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Heute schwer zu glauben, aber wahr: In dieser Trümmerwüste wohnten und wählten bald auch Menschen.
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Heute schwer zu glauben, aber wahr: In dieser Trümmerwüste wohnten und wählten bald auch Menschen.

Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg

Hoffnung in der Trümmerwüste

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor 75 Jahren wählte Frankfurt das erste Stadtparlament und den ersten Oberbürgermeister der Nachkriegszeit.

Vom Turm des Frankfurter Doms aus ging der Blick Anfang 1946 über eine bizarre Trümmerwüste, die ehemalige Altstadt. Im Zweiten Weltkrieg, den das Naziregime begonnen hatte, waren durch Bomben 4822 Personen getötet und 90 000 der 177 000 Wohnungen Frankfurts zerstört worden. Etwa 230 000 Menschen lebten zum Jahreswechsel noch in der Stadt, oft in Kellerlöchern ohne Strom- und Wasserversorgung. In dieser desolaten Situation begann vor 75 Jahren der politische Wiederaufbau. Im Januar 1946 starteten die ersten freien Kommunalwahlen zunächst in den kleinen Gemeinden Hessens, am 26. Mai 1946 wurde das erste Frankfurter Stadtparlament gewählt und am 25. Juli der erste Magistrat mit Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) an der Spitze.

„Die Wahlbeteiligung war enorm, die Menschen haben Schlange gestanden vor den Wahllokalen im Land“, erinnert sich der frühere Frankfurter Stadtkämmerer Ernst Gerhardt (CDU). Im Januar 1946 beteiligten sich 84,6 Prozent der Berechtigten an den Wahlen in den kleinen Orten, ein nie wieder erreichter Wert. Der heute 99-jährige Gerhardt war schon im August 1945 in seine zum großen Teil verwüstete Heimatstadt zurückgekehrt. „Ich war voller Hoffnung, aber auch voller Furcht“, erinnert sich der gläubige Katholik an das erste Jahr nach dem Krieg. „Das Unfassbarste für mich war, dass der Krieg wirklich zu Ende war und ich nicht mehr jeden Tag in den Bunker flüchten musste“, sagt Irmgard Behrendt, die im Mai 1946 ihren zehnten Geburtstag feierte. Auch bald ein Jahr nach Kriegsende warf sie sich sofort auf den Boden, wenn ein Flugzeug ihren Heimatstadtteil Niederursel überquerte, so sehr hatte die Angst vor den Geschossen der Tiefflieger sich in ihren Körper eingebrannt.

Die spätere Sozialdemokratin Behrendt und der Christdemokrat Gerhardt suchen nach Worten, wenn sie erklären sollen, woher sie 1946 die Kraft für einen neuen Anfang nahmen. „Die Leute waren einfach so dankbar, dass der Krieg aufgehört hatte“, so Behrendt, „und natürlich spielte das Ziel ‚Nie wieder Krieg‘ für uns eine Rolle.“ „Nie wieder Krieg: Das war für uns eine Selbstverständlichkeit“, sagt auch der CDU-Politiker Gerhardt und fügt hinzu: „Wir wollten einen moralischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau.“

Aber zunächst einmal ging es für beide ums nackte Überleben in der zerstörten Stadt. „Viele Menschen in Frankfurt haben ausgehungert ausgesehen“, erzählt Gerhardt, „die Leute haben in den Trümmern gehaust und jeder hat eine Ecke zum Überleben gesucht.“ Behrendt weiß noch, dass sie mit ihrer Mutter von den Feldern in Niederursel lebte: „Es gab zum Glück kleine Äcker mit Kartoffeln und Gemüse und außerdem Obstbäume.“ Als Kind sei sie von US-Soldaten mit Schokolade und Kaugummi beschenkt worden, außerdem „bekam ich Toastbrot mit Erdnussbutter, das war köstlich, und Kondensmilch, die ich einfach so getrunken habe, die war ganz wunderbar.“

Der Zeitzeuge Ernst Gerhardt ist 99 Jahre alt. Bild: Peter Jülich

Auf Lebensmittelkarten erhielten die Menschen pro Kopf und pro Woche 140 Gramm Fleisch oder Wurst, 50 Gramm Fett und 100 Gramm Zucker oder Rübensirup. „Fleisch kam bei uns nur sonntags auf den Tisch“, so Behrendt. Der damals 25-jährige Gerhardt arbeitete beim Elektrounternehmen Braun als Kaufmännischer Leiter des Kundendiensts und hatte so viel Kontakt zu US-Soldaten, die ihre Radios und andere Geräte zur Reparatur brachten. „Die waren sehr großzügig und steckten mir Zigaretten zu, die konnte ich als Nichtraucher dann für Essen eintauschen.“

Am 1. Februar 1946 wurde die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität wieder eröffnet, in Anwesenheit des von der US-Besatzungsbehörde ernannten parteilosen Oberbürgermeisters Kurt Blaum. Der von der Besatzungsmacht eingesetzte „Bürgerrat“ erlebte im Februar eine Enttäuschung: Die US-Militärregierung entschied sich, nicht Frankfurt, sondern Wiesbaden zur Hauptstadt „Groß-Hessens“ zu erheben. Am 1. April erlaubte die Besatzungsbehörde wieder den Briefverkehr von Frankfurt aus mit dem Ausland.

Ernst Gerhardt begann, sich politisch zu organisieren. Der Katholik war „ein Gegner der Nazis“, hatte sich schon als Mitglied der Katholischen Jugend mit Angehörigen der Hitlerjugend geprügelt. Während des Kriegs bei der Marine-Flak nahe Kiel organisierte er einen Kreis von Soldaten, die dem Regime kritisch gegenüberstanden: „Der Treffpunkt war meine Schreibstube, da haben wir Politik gemacht.“ 1946 trat er in Frankfurt in die „Katholische Junge Mannschaft“ ein. Vorbilder für Gerhardt waren damals der Linkskatholik Walter Dirks, der auf eine Verschmelzung von Katholizismus und Sozialismus hinarbeitete und der Soziologe und Widerstandskämpfer Eugen Kogon. „Die waren für mich wichtig.“

Zur gleichen Zeit traf Irmgard Behrendt eine furchtbare Nachricht. Ende Mai, wenige Stunden vor ihrem zehnten Geburtstag, erhielt ihre Mutter einen Brief vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Irmgards Vater war tot, erschossen in serbischer Kriegsgefangenschaft, wie es hieß. Die genauen Umstände konnten nie geklärt werden, ein Grab fand sich nicht. Die Zehnjährige musste fortan ohne Vater aufwachsen, wie viele andere Frankfurter Kinder. Noch heute fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen. „Es war schrecklich“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich habe immer geglaubt, dass es nicht wahr ist und er doch noch zurückkommt.“

Als Ersatz für den Vater kümmerte sich der Vermieter der kleinen Wohnung in Niederursel um sie, den sie als „Opa“ ansah. Der Schulunterricht für die Zehnjährige wurde 1946 in einem halbzerstörten Gebäude abgehalten, „das Fenster war zugemauert, es war sehr ärmlich“. Die Klasse zählte 56 Kinder, es gab keine Heizung.

Am 26. Mai 1946 wurden die Menschen in Frankfurt zur ersten freien Kommunalwahl nach der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufgerufen. Trotz schwierigster Bedingungen gaben 74 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die SPD wurde mit 41 Prozent stärkste Fraktion im Römer, die CDU lag mit 35,1 Prozent an zweiter Stelle. Die liberale LPD erreichte 11,8, die kommunistische KPD 11,6 Prozent. Da die US-Besatzungsbehörde aber eine Fünfzehnprozenthürde verfügt hatte, kamen weder LPD noch KPD ins Stadtparlament. Die US-Militärregierung wollte mit der Grenze von fünfzehn Prozent eine Zersplitterung der Politik im Römer verhindern.

Ernst Gerhardt wählte damals zum ersten Mal die CDU. „Und so ist es bis heute geblieben.“ Er lacht. Der frühere Frankfurter Stadtkämmerer fühlt sich heute noch den linken Katholiken Walter Dirks und Eugen Kogon verpflichtet. „Ich bin beiden treu geblieben, die CDU hat leider nicht auf sie gehört.“ Irmgard Behrendt wurde von ihrer Mutter davor gewarnt, sich parteipolitisch zu engagieren. „Sie war ihrer Gesinnung nach Sozialdemokratin, aber sie war strikt dagegen, in eine Partei einzutreten.“ Erst Jahre später, als sie den sozialdemokratischen Studenten Rembert Behrendt geheiratet hatte, trat auch die Bankkauffrau Irmgard Behrendt in die SPD ein. Ihr Ehemann stieg zum Direktor des Umlandverbands Frankfurt auf, er starb 2018.

Für das erste Frankfurter Stadtparlament mit seinen 60 Mitgliedern, davon lediglich acht Frauen, fand sich nur schwer ein unzerstörter Raum in Frankfurt, der groß genug war. Am 21. Juni 1946 kam die Stadtverordnetenversammlung im Saal des Polizeipräsidiums am Platz der Republik zusammen. Doch schon bei der Frage, wer erstes gewähltes Stadtoberhaupt der Nachkriegszeit werden sollte, gab es Streit. Die SPD präsentierte den Oberstadtdirektor von Düsseldorf, Walter Kolb, als Mann ohne Nazivergangenheit und unbelasteten OB-Kandidaten. Die CDU wollte an Kurt Blaum festhalten, der vor 1933 parteiloser OB von Hanau gewesen war. Am 25. Juli 1946 setzten die Sozialdemokraten mit ihrer Mehrheit von vier Stimmen Kolb als Stadtoberhaupt durch.

Der junge Christdemokrat Gerhardt erlebte den Sozialdemokraten Kolb als „wuchtige Persönlichkeit“ und guten Redner. Noch heute bescheinigt der CDU-Politiker dem politischen Gegner: „Er war sympathisch und populär, er hat angepackt.“ Erst im September 1946 aber einigten sich SPD und CDU im Römer auf einen gemeinsamen Magistrat, diese „Römer-Koalition“ sollte bis 1972 halten.

In der zerstörten Stadt Frankfurt ging es ans Aufräumen. Es galt, achtzehn Millionen Kubikmeter Trümmer zu beseitigen. Am 9. Oktober startete das Stadtparlament einen Aufruf „zur Beteiligung der Frankfurter Bevölkerung an der Trümmerbeseitigung“. Tatsächlich packten viele mit an. Die Kommune gründete die Trümmerverwertungsgesellschaft (TVG), die den Schutt systematisch wieder als Baumaterial aufarbeitete. Die Schülerin Irmgard Behrendt erlebte staunend, wie rasch gerade die Innenstadt frei geräumt wurde: „Es war unvorstellbar, wie schnell das ging.“ Sie erinnert sich an den Einsatz vieler „Trümmerfrauen“ bei der Beseitigung. Die Menschen, die geflohen waren, kehrten nach und nach wieder in die Stadt zurück. Am 1. Oktober 1946 waren wieder 424 000 Personen in Frankfurt gemeldet. Und ihre Zahl stieg weiter.

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