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Hunde in Frankfurt: „Der ist brav, der hört“

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Von: Thomas Stillbauer

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Die einen an den Leinen, die anderen nicht. Alles erlaubt, auch in der Brut- und Setzzeit.
Die einen an den Leinen, die anderen nicht. Alles erlaubt, auch in der Brut- und Setzzeit. © Monika Müller

Unterwegs mit der Stadtpolizei, wo der Hund noch Hund sein darf – nur bitte nicht in der Brut- und Setzzeit. Aber was ist da eigentlich genau erlaubt und was nicht?

Wenn der Hund raus muss, muss er raus. Aber wie soll er raus? Und darf er ohne Leine raus – jetzt, in der Brut- und Setzzeit der Wildtierwelt? Wir haben uns mal umgeschaut, gemeinsam mit der Stadtpolizei, im Frankfurter Norden.

8 Uhr früh am nagelneu befestigten Parkplatz Nordpark, kurz vor der Bonameser Ortseinfahrt. Da kommen ja schon zwei Hundehalter. Ganz ordentlich jeweils mit Leine am Lumpi. Der Morgenspaziergang ist beendet, das Quartett fährt mit zwei Autos weg, die Zweibeiner hoffentlich am Steuer. Die FES leert die Abfallkörbe, eine Frau kommt vorbei, ebenfalls mit angeleintem Arco, und noch zwei Männer – mit riesigen Kameraobjektiven. Vögel sind ihr Ziel.

Die Störche drüben in Harheim ziehen die Fotofreunde an. Und spalten die Gesellschaft. Na gut, „spalten“ ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ob es so eine gute Idee ist, seinen Hund frei herumlaufen zu lassen, dort, wo Frankfurts einzige sesshafte Störche ihre Jungen großziehen, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Die der Hundefreunde – und die der Vogelfreunde.

Aber da kommen ja schon Susanne Ochs und Matthias Wehner von der Frankfurter Stadtpolizei. Beide vorschriftsmäßig in Schutzkleidung, zwar kurzärmelig, aber doch sichtlich zu warm für die hochsommerliche, ach was, höchstsommerliche Witterung schon am Donnerstagmorgen. Sie haben bereits die eine oder andere Erfahrung mit den Themen Hund und Natur gemacht. Auch persönlich. Susanne Ochs geht in aller Frühe mit ihrem Labrador raus. Angeleint, denn: „Wenn der ein Reh sieht, isser weg.“ Da kommt beim Hund eben die Natur durch. „So viel dazu, dass viele Hundeführer sagen: Ich hab’ den unter Kontrolle“, ergänzt Matthias Wehner. Dass selbst mit Leine für manche Leute von Kontrolle keine Rede sein kann, werden wir später noch erleben.

Erst mal los. Wir wollen mit Leuten ins Gespräch kommen. Darüber, warum sie ihren Hund anleinen, wen sie im Feld spazieren gehen, oder warum eben nicht. Ob die Uniform da hilfreich ist? „Wahrscheinlich leinen sie den Hund an, sobald sie uns sehen“, sagt Wehner, „alles andere wäre ja …“ – “… wie über die rote Ampel zu fahren, wenn wir an der Ecke stehen“, sagt Ochs.

Es sei denn, die Uniform ist ein ganzes Stück entfernt. Am Feldrand in Harheim gleich östlich hinterm Nidda-Altarm des Nordparks läuft in der Ferne ein Frauchen, wir nennen sie mal Hundeführerin 1 (alle, denen wir begegnen, wollen übrigens nur ohne Namen in die Zeitung). Zehn Meter vor ihrem Hundchen. Keine Leine verbindet die beiden. Wir stapfen in ihre Richtung. Das erregt sogleich den Unmut des nicht gerade riesigen, aber dafür umso mutigeren Tieres. Wütendes Gebell. Im Vollsprint auf die Störenfriede zu. Zartbesaitete hätten jetzt schon das Hasenpanier ergriffen. Die Polizei weicht natürlich nicht. Die unabhängige Presse auch nicht. Doch jetzt greift Hundeführerin 1 ein. „Komm mal her, Otto!“ Otto bellt weiter. „Uniformierte!“, ruft die Frau, wie zur Erklärung, dass solch ein Anblick selbstverständlich genug Anlass zum Bellen sei. „Otti!“ Otti bellt und bellt. Und als er endlich das Maul hält, will er nicht zu Frauchen, um sich anleinen zu lassen. „Weil er gebellt hat, hat er jetzt Angst, er kriegt geschimpft.“ Wie das eben so ist, wenn man zum Bellen gezwungen war, denn: Uniformierte! Frauchen will dann mal weitergehen. Aber so nicht.

„Moment noch, die Dame“, sagt Matthias Wehner höflich. „Wenn der Hund so aggressiv ist, dann …“ – „der ist nicht aggressiv“. Aber wenn Leute Angst vor Hunden hätten, dann hätte das jetzt sehr unangenehm werden können, erklärt Wehner, und dann wäre es besser, den Hund an der Leine zu führen. „Der ist brav“, sagt Frauchen, „der hört.“ Wie man (nicht) gesehen hat. „Das ist jetzt wegen euch.“ Das hier, hebt Hundeführerin 1 an, sei der einzige Ort in Frankfurt, an dem man Hunde noch laufen lassen könne. „Es gibt sonst nichts. In der ganzen Stadt nicht.“ Wie man’s nimmt. In der ganzen Stadt dürfe man seinen Hund leinenlos in seiner Nähe laufen lassen, korrigiert das Polizeiteam, nur eben dort nicht, wo größere Personengruppen gefährdet sind: In Bus und Bahn beispielsweise. Draußen im Feld ist es ebenfalls erlaubt, aber im Frühling und Frühsommer nicht sehr freundlich gegenüber dem Nachwuchs der Wildtiere.

Naturschutzengagierte formulieren das gern drastischer. „Eine Plage für alle Bodenbrüter“ seien freilaufende Hunde in der Brutzeit, hat Ingolf Grabow der FR einmal gesagt, ein Vogelschützer der ersten Stunde. Brütende Vögel würden aufgeschreckt, auch Hasen müssten davonlaufen, statt die Jungen zu versorgen. Grabow: „Die Hunde bringen Stress in die Landschaft. Die Tiere fühlen sich nicht mehr sicher, und durch die Flucht und die ständige Hab-Acht-Stellung geht viel Energie verloren, die sie eigentlich für die Aufzucht benötigen.“

Die Leine ist dennoch freiwillig. Die Broschüre „Gassi gehen – aber richtig“, unter anderem im Internet zu finden, erklärt es: „Auch soll ich während der Brutperiode zum Schutz der bodenbrütenden Vögel auf den Wiesen und darüber hinaus in Naturschutzgebieten angeleint werden“, steht darin – übrigens aus der Sicht des Hundes geschrieben, falls da Zweifel aufkamen. „Meine Herrin oder mein Herrchen soll mich noch zurückziehen können, wenn ich mal nicht gehorchen will.“ Herrin, zieh!

Einen Leinenzwang gibt es nur für Hunde, die als besonders gefährlich gelten, und wie gesagt in Bus, Bahn, auch in Parks und Gaststätten. Im Grüngürtel gilt aber, dass Hunde „im Einwirkungsbereich des Hundehalters“ bleiben müssen. Also in Sichtweite. Und sofort auf Pfiff oder Ruf reagieren.

Während wir so fachsimpeln, laufen auf der anderen Seite des Stoppelfelds mehrere Hund-Frauchen-Gespanne (Männer sind erstaunlich selten an diesem Vormittag) vorbei, leinenlos. Die Polizei spricht zwei Frauen mit drei Hunden an, zwanglos. Alle sind brav. Fast alle. „Sitz! Sitz! Sitz!“ Eine Kennung müsse dran an den Hund, sagt Susanne Ochs.

Auf die Leine angesprochen, sagt Hundeführerin 2, ihr sei schon bewusst, dass es für die Wildtiere besser sei, wenn die Hunde nicht durchs Feld springen. „Aber dann sehe ich, dass der Bauer mit seiner Riesenmaschine durchs Korn pflügt“, sagt sie. „Das ist doch zweierlei Maß!“ – „Und dann wird Theater gemacht, wenn der Hund ein bisschen durchs Gras läuft“, sagt Hundeführerin 3, „und die Leute hinterlassen ihren Müll – das wird alles hingenommen.“ Man müsse sie halt erwischen, die Müllverursacher, sagt Stadtpolizistin Ochs. Wilde Müllablagerungen zu entdecken, gehört zu ihren Aufgaben. „Sie haben auch keinen leichten Job“, sagt Hundeführerin 2. „den würde ich auch nicht machen wollen“, sagt Hundeführerin 3.

Es ist nicht der Tag der Konfrontation, es ist der Tag der Verständigung. Der einzige, der das offenbar anders sieht, ist der bullige Anlegertyp (jetzt müsste man sich mit Hunderassen auskennen), der gerade Lust auf ein wenig Streit mit den drei braven Artgenossen hat. Er ist angeleint. Theoretisch. Ein Ruck – und Hundeführerin 4 flutscht der Plastikgriff mit der Stanzvorrichtung aus der Hand. Sie könnte dieses Tier aber auch nicht halten, wenn es an ihr festgebunden wäre, das ist offensichtlich. Kopfschütteln in der Runde.

Nicht nur am Nordpark, auch anderswo in der Stadt gibt es Diskussionen über freilaufende Hunde. In Oberrad „düngen“ sie die Gemüsefelder mit ihren äußerst unwillkommenen Veredlungsprodukt, sehr zum Verdruss der örtlichen Gärtnerinnen und Gärtner sowie der Kundschaft. In Harheim war erst kürzlich von Vierbeinern die Rede, die am Spielplatz für ungute Gefühle sorgen und den Ortsbeirat beschäftigen.

Aber es gibt doch Freilaufflächen, die den Hunden eigens gewidmet sind – nicht? 25 davon listet die Broschüre „Gassi gehen – aber richtig“ auf, darunter ganz in der Nähe, am Alten Flugplatz Kalbach/Bonames. Hundeführerin 2 lacht. „Die Wiese ist ’ne Lachsalve.“ Zu klein, zu viel Konfliktpotenzial mit anderen Hunden, „und dann breiten da Leute ihre Handtücher aus“, sagt Hundeführerin 2. Außerdem kann man von da nicht weiter an der Nidda entlang, wie man will. „Wir bitten Sie, Ihre Hunde an der Leine zu führen sowie auf den Feldwegen zu bleiben“, steht auf dem Schild, das die Jägerschaft zum Schutz der Jungtiere im Gras aufgestellt hat.

Am Ende treffen wir eine Dame, die vorbildlich ihre zwei wohlerzogenen Hunde angeleint hält – „es ist doch Brut- und Setzzeit“. Aber hinten, beim Storch, sagt Hundeführerin 5, „da mache ich sie los. Ich weiß doch, wie meine Hunde sich verhalten“. Es sei denn, die Störche sind gerade unterwegs, dann bleibt die Leine dran. „Aber wenn der Storch oben im Nest ist, zeigt er denen den Mittelfinger.“

Spektakulär. Davon müsste es mal Fotos geben, sonst glaubt uns doch wieder niemand, dass Störche Mittelfinger haben. Apropos Mitte: Den Mittelweg gelte es zu finden, zwischen Wildtierschutz und Haustierschutz, sagen die Damen mit den Hunden, denen wir an diesem Vormittag begegnen. Der liegt vermutlich für die einen näher beim Haus- und für die anderen näher beim Wildtier, der Mittelweg. „Jeder hat e bissi Recht“, sagt eine Hundeführerin. Und was wohl noch besser erklärt werden sollte: Wieso der Bauer mähen kann, wo Mutti den Hund anleinen muss. Moderne Felduntersuchung mit Kameras, die beispielsweise Rehkitze aus der Luft erkennen, macht’s möglich. Aber ob das schon überall der Fall ist?

Die Stadtpolizei widmet sich dann erst mal wieder anderen Einsatzschwerpunkten. Da hat doch jemand zwei Gartenstühle im Gebüsch am Grillplatz Nordpark verklappt! Ob er die vielleicht einfach da geparkt hat, um sie morgen beim Grillen … – „Grillverbot!“, kommt es zweistimmig von der Polizei. Ach, stimmt ja. Nichts darf man. Oder ganz schön viel. Je nach Blickwinkel.

Hund Otto ist ein wenig aufgebracht. Liegt angeblich an den Uniformen.
Hund Otto ist ein wenig aufgebracht. Liegt angeblich an den Uniformen. © Monika Müller

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