Modefotograf Daniel Woeller teilt sich mit seiner Frau den offenen Kleiderschrank. Ein Traum für Fashionistas.
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Modefotograf Daniel Woeller teilt sich mit seiner Frau den offenen Kleiderschrank. Ein Traum für Fashionistas.

Modestadt Frankfurt

„Ich bin besessen von Bildern“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Der Frankfurter Modefotograf Daniel Woeller inszeniert Fotos, die aussehen wie Filmszenen.

Selbst nach zwei Stunden Gespräch auf seinem Balkon hat Daniel Woeller noch lange nicht alles erzählt. Gerade als das Aufnahmegerät schon ausgeschaltet ist, sagt der 54-jährige Frankfurter so nebenbei, dass, neben seinem Fotografenfreund Daniel Josefsohn, es eben auch Techno-DJ-Legende Sven Väth war, der ihm zugeredet und das Selbstbewusstsein gegeben hat, überhaupt Modefotograf zu werden.

Kennengelernt hatte er Väth, als Woeller noch Stylist war, beim Musikvideo-Dreh von „Face it“ 1998 in Venedig. Sie freundeten sich an. Auf Ibiza erzählte Väth, dass er gerade versuche, Chris Cunningham, der damals mit Madonna arbeitete, als Regisseur für sein neues Musikvideo zu gewinnen. „Ich sagte: ‚Gib doch mir eine Chance.‘ Sven ignorierte das zunächst. Dann weckte er mich aber ein paar Wochen später in Frankfurt um vier Uhr nachts aus dem Tiefschlaf und sagte: ‚Daniel, wir machen dein Video.‘“

Das Musikvideo „Dein Schweiß“ wird im Jahr 2000 bei MTV und Viva als bestes deutsches Musikvideo nominiert. „Daraufhin bekam ich sogar eine Anfrage von David Bowie. Leider sagte er in letzter Sekunde aber ab, weil er nicht mehr selbst im Video zu sehen sein wollte. Hätte das damals geklappt, wäre ich vielleicht ganz woanders gelandet.“

Seine Affinität zum Film ist auch bei seinen Modefotos sichtbar – sie erinnern an Filmszenen. Eines seiner Modebilder steht verdeckt hinter allerlei Nippes und Schmuckdosen auf der Kommode im Wohnzimmer und zeigt einen inszenierten Autounfall. „Das war eine Hommage an Jean-Luc Godards Weekend, ein Film über Wochenendverkehr, Riesenstaus, krasseste Unfälle und eskalierende Emotionen. Ein sehr aufwendiges Foto.“ Woeller betont: „Models werden von mir schauspielerisch gefordert. Nur so ein bisschen mehr nach links drehen, Kinn hoch, Augen auf und typische Modelposen reichen mir nicht.“ Häufig arbeiten bis zu 30 Leute bei seinen Produktionen. „Die TV-Show von Heidi Klum empfinde ich als sehr unrealistisch. Arrogante Fotografen machen die Models fertig. Wenn man zu einem Model mal keinen so guten Draht findet, musst du sie erst recht positiv motivieren. Ansonsten bekommt man kein gutes Bild.“

Woeller wächst in Bad Soden auf. Als Teenager fängt er an, nachts heimlich europäische Autorenfilme von Regisseuren wie Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard, François Truffaut, Joseph Losey oder Luis Buñuel auf seinem Taschenfernseher unter der Bettdecke anzusehen. „Ich habe mir damals sehr viel gemerkt, viele Lieblingsfilme wieder und wieder gesehen, viel abgeschaut und wahrscheinlich aus der Summe meiner persönlichen Eindrücke meinen eigenen Stil entwickelt“, sagt Woeller. Für ein perfektes Fotos nehme er es in Kauf, auch hohe, leichtsinnige Risiken einzugehen. „Ich habe vor ein paar Jahren auf einem alten, total verrosteten Schiffswrack vor Lanzarote ohne Genehmigung und ohne Versicherung zwei Tage lang fotografiert“, erzählt er. Woeller kümmert sich aber nicht nur um die Fotos.

„Sister’s Winogrand“ (2016) tribute to Garry Winogrand.

„Ich suche meine Models aus, stelle das Team zusammen und suche die passenden Locations.“ Die meisten seiner Shootings finden nicht im Studio, sondern on location, also an Originalschauplätzen, statt. Gerade hat er für das Modelabel Drykorn ein Shooting mit Tieren auf einem Gnadenhof inszeniert.

Die Fotografie kommt relativ spät in Woellers Leben. „Ich wollte früher gar nichts mit Fotografieren zu tun haben. Film und Architektur haben mich interessiert.“ Er gründet noch während seines Studiums mit Bernhard Franken, der später zu einem der erfolgreichsten Frankfurter Architekten wird, ein Architekturbüro. „Aber ich musste feststellen, dass ich zu ungeduldig bin, um Projekte über Monate oder sogar Jahre zu verfolgen. Es muss absehbar sein, dass es zu Ende geht, sonst verliere ich schnell die Lust.“

Und so gibt er den Architektenberuf auf. Sein Jugendfreund, der Fotograf Marc Trautmann, sagt zu ihm: „Du hast doch einen tollen Geschmack, mach doch Ausstattung und Styling für mich.“ Bald wird Woeller als Stylist auch für andere Fotoproduktionen gebucht. Und er gründet die Moderedaktion des „Groove“-Magazins, das Leitmedium für elektronische Musik in den 90ern und frühen 2000ern. „Ich habe nicht nur drei Modestrecken pro Monat für die ‚Groove‘ inszeniert, sondern begann auch über Mode zu schreiben. Ich bin zu den internationalen Modeshows gereist und habe dort wichtige Kontakte geknüpft. Und so konnte ich auch Interviews mit Designern wie Helmut Lang, Raf Simons, Sabotage oder Walter Van Beirendonck für die ,Süddeutsche Zeitung‘ oder das ,Zeit-Magazin‘ führen.“

Für eine Modestrecke der „Groove“ engagiert er den damals durch die MTV- und Levis-Kampagnen bekanntgewordenen Fotografen Daniel Josefsohn. „Er war die Person, die mich motiviert hat, selbst zu fotografieren.“ Josefsohn sei ein Freund geworden und habe sich immer Zeit genommen, um Ratschläge zu erteilen.

„Das Technische hat mich viele Jahre vom Fotografieren abgeschreckt. Bis ich merkte, dass es überhaupt kein Hexenwerk ist.“ Bis 2006 arbeitet er zusammen mit seinem Jugendfreund Marc Trautmann als Fotografenteam Trautmann & Woeller.

„Qui est Serge Polnareff? – le son de la mode“ (2009) les chansons de la mode.

Irgendwann seien sie in eine Schublade gerutscht und hätten zu 99,9 Prozent nur noch Autowerbung nach Werbeagenturen-Layouts fotografiert. „Mir kam das wie Malen nach Zahlen vor – todlangweilig. Manche Shootings haben sechs Wochen gedauert. Manchmal sind wir von Kapstadt in Frankfurt am Flughafen angekommen, um gleich weiter nach Teneriffa zum nächsten Shooting zu fliegen. Das wurde mir irgendwann zu viel. Meine Frau, mit der ich seit 30 Jahren zusammen bin, hat unsere mittlere Tochter die ersten zwei Jahre fast alleine großgezogen.“

Also habe er sich von der Autowerbung und Trautmann getrennt und sei zu seiner Leidenschaft der Modefotografie zurückgekehrt. Drei Kinder hat er mit seiner Frau. Sein Sohn ist 24, seine beiden Töchter sind 15 und 12 Jahre alt. „Ich bin besessen von Bildern, meine Töchter werfen mir vor, selbst im Familienurlaub nie aufhören zu können, fotografisch zu denken und Fotos machen zu müssen.“ Vor Shootings habe er immer noch Lampenfieber: Tagelang leide er unter Schlafstörungen und Magenproblemen. „Wenn ich morgens am Set erscheine, muss ich tun, als ob ich alles im Griff habe, selbst wenn ich mich überhaupt nicht so fühle und am liebsten weglaufen möchte. Ich bin der Kapitän. Wenn ich unsicher wirke, werden alle unsicher“, sagt er.

Bei größeren Produktionen arbeitet er mit zwei Assistenten zusammen. „Der eine ist für die Kameratechnik, der andere fürs Licht zuständig. So kann ich mich auf meine Stärke, das Kreative konzentrieren.“ Das reine Fotografieren sei kein Arbeiten, sondern ein Glücksgefühl. „Ich bin wie ein Kind und verliere mich darin. Gerade hatte ich ein Shooting. Das erste Motiv habe ich um acht Uhr morgens, das letzte um 21 Uhr gemacht, und ich habe die Kamera keine Sekunde aus der Hand gelegt. Ich vergesse Hunger, Durst, alles.“

Und wie kommt er bislang durch die Corona-Krise? „Seit Mai ist wieder Vollalarm. Allerdings haben sich die Preise geändert. Die Budgets wurden zum Teil auf die Hälfte von Vor-Corona-Zeiten reduziert. Wenn es noch mal einen Lockdown geben sollte, wird es kriminell.“

Und am Ende räumt er mit einem Klischee auf. „Modefotograf zu sein ist in der Realität nicht gerade glamourös. Oft zwingt einen eine interessante Perspektive in die letzten Ecke, man liegt im Dreck, in Staub oder Pfützen“, sagt er.

Seinen Ehering trägt er an einer Halskette, weil der Ring ihn beim Arbeiten störe. „Je länger ich diesen Job mache, desto lieber würde ich mich von jeglichem Ballast befreien und barfuß im Pyjama oder Kaftan arbeiten“, sagt Woeller und lacht.

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