gefühl, das ich früher auf Malta hatte, nicht mehr. Das ist es, was mich eigentlich weggetrieben hat.

Unter anderem nach London. Was meinen Sie denn zum Brexit?
Oje, ich war so froh, dass Sie nicht danach gefragt haben.

Tut mir leid. Also?
Ich mag London total, mein ganzes Equipment habe ich da geparkt, unsere Sängerin ist von dort. Ich weiß nicht, wie das Post-Brexit-Großbritannien in Zukunft so werden wird. Die Stimmung ist schon angespannt. Aber es ist auch eine sehr komplexe und komplizierte Thematik. Ähnlich wie mit Malta oder mit Donald Trump. Aber ich bin sicher, für alle Krisen werden sich Lösungen finden, auch anderswo auf der Welt. Irgendwie wird es weitergehen.

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