Die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen will nichts gewusst haben. Renate Hoyer
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Die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen will nichts gewusst haben. 

AWO-Affäre Frankfurt

„Ich fühle mich getäuscht“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Von den „unerträglichen Zuständen“ bei der AWO in Frankfurt will die Revisorin und SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen nichts gewusst haben

Auf ihrem roten Roller, umweltbewusst ein Elektromodell, ist das Motto von Ulrike, genannt „Ulli“, Nissen zu lesen. „Stark für die Schwachen – laut für die Leisen“. Es stammt noch aus der Zeit, als sich die spätere Sozialdemokratin im Alter von dreizehn Jahren politisch zu engagieren begann. Damals ging es darum, dass Willy Brandt Bundeskanzler bleibt. Das war 1972. Genau 47 Jahre später holt ihr Motto die Bundestagsabgeordnete ein. Denn sie war jahrelang Revisorin des Kreisverbandes Frankfurt der Arbeiterwohlfahrt (AWO), in dem aus Sicht der Bundes-AWO „unerträgliche Zustände“ herrschten.

Weit überhöhte Gehälter, teure Autos der Spitzenfunktionäre, so der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Ein klassischer Fall also für eine Revisorin. Denn zu ihren Aufgaben gehören laut Arbeitsdefinition „die Analyse und Bewertung unternehmensinterner Geschäftsprozesse im Hinblick auf Ordnungsmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und Effizienz“. Über Jahre hinweg hat Nissen die Revisionsberichte der AWO Frankfurt unterschrieben – Beanstandungen der Revisorin wurden nicht bekannt.

Wie kann das sein? Nissen gerät nach dem vernichtenden Urteil der AWO-Bundesspitze über die Frankfurter Zustände immer mehr unter Druck. Im Gespräch mit der FR ringt die 60-jährige Politikerin nach Worten. Auch als Rechnungsprüferin habe sie die Einkommen der Frankfurter AWO-Spitzenfunktionäre „nicht gekannt“, behauptet die Sozialdemokratin. Und von den bis zu 80 000 Euro teuren Dienstwagen der AWO-Spitze habe sie nichts gewusst.

Aber was hat die Prüferin denn tatsächlich geprüft? So richtig klar wird das im Gespräch nicht. Sie habe nur „maximal alle zwei Jahre“ die Unterlagen der AWO Frankfurt gesichtet und dabei geschaut, „was es für Veränderungen gegeben hat“, sagt die Bundestagsabgeordnete.

Die Prüfung eines Wirtschaftsbetriebes „mit 1100 Mitarbeitern“ wie die AWO Frankfurt sei ehrenamtlich nicht zu leisten. Allerdings ist die ausgebildete Bankkauffrau Nissen seit 1989 selbstständige Finanzberaterin. Die finanziellen Verhältnisse eines mittelständischen Unternehmens sollten für sie also kein undurchdringbares Geheimnis sein.

Eben darum wurde sie ja Revisorin bei der AWO. Was also ist schiefgelaufen, dass Nissen so gar keinen Hinweis auf Missstände fand? „Ich fühle mich getäuscht“, sagt die Sozialdemokratin. Obwohl ja führende AWO-Funktionäre wie etwa der Vorsitzende des AWO-Präsidiums Frankfurt, Ansgar Dittmar, Genossen sind, die Nissen seit vielen Jahren kennt.

Das Gebaren ihrer Parteifreunde an der AWO-Spitze nennt die Vorsitzende der südhessischen SPD-Frauen „ätzend“ und „unerträglich“. Als Revisorin war Nissen am 4. Dezember zurückgetreten, mit der Begründung, die nötige Prüfung sei „für uns Ehrenamtliche nicht mehr in der Tiefe zu leisten“. Sie hinterließ dem AWO-Präsidium einen Fragenkatalog zu Gehältern, Dienstwagen, Arbeitsverträgen. Da war die Affäre schon voll ins Rollen gekommen. Irgendetwas muss die Sozialdemokratin aber doch weit früher umgetrieben haben. Seit Sommer, verrät sie, stehe sie bereits in Kontakt mit dem Vorsitzenden des AWO-Bundespräsidiums, Wilhelm Schmidt.

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