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Jeffrey Myers ist auch ein guter Kenner der Frankfurter Altstadt und ihrer Geschichte.

US-Wahl

„Ich hoffe auf eine friedliche Machtübergabe“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der frühere Stadtkirchenpfarrer und US-Bürger Jeffrey Myers zur Stimmung vor der US-Wahl.

Herr Myers, in Ihrer alten Heimat, den USA, wird am 3. November gewählt. Wie ist Ihre Gemütsverfassung?

Ich gebe dieses Mal keine Prognose ab. Ich lag im Jahr 2016 fürchterlich daneben. Ich hoffe auf einen friedlichen Verlauf der Wahl. Hoffentlich wird das Ergebnis nicht so knapp. Und hoffentlich wird es akzeptiert.

Aber das Land ist tief gespalten.

Das ist so, leider. Die Spaltung ist in den vergangenen vier Jahren weiter gewachsen. Die Situation ist fast so wie im amerikanischen Bürgerkrieg vor 150 Jahren. Durch meine eigene Familie geht ein Riss. Ich stamme aus Kansas und wir waren eigentlich liberale Republikaner. Aber selbst meine 96-jährige Mutter, mit der ich gerade telefoniert habe, sagt: ,Ich werde Biden wählen.‘ Dieser Mann, sie meint Trump, gehört einfach nicht zu uns.

Zur Person

Jeffrey Myers war früher Stadtkirchenpfarrer an der Alten Nikolaikirche in Frankfurt am Main.

Der US-Staatsbürger ist 67 Jahre alt und arbeitet jetzt für den evangelischen Verein für Innere Mission.

Mehr als 10 000 Amerikaner leben in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region. Wie ist die Stimmung unter ihnen unmittelbar vor der Wahl?

Die meisten US-Amerikaner im Rhein-Main-Gebiet haben eine liberale Gesinnung. Aber es gibt auch in Frankfurt noch Trump-Unterstützer. Das sind in der Regel Leute, die wirtschaftliche Interessen vertreten. Ich mache mir Vorwürfe. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Wir haben die Menschen in den USA, die wirtschaftlich abgehängt sind, nicht richtig wahrgenommen. Trump hat so getan, als ob er sich um die Nicht-Privilegierten und die Abgehängten kümmert, und er hat ihre Stimmen bekommen.

Sie leben schon sehr lange in Frankfurt. Wie eng ist Ihre Verbindung noch in die alte Heimat?

Vor der Corona-Pandemie bin ich ein- bis zweimal im Jahr in die USA geflogen. Wir haben uns aber immer in unserer Aufmerksamkeit auf die Ostküste der USA konzentriert und auf die Westküste und Florida. Das Land, das dazwischen liegt, wurde vergessen. Dort wurde die Präsidentschaftswahl 2016 entschieden. Doch diesmal wird das anders sein. Diesmal könnte die Wahl durch uns entschieden werden, die acht bis neun Millionen Amerikaner, die im Ausland leben.

Früher haben sich nur knapp zehn Prozent der Amerikaner, die in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet leben, an der US-Wahl beteiligt. Wie ist es diesmal?

Ganz anders. Das Interesse an der Stimmabgabe ist enorm. Es ist Wahnsinn, ich habe so etwas noch nie erlebt. Wir waren mit unserem Infostand „Vote from abroad“ auf der Zeil und wir wurden ständig angesprochen. Wir haben in Frankfurt auch dafür geworben, dass man überhaupt wählen geht.

Was ist, wenn Trump eine Wahlniederlage nicht akzeptiert und die rechten Milizen mobilisiert?

Die Gefahr von Gewalt besteht auf beiden Seiten. Ich hoffe sehr auf eine friedliche Machtübergabe.

Was ist, wenn Trump unter einem Vorwand den Obersten Gerichtshof anruft und der mit seiner konservativen Mehrheit die Wahl annulliert?

Das ist ein mögliches Szenario. Daran will ich überhaupt nicht denken.

Wie werden die Amerikaner in Frankfurt die Wahlnacht verbringen?

Es wird dieses Mal natürlich kein physisches Treffen geben können wegen Corona. Aber es gibt eine digitale Wahlparty bei den Demokraten, die beginnt um 19 Uhr und geht bis neun Uhr morgens. Es haben viele Amerikaner im Rhein-Main-Gebiet schon gewählt, das ist ein Rekord. Leider ist bei uns die Stimmabgabe sehr kompliziert. Man muss sich in dem Staat registrieren lassen, in dem man zuletzt gelebt hat. Dort kann man dann per Briefwahl seine Stimme abgeben. Bei mir ist das Pennsylvania, wo ich zuletzt als Pfarrer gearbeitet habe. Die Behauptung von Trump, es komme bei der Briefwahl zu Wahlbetrug, ist Unsinn, das ist überhaupt kein Thema.

Wie wird sich die amerikanische Gemeinde in Frankfurt nach der Wahlnacht in die Augen schauen?

Ich sehe diese Zeit als eine Zeit des Umbruchs. Es wird etwas Neues kommen. Unser politisches System muss sich erneuern. Es braucht neue Parteien in den USA. Diese Konzentration auf zwei Parteien, auf Republikaner und Demokraten, lähmt uns. Dieser neue Anfang wird aber erst in vier Jahren wirklich kommen. Derzeit bestimmen noch die alten weißen Männer.

Obwohl die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler inzwischen Nichtweiße sind.

Das stimmt. Das Land ist auch bereit für eine Präsidentin, sie muss nur etwas konservativer sein und die Mitte vertreten. Viele Frauen in den USA stehen in den Startlöchern. Es gibt auch schon andere kleine Parteien, selbst die Grünen, aber sie werden landesweit noch nicht richtig wahrgenommen.

Es wird behauptet, Frankfurt am Main sei die amerikanischste Stadt Deutschlands. Tatsächlich ist Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg kulturell stark von US-Soldaten geprägt worden.

Für Amerikaner ist Frankfurt sehr anziehend und sehr einfach: die Skyline, die Banken, das Business. Es ist sehr leicht für uns, sich einzustellen auf ein Leben in Frankfurt. Die Stadt wirkt für uns sehr vertraut. Deshalb leben so viele Amerikaner hier. Viele US-Soldaten sind einfach hier geblieben. US-Präsident Abraham Lincoln hat Frankfurt sehr geschätzt. Es wird behauptet, Frankfurt hat den amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen, weil sehr viel finanzielle Unterstützung von hier an die Nordstaaten und in den Kampf gegen die Sklaverei geflossen ist. Auch Mark Twain hat Frankfurt sehr geschätzt und auch besucht. Er konnte gut Deutsch und hat den „Struwwelpeter“ ins Amerikanische übersetzt.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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