+
Lockt auch internationale Touristen an: das Höchster Porzellan. 

Höchst

Wirbel ums Höchster Porzellan

  • schließen

Museumsdirektor Jan Gerchow wirbt im Ortsbeirat für das Leuchtturmprojekt „Museum Bolongaro“. Ein „richtiges Museum“ solle entstehen.

Zwei Dinge hat Jan Gerchow in der Sitzung des Ortsbeirats 6 am Dienstag erledigt. Einmal hat der Leiter des Historischen Museums Frankfurt Überzeugungsarbeit geleistet. Für das neue Museum Bolongaro. Und er hat den Druck erhöht. Der Direktor wirkt ein bisschen genervt. Porzellanmuseum und Bürgermuseum unter dem Dach des Bolongaropalasts zu vereinen, sieht er als historische Chance an. Muss das aber ständig erklären. „Ich habe diese Frage schon ein paar Mal beantwortet“, sagt er. Aber, immerhin. Er ist da und antwortet.

Einen ganzen Katalog an Fragen hatte ihm das Gremium jüngst auf Drängen der CDU überstellt. Gerchow arbeitet Punkt für Punkt ab. 562 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche stünden im Bolongaropalast fürs Porzellan zur Verfügung. Im ersten und zweiten Stock.

Groß genug für die gesamte Sammlung ist das nicht, natürlich nicht, sagt Gerchow. Kein Museum zeige alle Schätze auf einmal. Auch das aktuelle im Kronberger Haus nicht. Die Flächen im Bolongaropalast böten ausreichend Platz, um die große Sammlung in „angemessener Fülle und modernen Fragestellungen zu präsentieren“. Apropos Kronberger Haus. Dort stünden 422 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche zur Verfügung. Anders lautende Zahlen hätten auch das Treppenhaus und den Keller miteingerechnet.

Forderungen des Brandschutzes

Knifflig ist die Frage nach möglichen Besucherzahlen in Bezug auf Statik und Brandschutz. Im ersten Stock des Bolongaropalasts dürfen sich nie mehr als 70 Besucher und drei Aufsichtspersonen auf einmal aufhalten. Das verlangt der Brandschutz. Obwohl der Statiker versichert, 20 bis 25 Personen würde jeder Raum wohl tragen. 25 Leute in einem 20 Quadratmeter großen Raum „wird niemand wollen“, scherzt Gerchow.

Im zweiten Stock wird es übersichtlicher. Da erlaubt der Brandschutz nur zehn Besucher und einen Aufseher gleichzeitig. Wobei Gerchow Potenzial zum Nachverhandeln sieht. Zusätzlich zu den zehn Einzelbesuchern dürften sicher geführte Gruppen im Stockwerk unterwegs sein. Weil sie ja geführt sind und somit über Fluchtwege und Verhalten bei Notsituationen instruiert.

Wäre der Palast also für ein Museum geeignet? 70 Besucher gleichzeitig, sagt Gerchow und zieht die Augenbraue hoch. Wenn man von einem stündlichen Wechsel ausgehe, könnten bei sieben Stunden Öffnungszeit und fünf Öffnungstagen 2450 Besucher die Woche kommen. „So viele kommen momentan pro Jahr.“

Die Erweiterung des Museums im Bolongaropalast würde die Stadt 3,1 Millionen Euro kosten, sagt Gerchow. Das Kronberger Haus könnte gleichwohl weiter als Porzellanmuseum dienen, räumt er ein. Die Sanierung ist aber überfällig und kostet 1,5 Millionen Euro. Plus: Kosten für die Neueinrichtung des Museums in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Sofern man das Potenzial, das der Bolongaropalast bietet, als Maßstab nimmt.

Chemieschränke als Vitrinen

So wie jetzt könne die Sammlung nicht bleiben, findet der Direktor. Die Vitrinen etwa, sind überholt, zusammengestückelt - manche sind alte Chemieschränke, andere selbst geschreinert. In einem zeitgleich zur Ortsbeiratssitzung in sozialen Medien erschienenen Videointerviews wird Gerchow deutlicher. „Die Ausstellung ist 25 Jahre nicht mehr bearbeitet worden“, sagt er. Jetzt bestehe die Chance, sie neu und attraktiver zu gestalten, moderner mit medialer Begleitung. Aus dem Porzellanmuseum könnte ein „richtiges Museum“ werden. Eines, das nicht nur am Wochenende empfängt.

Die Höchster zucken bei solcher Wortwahl zusammen. Tanja Huckenbeck zum Beispiel, Grafikerin und Künstlerin, äußert die Sorge, das Porzellan könnte im neuen Museum an den Rand rücken, nur mehr als Deko dienen. Immerhin gebe das Haus ja auch den Namen ab. Ihre Nachfrage ignoriert Gerchow prompt. „Das habe ich alles beantwortet“, sagt er knapp. Er sieht es eben anders herum. Für den Direktor bedeutet das Museum Bolongaro eine Aufwertung vom in die Jahre gekommenen Porzellanmuseum. Aber auch der Palastplanung habe eine kulturelle Mitte gefehlt. Die soll das Porzellan-, Bürger- und Geschichtsmuseum füllen.

Das Kronberger Haus würde dann an das Amt für Bau und Immobilien zurückgehen. Was daraus wird, kann Gerchow nicht sagen, nicht seine Baustelle. Renoviert müsste es trotzdem werden, die Kosten kämen für die Stadt oben auf die Rechnung. Nur ist das nicht mehr relevant fürs Museums- oder Palastbudget.

Der Ortsbeirat hat denn auch geschlossen seine Begeisterung für das Vorhaben ausgedrückt, wenn auch die CDU-Fraktion erst nach kurzer Bedenkzeit. Ein bisschen überfahren fühlen sie sich im Westen noch immer. „Es ist immerhin Höchster Porzellan, nicht Frankfurter“, sagt Tanja Huckenbeck. Jetzt muss noch der Haupt- und Finanzausschuss am heutigen Donnerstag die 400 000 Euro an Planungsmitteln freigeben. Gerchow hofft, dass es dann läuft. Wenn die Bauarbeiten am Palast zu weit fortgeschritten sind, werde sich das „Fenster der Möglichkeiten“ womöglich für alle Zeiten schließen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare