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Am Mainufer ist Eduardo Lago besonders gerne - „da kann man den Stress einfach ins Wasser fallen lassen“.

Von Kuba nach Frankfurt

„Ich identifiziere mich schon sehr mit der Stadt“

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Vor einem Jahr kam der Kubaner Eduardo Lago nach Frankfurt - und möchte auch hier bleiben. Ein Porträt eines Neu-Frankfurters in unserer Serie „Frankfurt wächst“.

Eduardo Lago will sich auf dem Römerberg treffen. Er liebt die Innenstadt. Wie man ihn da im Getümmel der Touristinnen und Touristen am besten findet? „Du wirst mich erkennen. Ich tanze immer kubanische Salsa“, schreibt er. Tut er dann doch nicht, aber zur Begrüßung reicht der beschwingt und zielstrebig durch die Menge schreitende Mann mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille seine Kopfhörer wie zum Beweis weiter: Es läuft karibisch anmutende Tanzmusik.

Ein gutes Jahr ist es jetzt her, dass Lago im Juli 2018 nach Frankfurt gezogen ist. Als einer von Tausenden aus aller Welt, die temporär oder dauerhaft ihren Lebensmittelpunkt an den Main verlegt haben: Um 3846 auf insgesamt 222 621 Menschen ist die ausländische Bevölkerung alleine im Laufe des Jahres 2018 gewachsen. Und der Kubaner Eduardo Lago gehört zu denjenigen darunter, die bleiben wollen.

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden?

Diesen Fragen geht die FR bis Mitte Oktober in der Serie „Frankfurt wächst“ nach. Jede Woche beleuchten wir eine provokante und sehr zugespitzte These. Diese Woche etwa: „Es gibt keine echten Frankfurter mehr.“ In der kommenden Woche schauen wir uns unter der Überschrift „Die Häuser sind noch nicht hoch genug“ den Immobilienmarkt an.

„Ich vermisse Kuba sehr, aber ich bin mir 100-prozentig sicher, dass ich dort nie mehr leben werde“, sagt der studierte IT-Ingenieur. „Es ist zu frustrierend. Es gibt so viele Talente dort, aber die wirtschaftliche Situation und die Infrastruktur sind schlecht, und ich glaube auch nicht, dass sich das bald ändert.“ Ein deutsches IT-Start-up, das gezielt kubanische Fachkräfte anwirbt, vermittelte Lago, der zuvor auch schon ein Jahr im argentinischen Buenos Aires gearbeitet hatte, eine Stelle als Software-Entwickler in Eschborn. Und nachdem er zunächst einige Wochen bei einem Bekannten unterschlüpfte, hat er bald eine eigene Wohnung gefunden, ist zwischendrin noch einmal umgezogen und wohnt nun im Gallus, von wo aus er mit öffentlichen Transportmitteln, Leihfahrrad, E-Scooter oder zu Fuß in die Stadt ausschwärmt.

„Ich weiß nicht, ob ich hier den Rest meines Lebens bleibe. Aber gerade sieht es danach aus. Ich identifiziere mich schon sehr mit der Stadt“, sagt er am Mainufer, unweit des Eisernen Stegs. Diesen Ort möge er in Frankfurt besonders gerne, sagt der 38-Jährige. Manchmal setze er sich mit der Gitarre ans Ufer und singe mit Freunden oder trinke einfach ein Bier und beobachte das multikulturelle Treiben um ihn herum, die vielen Festivals, die im Sommer Menschen nach draußen lockten. „Wenn du hier an den Fluss kommst und gestresst bist, kannst du den Stress einfach ins Wasser fallen lassen.“ Denn dass die Leute oft ernst, ja, traurig aussähen, sei einer der negativen Aspekte, die ihm an seinem neuen Leben in Deutschland aufgefallen seien. Wenn er sich morgens in der S-Bahn umsehe, klebten alle an ihren Smartphones.

Doch das belaste ihn nicht sehr, er lerne schnell neue Menschen kennen, die ähnlich gerne lachten wie er. Seine neuen Freundinnen und Freunde seien Deutsche oder kämen aus Rumänien, Bulgarien, der Türkei oder Spanien – und in „der Latino-Community“ mit Menschen aus Mittel- und Südamerika sei er ohnehin gut vernetzt. Regelmäßig gehe er tanzen, im Club Orange Peel oder der Hausener Tanzschule Conexión etwa. Auch seine Mainzer Freundin habe er beim Tanzen kennengelernt, sagt er und lächelt.

Eine Herausforderung sei bislang die Sprache. Privat und bei der Arbeit komme er mit Englisch und Spanisch durch, die meisten Menschen, die er kenne, sprächen ohnehin mindestens zwei Sprachen. Zweimal wöchentlich nimmt Lago Deutschstunden. Denn um die Stadt wirklich zu verstehen, um Frankfurter zu werden, sich eines Tages vielleicht auch einbürgern zu lassen, werde er nicht umhin kommen, besser Deutsch zu sprechen, ist er sich bewusst.

Von lokaler Politik habe er auch aufgrund der Sprachbarriere bislang wenig mitbekommen, sagt Lago. In Kuba habe die Regierung „so viele falsche Versprechen“ gegeben, dass er Politik generell ohnehin eher desinteressiert begegne. Einen klaren Blick auf die Stadt hat er trotzdem. In Kuba sei „der antikapitalistische Mythos“ verbreitet, dass Kapitalismus zu hoher Gewalt und Kriminalität führe. „Aber ich kann das nicht erkennen, ich fühle mich in Frankfurt sehr sicher.“ Er genieße das interkulturelle Leben der Stadt, „die Mischung aus Spaß und Businessgeist“, „das tolle Verkehrssystem“ und die Wirtschaftskraft, schwärmt „von der großen Fin-Tech-Branche Frankfurts und dass die Stadt augenscheinlich davon profitiere, ein Finanzzentrum zu sein: „Die Infrastruktur ist toll, überall wird gebaut“, sagt er, auch wenn dadurch leider die Mieten stiegen.

Eines Tages würde er gerne ein Unternehmen in Frankfurt gründen, sagt der ITler. Ein basisdemokratisches, transparentes und kommunikatives Business, das sich „um Menschen dreht, nicht um Geld“, schwebe ihm vor. „Ich will hier noch mehr über Unternehmen lernen, aber auch über die Freiheit, die ich hier habe. Denn ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Freiheit nur einen geringen Wert hat.“

Etwa einmal jährlich, nimmt Eduardo Lago sich vor, wolle er dennoch nach Kuba reisen. Um seine Familie zu besuchen, um das tropisch-heiße Wetter, das Essen, die Kultur zu genießen, die er zuweilen vermisst. „Aber ich schaue nicht nach hinten. Nur um zu verstehen, warum ich hier bin und woher ich komme, nicht aus Nostalgie.“

Mehr zu unserer Serie „Frankfurt wächst“

Im Gegensatz zu Eduardo Lago fühlt sich Ranjani Ganeshmurthy in Frankfurt nur als Gast. Was sie damit meint und wieso sie überhaupt nach Frankfurt kam - Mehr Texte unserer Serie „Frankfurt wächst“ gibt es als Plus-Inhalt in der Zeitung oder der FR+ App

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