+
Der glückliche Professor vor seinem überbordenden Schreibtisch im Freien Deutschen Hochstift.

Freies Deutsches Hochstift

„Holt die Romantiker aus dem Keller!“

  • schließen

Wolfgang Bunzel vom Freien Deutschen Hochstift veröffentlicht einen unbekannten Briefwechsel Bettine von Arnims.

Recht vorsichtig blättert Wolfgang Bunzel die Seiten um. Gestochen scharf, kaum verblasst erscheint die mit Tinte geschriebene Handschrift – obwohl die Verfasserin die Worte vor 180 Jahren aufs Papier brachte. Im Archiv des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt gewährt der Literaturwissenschaftler seinem Besucher Einblick in ein Konvolut von 97 Briefen. Dieses bisher noch nie publizierte Werk ist eine kleine literarische Sensation: die Korrespondenz zwischen der 54 Jahre alten Bettine von Arnim, einer der zentralen Figuren der deutschen Romantik, und einem 32 Jahre jüngeren glühenden Verehrer, dem Studenten Julius Döring.

Über Jahrzehnte ruhten die Dokumente im Archiv des Hochstifts. Vor vier Jahren begann Bunzel, der Leiter der Abteilung Romantik-Forschung, sich intensiv mit den Blättern zu beschäftigen, sie eingehend zu studieren und weitere Quellen zu erschließen. Zahlreiche Recherchereisen in Deutschland und in Nachbarstaaten schlossen sich an.

Jetzt wird das Werk zum ersten Mal veröffentlicht: Am 17. Mai erscheint es als Briefbuch in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ unter dem Titel „Letzte Liebe“. Tatsächlich ist es eine sehr intensive Beziehung des ungleichen Paares, die sich auf den 400 Seiten des Buches niederschlägt. Vor allem aber gibt der Briefwechsel einen einmaligen Einblick in die historische Zeit des Vormärz in Deutschland. Der Funke der bürgerlichen Revolution, der 1848, also wenige Jahre später zünden sollte, ist schon zu ahnen.

Wolfgang Bunzel aber ist einfach nur glücklich. Der 58-Jährige, der als der Spezialist für Bettine von Arnim und andere Protagonisten der Romantik in Deutschland gilt, hat sich einem Motto verschrieben: „Holt die Romantiker aus dem Keller!“ Der Professor der Frankfurter Goethe-Universität sitzt vor seinem mit Papieren und Büchern überfrachteten Schreibtisch, blättert immer wieder in den alten Manuskripten, die er aus dem Archiv geholt hat.

Der Forscher will demonstrieren, dass die Romantik nicht im Orkus der Geschichte verschwinden darf. Sehr wohl habe sie den Menschen von heute noch etwas zu sagen. Als eine Zeit nämlich im 19. Jahrhundert, in der ein „utopisches Bewusstsein“ formuliert worden sei, „das Ideal einer Zukunftsgesellschaft“. Sehr wohl hätten sich die Romantiker bereits für Demokratie eingesetzt, wenn auch zunächst nur in der Form eines „Volkskönigs“.

In der Tat nutzte Bettine von Arnim, die Witwe des Schriftstellers Achim von Arnim, ihren Status als bekannte Autorin, um sich in ihren Werken auch sozial zu engagieren. Ihre Sozialreportage mit dem Titel „Dies Buch gehört dem König“ machte sehr deutlich auf die verzweifelte Lage der armen Menschen und nichtprivilegierten Schichten im preußischen Königreich aufmerksam. Schon zuvor, bei einer Cholera-Epidemie in Berlin, organisierte sie Hilfsmaßnahmen in der preußischen Hauptstadt. „Sie war eindeutig republikanisch gesonnen“, sagt Bunzel.

Die gefeierte Schriftstellerin zeigte sich aber auch als selbstbewusste Frau und Witwe. Nach dem Tode Achim von Arnims sammelte sie einen Kreis junger Verehrer um sich. Zu ihnen gehörte auch der 22-jährige Student Julius Döring, Sohn eines Provinzrichters aus der kleinen Stadt Wolmirstedt nahe Magdeburg. Was dann geschieht, nennt der Literaturwissenschaftler die Geschichte „einer politischen Bewusstwerdung in einer bleiernen Zeit“. Der Student Döring, der bisher die Schriftstellerin von Arnim nur aus der Ferne bewundert hat, fasst sich ein Herz, schreibt ihr einen „glühenden Brief“ – und Bettine antwortet tatsächlich.

Das geschieht im Januar 1839. Bettine, die in Berlin stets nur im hochgeschlossenen schwarzen Witwen-Habitus auftritt, lädt ihren Verehrer zu sich nach Hause ein, empfängt ihn alleine. „Und da funkt etwas“, so beschreibt es der Literaturwissenschaftler mit einem Schmunzeln. Wobei der „Überschuss ins Erotische“ eindeutig bei dem 22-jährigen Studenten gelegen habe.

Das Paar tauscht Küsse und Umarmungen – und künftig auch Briefe. Bis zum Herbst 1840 reicht der regelmäßige Briefwechsel, die letzten Schreiben stammen aus dem Jahr 1849. In den Briefen, die Wolfgang Bunzel jetzt zum ersten Mal veröffentlicht, wird aber nicht einfach nur eine leidenschaftliche Affäre dokumentiert. Sie erzählen Zeitgeschichte des Vormärz. Sie zeigen die Hoffnungen auf gesellschaftliche Liberalisierung, die von den Demokraten mit der Thronbesteigung von König Friedrich Wilhelm IV. in Preußen verbunden werden.

Und tatsächlich: Eine der ersten Taten des neuen Königs lässt aufhorchen. Er ruft 1840 die Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm an seinen Hof, die durch ihre aufmüpfigen Schriften gegen den Adel und ihre Beschwörung der Menschenrechte fast überall in Deutschland verfolgt worden waren.

Die letzte Liebe Bettina von Arnims mit dem so viel jüngeren Mann wird von ihr selbst beendet. Eines Tages antwortet sie Julius Döring nicht mehr und lässt seine Briefe ins Leere gehen. Doch der junge Jurist ist durch diese Beziehung entschieden politisiert worden. Er engagiert sich in einem demokratischen Club und kandidiert 1848 für die erste preußische Nationalversammlung.

Nach der Niederlage der bürgerlichen Revolution wird er gerichtlich belangt und vom Staat strafversetzt in den äußersten Osten Preußens, in die Gegend von Posen, im Volksmund auch „Preußisch-Sibirien“ genannt. Dort muss er zehn Jahre ausharren, bis er nach Berlin zurückkehren darf.

Aber Döring bleibt Zeit seines Lebens Demokrat: 1871, als das neue Deutsche Kaiserreich gegründet wird, gehört er zu den ersten Abgeordneten des neuen Deutschen Reichstages.

Wolfgang Bunzel hat seit Jahren gewusst, dass der Briefwechsel zwischen Bettine von Arnim und Julius Döring in den Zehntausenden von Blättern des Archivs des Freien Deutschen Hochstifts schlummerte. Es war der Frankfurter Literaturwissenschaftler Heiner Boehncke, der Bunzel dazu drängte, diesen literarischen Schatz zu heben.

Der Romantik-Forscher Bunzel, ein Mann von feiner Selbstironie, hat schon längst das nächste Buch ins Auge gefasst. „Die Bettine-Biografie wird definitiv kommen“, verspricht er. Aber der Literaturwissenschaftler ist auch noch Koordinator der kritischen Gesamtausgabe des Romantikers Clemens von Brentano. Und natürlich muss er die Eröffnung des Deutschen Romantik-Museums vorbereiten, das nur wenige Meter von seinem Büro am Großen Hirschgraben entfernt langsam der Vollendung entgegengeht. Mit Hämmern und Dröhnen von nebenan.

Mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen in der Romantik-Abteilung des Hochstifts arbeitet er auf das Jahresende 2020 hin – dann soll das neue Museum seine Pforten öffnen. Mit gelinder Verzögerung – ursprünglich war die Eröffnung schon für 2019 geplant. Doch der Rohbau liege derzeit einige Monate hinter dem Zeitplan, berichtet Bunzel.

Den Forscher aber ficht das nicht an. Seine Augen glänzen, wenn er von Bettine und ihren Zeitgenossen erzählt. „Das Ganze ist einfach nur begeisternd.“

Die Archive der Romantik

Das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt verfügt über die weltweit größte und bedeutendste Handschriftensammlung zur Literatur der Deutschen Romantik.

Die wichtigsten personenbezogenen Handschriften umfassen 175 Kartons.

Dazu zählen Bettine von Arnim (1785-1859), Achim von Arnim (1781-1831), Clemens Brentano (1778-1842), Adalbert von Chamisso (1781-1838), Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857), Friedrich de la Motte Fouqué, Karoline von Günderrode (1780-1806), Friedrich von Hardenberg („Novalis“, 1772-1801), Wilhelm Müller („Griechenmüller“, 1794-1827), Friedrich Schlegel (1772-1829), August Wilhelm Schlegel (1767-1845), Ludwig Tieck (1773-1853) und Johann Georg Zimmer (1777-1853).

Bettine von Arnim ließ den Briefwechsel unveröffentlicht und vermachte ihn einer ihrer Töchter.

Über die Familie kamen 97 überlieferte Briefe von Bettine von Arnim und Julius Döring in den Besitz des Hochstifts. Drei Schreiben gelten als verschollen.

Das Freie Deutsche Hochstift ist seit 1863 Träger des Goethehauses am Großen Hirschgraben in Frankfurt am Main und wurde später auch Träger des Goethe-Museums.

Gegenwärtig entsteht neben dem Goethehaus das neue Deutsche Romantikmuseum. 2012 hatte sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels von diesem Gelände zurückgezogen und war in das Haus des Buches, Braubachstraße 16, gewechselt.

Das Romantikmuseum soll von 2020 an 600 Quadratmeter für die Darstellung der Epoche bieten. Weitere 600 Quadratmeter sind für die Gemäldegalerie der Goethezeit sowie 600 Quadratmeter für Wechselausstellungen reserviert.

Geplant ist ein „Erlebnismuseum“. Das heißt: Es werden nicht einfach nur Manuskripte, Grafiken und Gemälde präsentiert. Die Besucherinnen und Besucher sollen durch interaktive und experimentelle Ausstellungsformate einbezogen werden.

Für das neue Museum und seine Einrichtung sind insgesamt 16 Millionen Euro an Investitionen veranschlagt. Von Bund und Land Hessen kommen jeweils vier Millionen Euro. Die Stadt Frankfurt beteiligt sich mit 1,8 Millionen Euro, das Hochstift und private Spender tragen 6,2 Millionen Euro. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare