+
Gegen die "Geschichtsvergessenheit heutiger Generationen": Harry Schnabel vom Vorstand der Frankfurter Jüdischen Gemeinde.

Gedenkstunde zur Pogromnacht in Frankfurt

„Wir brauchen mehr Zivilcourage“

  • schließen

In der Paulskirche in Frankfurt gibt es eine kämpferische Gedenkstunde zur Pogromnacht 1938. Kritisch ist die Erinnerung an die Walser-Rede 1998.

Es ist eine sehr kämpferische Gedenkstunde in der Frankfurter Paulskirche. Und sie bleibt nicht beim Blick zurück stehen auf die Pogromnacht 1938, in der in Deutschland die Synagogen brannten. Nein, es geht um das, was jetzt zu tun ist gegen erstarkenden Antisemitismus und Rechtspopulismus. Felix Klein ist gekommen, der vor einem halben Jahr als Beauftragter für den Kampf gegen Antisemitismus von der Bundesregierung ernannt wurde. Unter großem Beifall ruft er dazu auf, gegen die erstarkende Rechte „ganz klar Stopp“ zu sagen: „Wir brauchen mehr Zivilcourage.“

Der 50-jährige Diplomat bittet die Menschen im voll besetzten Kuppelbau, sich schweigend zu erheben. Es gelte, „innezuhalten“ und das „Versagen“ der Zivilgesellschaft im Jahre 1938 zu betrauern. Und alle stehen von ihren Sitzen auf und verharren mit gesenkten Köpfen.

Und Klein erinnert an ein anderes Jubiläum, das nicht vergessen werden dürfe. Vor 20 Jahren, am 11. November 1998, hatte der Schriftsteller Martin Walser am selben Rednerpult in der Paulskirche gestanden.

Bei seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hatte er kritisiert, dass übermäßig an das Grauen der Shoah erinnert werde und dass die Gefahr bestehe, dass die Erinnerung an das Konzentrationslager Auschwitz zur bloßen „Moralkeule“ verkomme. Am Ende hatten die Menschen in der Paulskirche Walser mit stehendem Applaus gefeiert. Nur Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, und seine Ehefrau Ida waren reglos sitzengeblieben. „Vor ihnen verneige ich mich heute“, sagt Klein, doch der Beifall ist so groß nicht.

Erinnerung überschattet Gedenkstunde

Die Erinnerung an diesen Tag im Jahr 1998 steht plötzlich im Raum und überschattet die Gedenkstunde. Harry Schnabel vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt geht in seiner temperamentvollen und engagierten Rede noch weiter. Er knöpft sich die angebliche „christlich-jüdische Tradition in Deutschland“ vor, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer stets beschwören. Und zählt dann Wegmarken dieser Tradition auf: den ersten Kreuzzug gegen Juden, den Papst Urban schon 1060 befohlen habe; die Pogrome des Mittelalters und des 19. Jahrhunderts. „Man kann heute nicht sicher sein, dass der nächste 9. November nicht näher bevorsteht als der von 1938 vergangen ist.“ Applaus.

Schnabel beklagt die „geschichtsvergessenen Generationen“ von heute. Er kritisiert scharf das „veraltete“ Bildungssystem und fragt: „Wo bleiben die Investitionen in marode Schulgebäude?“

Oberbürgermeister Peter Feldmann blendet zurück auf den 9. November 1938, als in Frankfurt sich in der Pogromnacht viele „weggeduckt“ oder gar „mitgemacht“ hätten. Heute seien die Denk- und Sprachfiguren der Nazis wieder präsent. Er fordert, hinzuschauen und Nein zu sagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare