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Hier fühlt er sich wohl: Lothar Ruske im Antiquariat der Buchhandlung Schutt.

Hessischer Rundfunk

hr2-Umstrukturierung: „Ein Schlag ins Gesicht der Literaturszene“

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Veranstalter Lothar Ruske spricht über den geplanten Umbau von hr2-Kultur.

Der Plan des Hessischen Rundfunks, im Programm hr2-Kultur künftig vor allem klassische Musik abzuspielen, führt zu heftigen Protesten in der Kulturszene. Die FR sprach mit dem Literaturveranstalter Lothar Ruske.

Herr Ruske, Sie sind einer der wichtigsten Literaturveranstalter in Hessen, organisieren unter anderem den Kasseler Literaturbahnhof und das Festival „Frankfurt liest ein Buch“. Ihr Partner ist dabei stets hr2-Kultur. Jetzt hat der Hessische Rundfunk angekündigt, den Wortanteil des Programms stark zu reduzieren. Was bedeutet das für Sie?
hr2-Kultur ist ja nicht nur Partner meiner Veranstaltungen. Der Sender ist Medienpartner aller wichtigen Literaturtermine in Hessen. Wenn der Wortanteil stark reduziert wird, fällt schlicht die Berichterstattung über Literatur weg. Bisher hat hr2-Kultur ganz stark auf Literatur gesetzt und damit fast ein Alleinstellungsmerkmal gehabt. Wenn das entfällt, ist das ein Schlag ins Gesicht für die Literaturszene in Hessen.

Sie befürchten, es wird dann weniger über Literatur berichtet?
Ja. Ich fürchte, es wird dann künftig nur noch kleine Splitter in einem Teppich mit klassischer Musik geben. Wir wissen ja noch nicht genau, was die HR-Spitze sich vorstellt. Es gibt eine Arbeitsgruppe, die im August damit beginnt, die neue Struktur von hr2-Kultur zu erstellen. Im April 2020 soll das neue Programm auf Sendung gehen, das Ziel ist ein reiner Klassiksender. Ich fürchte, dass dann ein Dudelsender entsteht. Etwas leicht Konsumierbares. Ich fordere, dass die Wortbeiträge, die es bisher gab, erhalten bleiben. Es darf nicht nur Splitter geben. Ich denke an renommierte Sendungen wie „Doppelkopf“ oder „Der Tag“ oder „Kulturcafé“. Dann die Berichterstattungen von den Literaturfestivals. Das betrifft zum Beispiel auch „Frankfurt liest ein Buch“. Und es trifft auch die großen Literaturveranstaltungen des städtischen Kulturamtes wie Literaturm und die Lyriktage. Bisher gab es dazu viele Beiträge in hr2-Kultur. Es gab Interviews, es gab Hörbücher, die abgespielt wurden. Ich frage mich, ob das wegfallen soll. Das ist nicht im Sinne der Hörerinnen und Hörer.

Die Spitze des HR argumentiert damit, dass das Programm immer weniger gehört wird. Derzeit würden nur noch 84 000 Menschen täglich erreicht werden. Muss man dem nicht Rechnung tragen, muss man darauf nicht reagieren?
Vielleicht sollte der HR sich intensiver und kritischer mit der Kulturlandschaft in Hessen aus-einandersetzen. Das müsste ausgebaut werden, statt reduziert. Dann gäbe es auch wieder mehr Hörerinnen und Hörer. Man kann nicht einfach sagen, das Publikum werde älter. Viele ältere Menschen sind auf das Radio angewiesen. Die haben nicht immer Zugang zum Internet. Man muss aufpassen, dass diese Menschen nicht ausgeschlossen werden. Das geht in Richtung Diskriminierung.

Lesen Sie auch die Kolumne: Ist der HR schuld an der Volksverdummung - oder waren die Leute vorher schon bescheuert?

Sie fordern sogar einen Ausbau des Kultur-Wortprogramms?
Ja. Der HR muss das unterhaltender und spannender gestalten. Er muss mehr Anreiz bieten, dass die Leute mehr Radio hören. Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem sich das alles abspielt, ist ja, dass sich das Leseverhalten der Menschen gerade dramatisch verändert. Die Medienwissenschaftler sagen, immer weniger Menschen schaffen es, das Lesen noch in ihren Alltag zu integrieren. Sie sind vom Internet und den sozialen Medien so in Beschlag genommen, überreizt und verwirrt, dass für Literatur immer weniger Raum bleibt.

Muss man nicht auch diese Entwicklung berücksichtigen?
Ja. Die gibt es. Umso mehr muss man dagegenhalten. Man muss Gründe und Anlässe dafür schaffen, dass die Leute wieder das Radio anschalten und sich über längere Zeit auf einen Text konzentrieren. Man darf jetzt hr2-Kultur nicht einfach ins Internet abdrängen. Das wäre der Tod. Wer setzt sich denn an den Computer und hört da eine Sendung?

Wie lässt es sich erreichen, das Interesse für Radio wieder zu steigern?
Ich denke, der HR sollte eine Umfrage bei seinen Hörerinnen und Hörern machen und sollte fragen, was sie bei Wortbeiträgen besonders interessieren würde. Ich denke, der HR sollte öfter rausgehen und mehr Live-Sendungen anbieten.

Mehr Live-Berichterstattung von Literaturfestivals beispielsweise?
Ja. Die gab es früher durchaus.

Im August beginnt die Arbeitsgruppe des HR mit ihren Überlegungen zur künftigen Struktur von hr2-Kultur. Wie wollen Sie als einer der großen Literaturveranstalter dabei Einfluss nehmen? Was wird die Kulturszene tun?
Es muss ein Gespräch der großen Literaturveranstalter mit dem HR-Intendanten Manfred Krupp und dem Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer geben. Denen muss man ganz klar sagen, was der HR bisher für Literaturgemacht hat. Da sollte das städtische Kulturdezernat auch vertreten sein. Wir dürfen uns beim Programm nicht verschlechtern. Wenn ich jetzt höre, dass hr2-Kultur künftig vor allem Leute unter 35 erreichen soll, befürchte ich das Schlimmste.

Aber auch die klassische Musik muss doch junge Menschen erreichen.
Die Literatur natürlich auch. Wir brauchen alle Nachwuchs. Aber die Frage ist doch die nach den Inhalten eines solchen Klassiksenders. Und wenn ich dann höre, das künftig vor allem das HR-Sinfonieorchester dort zu hören sein soll, kann ich nur sagen: Das ist ein wenig dünn. Wenn, dann müsste man internationale Spitzenorchester anbieten.

Viele Kolleginnen und Kollegen von hr2-Kultur arbeiten als Moderatoren bei Ihren Literaturveranstaltungen. Was wird denn aus denen?
Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich habe schon den einen oder anderen Anruf erhalten. Es ist Panik zu spüren. Weil viele nicht wissen, wie es weitergeht.

In der Regel geht es um freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ohnehin schlecht bezahlt werden.
Freie Freie und feste Freie. Vielleicht werden die auf andere Sender verteilt. Aber das ist noch nicht klar.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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