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Niddawehr in Frankfurt-Höchst.

Umbauten an der Nidda

An der Nidda wird umgebaut - für die Meerforelle

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In der Nidda sind wieder die Wehre abgesenkt, das dient der Familienplanung von Meerforelle, Döbel und Nase. Umbauten am Fluss sollen ihnen den Weg stromaufwärts dauerhaft erleichtern. 

Fisch müsste man sein. Na schön, das Leben ist auch gefährlich als Fisch, die Leute wollen dich dauernd aufessen und versauen dir das Wasser, in dem du schwimmst. Aber zurzeit ist es auch ein bisschen angenehm als Fisch in Frankfurt, denn die Frankfurter rollen dir gewissermaßen einen roten Teppich aus. Ganz konkret senkt die Stadtentwässerung seit Dienstag wieder die Nidda-Wehre ab, um dir, Fisch, den Weg stromaufwärts zu erleichtern.

Dienstagmorgen, Nidda-Ufer von Bonames stadteinwärts, der Wasserstand wird flacher und flacher, denn am Eschersheimer Schwimmbad ist das Wehr ganz heruntergekurbelt. Im wilden Strudel toben Fußbälle, Holzbalken und Unrat. Pass auf, Fisch, dass du dir nicht den Kopf stößt!

Es geht bei diesem Projekt offiziell meist um die Meerforelle, denn das ist ja schon ein Ding: dass die Meerforelle aus dem Ozean ausgerechnet nach Frankfurt schwimmt, den Rhein hoch, den Main hoch, die Nidda hoch, in unsere Nebenflüsschen. Was will sie denn hier? Nachwuchs will sie, ihren Laich absetzen will sie. Und nicht nur die stolze Meerforelle, sondern auch Barbe, Nase – eben Fische wie du und ich.

Ei gude, Barbe.

„Wir wissen inzwischen durch unsere Beobachtungen, dass sie die ganze Strecke schaffen“, sagt Roland Kammerer, der Technische Leiter der Stadtentwässerung, „die ganze Strecke hinauf zu den Laichgründen“. Woher wissen die Leute das? Sie knipsen den Fischen ein kleines Stück der Fettflosse ab, so dass sie wiederzuerkennen sind, wenn sie Monate oder Jahre später zurückkehren. Das Ganze ist kein Zeitvertreib für Hobbyangler, sondern das erfolgreiche Tun eines enorm breiten Bündnisses. Die Frankfurter Bürogemeinschaft für fisch- und gewässerökologische Studien (BFS) arbeitet seit 2007 im Auftrag der Stadt daran, der Bad Vilbeler Gewässerökologe Gottfried Lehr betreut es in der Wetterau, und die Fische müssen ja auch irgendwoher kommen: Die setzen die Leute von der Interessengemeinschaft Nidda und der Notgemeinschaft Usa im Erlenbach und in der Usa aus. 

Nun schwimmst du also erst mal stromabwärts, denn du bist ja eine Meerforelle, und du willst ins Meer. Dagegen spricht nichts. Runter kommen sie immer. Die Probleme beginnen, wenn sich der Kinderwunsch ein- und große Hindernisse in den Weg stellen. Denn so ein herkömmliches Stauwehr ist wie eine riesige Treppenstufe, hoch, zu hoch für uns kleine Fische. Also begann man vor acht Jahren, die Wehre zu bestimmten Jahreszeiten herunterzukurbeln. Und schaute, was passiert. 

Hallo, kleine Meerforelle.

Das gab auch Ärger. Anlieger beschwerten sich, der Wasserstand in der ganzen Umgebung sinke. Am Alten Flugplatz in Bonames saßen die Frösche auf dem Trockenen. Auch der Praunheimer Umweltberater Winfried Rindermann schlug 2014 Alarm: „Wie ich heute gesehen habe, ist das Wehr in Hausen wieder abgesenkt und der Altarm trockengefallen; Hunderte von Fischen sind in Restpfützen eingeschlossen und müssen verenden.“ Verantwortlich war ein Missgeschick, wie sich herausstellte – eine Pumpe war ausgefallen, die Fische konnten noch gerettet werden.

Den Schwierigkeiten standen handfeste Erfolge gegenüber. Am Praunheimer Wehr fing der junge Angler Wieland Grimm 2015 eine Meerforelle – und was für eine! Groß wie ein Kühlschrank. In Ordnung, das war Journalistenlatein, aber sehr groß, sagen wir: wie ein Fünfzehn-Pfund-Brot, wenn Bäcker so etwas büken. Und Grimm fing den Fisch nicht nur einmal, sondern gleich noch ein zweites Mal, wirklich, ganz ohne Latein, weil er sich nach dem ersten Versuch über seinen Fehler ärgerte, den Fang unterhalb des Wehrs in den Fluss zurückzusetzen.

In Praunheim ist das Wehr halt nicht renaturiert. Weiter Nidda-abwärts schon. Da treffen sich die Menschen mittlerweile im Sommer am Höchster Wehr, weil es so ein fantastischer Ort ist für Mensch und Tier, wunderschön anzusehen und leicht in beide Richtungen zu durchschwimmen. Ganz flach verläuft dort seit 2013 das Gefälle, vorbildlich für andere Staustufen oberhalb.

Und die Stadtentwässerung plant längst weitere Umbauten. Das Sossenheimer Wehr ist als nächstes dran, da wird in Kürze der Planfeststellungsbeschluss erwartet. „Aber wir müssen mindestens noch zwei Jahre rechnen für die weitere Planung“, sagt Roland Kammerer. In Rödelheim kann das Wehr bleiben wie es ist. Dort gewährleistet der frühere Mühlkanal seit Jahren die Wanderung der Fische. Sie müssen nur den richtigen Weg finden: nicht frontal aufs Stauwehr, sondern schlau drumherum. Wissen die das? „Die Fische wissen das“, sagt Kammerer und lacht. Die Ingenieure haben eine sogenannte Lockströmung eingebaut, die die Fische leitet. Und für die, die sich noch nicht gut auskennen, gilt die Devise: Immer der Nase nach.

Für das Hausener Wehr wurden den Bürgern schon die Umbaupläne präsentiert. Auch dort gilt es, vorhandene Altarm-Relikte zu nutzen. Das bewegliche Wehr wird abgerissen und durch eine feste, leichter überwindliche Sohlrampe ersetzt. Für Praunheim und Eschersheim greift eine Vereinbarung mit der Deutschen Bahn, sagt Kammerer. Sie muss als Ausgleichsmaßnahme für den viergleisigen Streckenausbau neue Wege für die Fische schaffen: in Praunheim eine zusätzliche Umschwimmung ums Wehr, in Eschersheim sollen der Urselbach und eine Querspange oberhalb des Wehrs helfen.

Wie lang das insgesamt dauern wird, bis die Fische freie Fahrt nach oben haben? „Schwer einzuschätzen, hängt von der Deutschen Bahn ab“, sagt der Stadtentwässerer. „Aber es gibt die Vorgabe: Bevor die Züge viergleisig fahren, müssen die Fische schwimmen können.“ 

Highway to Höchst: das renaturierte Wehr, vorbildlich. 

Das klingt nach einem guten Deal für Leute mit Flossen und Schuppen. Schon jetzt kämpfen sie sich mit bewundernswerter Energie gegen die Strömung, überspringen oft hohe Hindernisse, lassen sich durch fast nichts aufhalten. Und wenn das Vorwärtskommen einst überall leichter sein wird, klingt es nach feinem Fischreichtum. Grundlage war allerdings nicht der lokale Wunsch nach freiem Schwimm für freie Fische, sondern die Europäische Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000. Sie verlangt Durchlässigkeit der Fließgewässer in beide Richtungen.

Das seit 2011 praktizierte Absenken der beweglichen Wehre im Herbst und im Frühjahr sei keine Dauerlösung, sagt Roland Kammerer. Werde der Wasserstand zu lang gesenkt, schade das den Bewohnern der flacheren Altarme, etwa den Amphibien. „Und es geht bei der ganzen Aktion ja nicht nur um die Fische, sondern auch um die anderen Wasserlebewesen.“ Die Folgen für die Fische sind aber am besten zu beobachten.

Stell dir vor, du kehrst zurück in die Gegend, in der du aufgewachsen bist, um Kinder zu kriegen. In Frankfurt für Menschen praktisch unmöglich, wenn man sich die Mieten anschaut, die steigen, noch schneller als der Spiegel der Weltmeere in Zeiten des Klimawandels. Für Fische ist solcherlei Rückkehr auch nicht gerade ein Kinderspiel. Aber machbar, gerade jetzt. Auf geht’s, ihr Nasen und Barben und Döbel und Meerforellen, die Wehre sind noch für knapp zehn Tage abgesenkt.

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