Die „Dissonanten Tanten“ bei der Chorprobe in der Freien Waldorfschule Frankfurt. Mitte: Chorleiterin Viola Engelbrecht. Foto: Rolf Oeser

Frankfurt

Praunheimer Frauenchor: „Ich hasse Sängerschals“

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Viola Engelbrecht und ihr Chor „Dissonante Tanten“ feiern Silberhochzeit - natürlich mit einem Konzert.

Mit dem Namen Viola muss man vielleicht Musikerin werden, sie jedenfalls habe „es gewagt“: Seit 25 Jahren leitet Viola Engelbrecht den Frauenchor „Die Dissonanten Tanten“ – ein Projekt unter vielen. Zur Selbstbezeichnung sagt sie im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau: „Oberbegriff wäre Berufsmusikerin, trombone and vocals.“ Und Chorleiterin, Pianistin, Komponistin, Posaunistin, Sängerin – diese vielen Bezeichnungen sind ihr „fast peinlich, das kann man ja nicht alles in einen Briefkopf schreiben“. Sie fügt an: „Seit 25 Jahren bin ich jetzt unermüdlich aktiv auf meinen verschiedenen Baustellen, die Vielfalt macht’s. Und das Pendeln, die Schnittstelle von Pädagogik und Kunst gefällt mir.“

Aus all den verschiedenen Teilen habe sie mit der Zeit ihr „Künstlerleben gebastelt.“ Dieses sei vom Jazz geprägt, aber „ich sage auch, mein Herz ist groß, sage nie nie. Wenn ein Lied schön ist, dann ist es schön.“ Nach ihrer Diplomarbeit über J. J. Johnson, einem bedeutenden US-amerikanischen Jazzkomponisten und Posaunisten der Nachkriegszeit, sei dieser „ganz klar Vorbild“.

Bei aller Musik ist für Viola Engelbrecht der Humor von großer Bedeutung: „Ich hab mich ja nicht für die Musik entschieden, um mich zu ärgern.“ Das hört man, in die verschiedenen Programme sind viele kleine ironische Gags eingebaut.

Nur mehr Zeit müsste sie haben in ihrer Woche, es gebe gar „keinen normalen Tag der Viola Engelbrecht“. Sie leitet die „Dissonanten Tanten“, den Praunheimer Frauenchor, früher noch den Sossenheimer Frauenchor, eine Gruppe Studierender an der Fachhochschule. Ab Donnerstag wird intensiv mit der Posaune gearbeitet und komponiert, und „improvisieren muss man auch üben.“ Dass sie jetzt seit 25 Jahren „verschiedene Chöre an der Backe habe, hat sich einfach so ergeben“. Jedenfalls wurde sie vor 25 Jahren von den „Dissonanten Tanten“ angefragt – „und seit dem macht’s Spaß“.

Das Konzert Die Dissonanten Tantensingen und spielen ihr von Viola Engelbrecht angeleitetes Chorprogramm „Märchenhaft“ am 12. September im Neuen Theater Höchst. Karten unter 069/33999933 oder www.neues-theater.de.

Geprobt wird jeden Montagvon 20 bis 21.30 Uhr in der Waldorfschule Frankfurt, Friedlebenstraße 52. Die Dissonanten Tanten freuen sich über neue Sängerinnen.

Das herzliche Vertrauen untereinander und auch die Freude am Programm der 30 Sängerinnen, alle zwischen Mitte 30 und 70, werden in der Probe sichtbar. Der Chor sei „experimentierfreudig, peppig, eine sehr gut zusammenfunktionierende Gruppe“ - Viola Engelbrecht spricht mit sehr viel Liebe von ihren „Damen“. Eine Sängerin, die schon bei der Gründung des Chors im Frankfurter Frauenkulturhaus dabei war, sagt über den Namen: „Wir haben damals was Spritziges gesucht, wollten nichts Braves.“ Und das gilt wohl noch heute: Das Programm zum 25-jährigen Jubiläum hieß „still schrill“, immer noch schrill.

Eine Sängerin kümmere sich um die Pressetexte, eine andere, Gugu Bausch, um die Bühnenoutfits. Zu diesen hat Viola Engelbrecht eine klare Einstellung: „Ich will ein schönes, stimmiges Bild, in dem jede ihren eigenen Stil behält, auf keinen Fall eine Uniform – was ich hasse, sind Sängerschals.“ Diese Idee zeigt sich beispielsweise bei den Schuhen der Sängerinnen: Jede trägt ein eigenes Paar, alle sind in derselben Farbe angesprayt – das „Markenzeichen“ des Chors, so Viola Engelbrecht. Dieses Konzept des stimmigen Bildes ohne Verlust der Individualität – keine Uniformierung – ist auf die Choreographie des Chors, wie Viola Engelbrecht sie sieht, übertragbar. Sie sagt: „Irgendwann werde ich einmal ein Buch schreiben über Choreographie im Chor. Bei vielen heißt es, gleiche Schritte zu machen. Ich finde aber, Choreographie ist vor allem die Wirkung der Gruppe, die Haltung, die Bühnenpräsenz. Es sind keine Schauspieler. Jede muss so bleiben dürfen, wie sie ist, das ist mir ganz wichtig. Und trotzdem muss der Zusammenhalt sichtbar sein.“

Zur Programmentstehung sagt Viola Engelbrecht: „Sowas braucht ganz viel Liebe bis es steht, und ohne Inspiration geht’s nicht. Setzt man mich auf eine Insel und sagt, schreib mal ein Chorarrangement, geht das nicht. Ich brauch die Leute, für die ich schreibe.“ Dem Chor werden die Stimmen sozusagen auf den Leib geschrieben, auf seinen Charakter: „Jeder Chor hat eine eigene Identität, die versuch ich herauszuarbeiten. Und gute Musik kann man auf jedem Level machen.“

Alle zwei, drei Jahre gebe es ein neues, ausgiebiges, thematisches Projekt im Leben der Viola Engelbrecht. Wie die Idee zum aktuellen Programm „Märchenhaft“ entstand? – „Ich glaub, das war ich“, sagt Viola Engelbrecht und lacht. „Die Initalideen waren Rapunzel, Ruckedigu und Alice in Wonderland, um diese Eckpfeiler hab ich herumgebastelt. Und das Programm ist bis zum Schluss durchchoreographiert, ich hab ja auch lange im Varieté gearbeitet, da hab ich mir viel abgeguckt. Aber wer jetzt denkt, da sind nur Märchenlieder zu hören – dem ist nicht so.“

Tatsächlich singen Viola Engelbrechts „Damen“ ganz verschiedene Stücke: ein Blues von Tom Waits, eine Vertonung von Goethe, lateinische Baumnamen, eine Verirrung im Labyrinth, Tierstimmen, ein Lied aus Asterix, Sprechstücke – die Märchenthematik ist weit gefasst, oft auch spielerisch, albern verzerrt, für den Chor verändert. Die vielen Stimmen, Märchenzitate, Geschichten, Identitäten werden abwechselnd gegen- und miteinander ausgespielt, stimmlich und räumlich. Viola Engelbrecht sagt, sie habe „die Lieder oft einfach ganz frech auseinander geschnitten“ – und die Sängerinnen wippen in der Probe mit, die Freude ist ansteckend. „Man muss wirklich querdenken, aber das lieb ich“, so Viola Engelbrecht. Das Chorprogramm „Märchenhaft“ hängt nicht an einer übergeordneteten Handlung, die erzählt wird, sondern es sind „die Lieder, die die Geschichte selbst machen“. Erstmalig für die „Dissonanten Tanten“ gebe es auch keine Ansagen zwischen den Stücken, „das Programm erklärt sich selber, das ist das Schöne daran“.

Die Notenständer der Sängerinnen spielen eine Hauptrolle im Spektakel, werden als Spieglein an der Wand genutzt oder als andere Requisiten. Leider haben viele in dieser ersten Probe nach den Ferien ihre Notenständer vergessen. „Der Chor ist ein bisschen wie ein Computer, den muss man erstmal hochbooten“, so die Chorleiterin. Doch schon nach dem Einsingen hat Viola Engelbrecht ihren Damen vergeben: „Das mit dem Notenständer hab ich jetzt verkraftet. Ich muss nochmal sagen, ich freu mich euch zu sehen. Und willkommen im neuen Stück“.

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