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1902 zog das Lessing-Gymasium erstmals in ein eigens für die Schule errichtetes Gebäude, ein Prachtbau an der Hansaallee.

Bildung

Wege zur Wahrheit

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Das Lessing-Gymnasium präsentiert eine 544-seitige Festschrift zum 500-jährigen Jubiläum. Sie hat mit dem Goethe-Gymnasium gemeinsame Wurzeln in 1520 begründeten Frankfurter der Lateinschule.

Es geht um nichts weniger als die Wahrheit. Gotthold Ephraim Lessing hat der Welt mit auf den Weg gegeben, unentwegt nach ihr zu streben. Niemand könne sicher sein, die eine richtige zu besitzen. Es gelte, mit dem Streben niemals aufzuhören, auch die eigene Position zu hinterfragen. Eine gewisse Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist da inbegriffen.

Das Lessing-Gymnasium beherzigt den Auftrag seines Namensgebers seit 500 Jahren. Dieser Tage begeht die Schule den Jahrestag ihrer Gründung. Eigentlich standen eine Reihe von Feiern im Kalender. Die Pandemie hat das Programm ausgedünnt. Die Festschrift ist aber erschienen, seit März lagert sie im Keller, wartet auf die Präsentation. Nun hat es geklappt.

„Festschrift“ ist allerdings ein irreführender Begriff. In einem halben Jahrtausend Schulgeschichte kommt einiges zusammen. „Opus Magnum“ nennt Schulleiter Bernhard Mieles den Band darum treffender. Der Titel: „Nachforschung der Wahrheit.“

500 Jahre

1520 begründet die Stadt Frankfurt mit der Lateinschule ihre erste öffentliche Schule im Haus zum Goldstein (Buchgasse, Rathausturm Langer Franz). 1529 zieht sie um ins Barfüßerkloster (heutige Paulskirche). Die Lehrer verdienen zunächst nicht viel. In den 1560ern sind sie auf Nebeneinkünfte angewiesen. Vermieten etwa Räume während der Messe. An 1615 verbessert sich die Besoldung.

Zu Begin des 17. Jahrhunderts setzt sich der Name Gymnasium Francofurtanum durch. Ab 1839 residiert die Einrichtung im Arnsberger Hof, Predigergasse. Dort ist es eigentlich zu dunkel und verwinkelt für Lesen und Lernen. 1873 erfolgt der Umzug an die Rothofstraße, Ecke Junghofstraße. Zur Entlastung gründet die Stadt 1888 das Kaiser Friedrich Gymnasium (heute Heinrich von Gagern). Von anfangs einer Handvoll Patriziersöhnen ist die Schülerschaft bis 1896 auf 638 gewachsen. 1897 teilt sich die Einrichtung auf. Das Goethe Gymnasium entsteht als neusprachliches Pendant zum altsprachlichen Lessing. Die Goetheschüler ziehen an die Bahnstraße (heute Friedrich-Ebert-Anlage). Lessing verschlägt es 1902 in einen Neubau an der Hansaallee. Zum ersten Mal kommt die Schule nicht irgendwo unter, sondern erhält ein eigenes Gebäude, ein teures noch dazu, einen Prachtbau, der mit Kunstwerken geschmückt ist. Das erste Mädchen nimmt das Gymnasium 1928 auf.

Den Zweiten Weltkrieg übersteht das Gebäude nur in Teilen, zunächst logieren dort die Amerikaner. Die Schulgemeinde tingelt bis in die 50er durch Privatwohnungen und andere Schulen. Die Ruine bleibt bis in die 60er stehen. Dann erfolgen der Abriss und Neubau. Der Festakt zum 500 Gründungstag der städtischen Lateinschule ist am 14. September in der Paulskirche.

Die Schrift, erschienen als Hardcover im Societäts-Verlag, umfasst 544 Seiten, steckt voller Bilder, Chroniken, Erinnerungen von Ehemaligen, aber auch wissenschaftlichen Abhandlungen und Interviews, etwa einer aktuellen Begründung von Humanismus und Aufklärung. Auch dem Entzifferer der Keilschrift, Georg Friedrich Grotefend, dem Astronomen Karl Schwarzschild oder Hitlers erstem Feind Konrad Heiden sind Kapitel gewidmet.

„Das Lessing ist eine gut vernetzte Schule“, sagt Mieles dazu, wie es gelungen ist, so viele Autorinnen und Autoren zu einem Beitrag zu bewegen. Er selbst habe Kontakte spielen lassen, Archivar Manfred Capellmann, das Gedächtnis der Schule, ebenfalls. So finden sich Philosoph Matthias Lutz-Bachmann im Band, ein ehemaliger Lessingschüler und ehemaliger Vizepräsident der Goethe-Uni, Schriftsteller Martin Mosebach hat etwas beigesteuert, und Literatin Eva Demski, die auf dem Lessing gar eine Ehrenrunde drehte.

Prominenter Lessing-Schüler: Friedrich Stoltze (hier als Büste in der Neuen Altstadt).

Um Demski zu überzeugen, hat Mieles tief in die Trickkiste gegriffen, erzählt der Schulleiter verschmitzt. Im Archiv hat er ihren Abitursaufsatz aufgestöbert. „Das war der Türöffner“, sagt er. Demski hatte über Rom geschrieben. Die ewige Stadt, in der Mieles sechs Jahre lebte und an einer Deutschen Schule unterrichtete. Nach einem schwungvollen Austausch darüber konnte sie zum Festschrift-Ansinnen kaum Nein sagen. Ganz so leicht ist der Band aber nicht entstanden, harte Arbeit steckt zwischen den Buchdeckeln. Obgleich Lehrerin Carolin Ritter (Englisch, Latein) versichert, sie habe die 28 formellen Redaktionssitzungen und unzähligen informellen Runden bei Wein nicht als Arbeit empfunden. „Wir haben viel gelernt.“ Es wurden Archive durchforstet, Bibliotheken erstöbert, Staub von alten Handschriften gehustet und mit Zeitzeugen gesprochen.

Nachforschung der Wahrheit. Von der alten Lateinschule zum Lessing-Gymnasium in Frankfurt am Main. 25 Euro.

Die knapp 90 Gäste bei der Präsentation in der Aula hören’s gerne. Vereinzelt sitzen sie corona-gerecht in dem großem Raum verteilt. In ihren Herzen hocken sie zusammengedrängt auf der Schulbank, stolz auf ihre Alma Mater. Einer, der ebenfalls dort hockte – von Herbst 1828 bis Herbst 1830 – war Friedrich Stoltze, der Mundart-Dichter, Satiriker und Journalist. Auch ihm ist ein Kapitel gewidmet.

Stoltze hat Spuren hinterlassen, war ein wissbegieriger, aber kein pflegeleichter Schüler. Er habe sich früh eine eigene Meinung gebildet, sagt Petra Breitkreuz, Leiterin des Stoltze-Museums. Sie hält zum Festakt der Festschrift einen Vortrag. Kenntnisse machen selbstständig, das war Stoltze wichtig. Gläubig war er – auf seine Art. Und voller Tatendrang. „Mit gefalteten Händen bricht kein Volk die Ketten“, zitiert Petra Breitkreuz.

Kein Wunder, dass er seinem streng pietistischen Rektor Johann Theodor Vömel manchen Streich spielte. Nicht nur prangerte er öffentlich dessen übertriebene Frömmigkeit an. Auf dem Markt schwatzte er einem Lieferanten seines Vaters eine große Fischblase ab. Er legte sie aufgepustet vors Klassenzimmer, in der Rektor Vömel unterrichtete und sprang darauf. Ein Riesenknall ertönte, gefolgt von einem weiteren Rumms, als Stoltze auf der Fischsuppe ausrutschte und mit dem Kopf gegen die Tür prallte. Entsetzt (Rektor) und belustigt (Schüler) drängte das Auditorium auf den Gang. Vömel rief: „Stoltze, was geht da vor?“ Sagte der: „Ich habe mich mit der Blas’ von einem Stör erschossen, weil Sie mir so eine schlechte Zensur gegeben haben.“

Seit Januar ist das Lessing Teil des Netzwerks dem Programm „Schule ohne Rassismus“ beigetreten. Die Schulband hat den Festakt begleitet, die Schule hat einen Musik-Schwerpunkt.

Ganz schlimm kann die Schulzeit aber nicht gewesen sein. Jahre später, 1870, beklagte sich Stoltze bitterlich über die Stadt, sie habe am falschen Ende gespart, das Jubiläum zum 350. Gründungsjahr der Schule nicht angemessen begangen. Die Stadt gebe so viel Geld aus für andere Dinge, deren 350-jähriges Bestehen bestimmt nicht gefeiert werde. „An dem Beitrag wäre die Stadt auch noch nicht gestorben.“

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