+
Zakaria Abduljawad  in seinem Imbiss in der Adolf-Haeuser-Straße.

Höchst

Typisch syrisch, wie im guten Restaurant

  • schließen

Nach Jahren im Gefängnis baut sich Zakaria Abduljawad eine neue Existenz auf.

Zakaria Abduljawad spricht nur ein paar Brocken Deutsch. Aber gestikulieren kann der 54-Jährige ziemlich eindrucksvoll. Die fast zehn Jahre, die er in einem syrischen Gefängnis verbracht hat, stellt er mit vor der Brust gekreuzten Unterarmen dar. Er schlägt sich die Faust ins Gesicht, zeigt auf seine Zähne, zeigt auf seine Rippen. Mit dem Fuß tritt er in die Luft. Dann eilt er kurz davon, durchschnaufen.

Mehr möchte er vorerst nicht sagen, oder zeigen, über das Gefängnis. Denn heute soll es um etwas Schönes gehen: sein Lokal „Arabika“ an der Adolf-Haeuser-Straße, unweit der großen Kreuzung mit der Leunastraße.

Vor einem halben Jahr hat Abduljawad den hellen und freundlich wirkenden Imbiss eröffnet. Syrische Speisen gibt es dort, hinter dem langen Tresen dreht sich ein Schawarma-Spieß, die syrische Version des Döners.

„Ich liebe Essen“, lässt Abduljawad übersetzen. Zu Hause in Syrien hat er ebenfalls ein Restaurant betrieben, in der Provinz Idlib, der umkämpften Region im Nordwesten von Syrien. Koch ist Abduljawad nicht, er ist Netzwerker. Sein Lokal hat er genutzt, um Geschäftsfreunde und potenzielle Kunden zu bewirten. Eigentlich hat er mit Immobilien gehandelt. Eine weitere Leidenschaft. „Ich liebe Häuser.“

„Das ist typisch“, sagt Abdul-Ahmad Rashid. Syrer übten oft mehrere Berufe gleichzeitig aus. „Man muss sich ja über Wasser halten.“ Rashid ist weit gereister Journalist und Islamwissenschaftler. Außerdem Stammgast im Arabika. „Hier gibt es Speisen, die Sie sonst nur in guten Restaurants finden.“ Und nicht im Imbiss nebenan. Das Auberginen-Püree Baba Ghanoush, die Klöße aus Bulgur und Hack Kibbeh-Hamis, Ackerbohnen mit Olivenöl. Natürlich auch ein Schawarma-Sandwich auf die Hand.

Abduljawads Frau kocht, er bedient vorne am Tresen oder wuselt durch den Gastraum. Seit fünf Jahren lebt die Familie in Deutschland. In Höchst ist sie zufällig gelandet. Er hat ein Restaurant zur Pacht gesucht. Die Lage schräg gegenüber dem Bahnhof ist nicht ideal und die Gegend etwas ruppig. Er lächelt gequält. Einmal hat er kurz sein Handy auf dem Tisch vor der Tür liegen lassen. Als er rauskommt, ist es weg. Abduljawad fuchtelt erbost.

Doch bei allem Ärger: „In Deutschland sind die Menschen gleich“, sagt er. Es gibt einen Rechtsstaat. In Syrien gäbe es keine Gerechtigkeit. Er lehnt sich verschwörerisch über den Tisch: „Wer bezahlt, hat recht.“ Abduljawad hat das schmerzhaft lernen müssen. Mit 17 ist er politisch engagiert, nicht als Muslim-Bruder, sagt er. Im Gegenteil, in der Baath-Partei, die eine panarabische, säkulare und sozialistische Vision hat. Abduljawad gerät in den Streit zwischen dem syrischen und irakischen Flügel. Den Syrern gilt er als Oppositioneller, er kommt ins Gefängnis. Zehn Jahre später „hatte ich keinen eigenen Zahn mehr im Mund.“

Fortan hält er sich mit Politik zurück. Er arbeitet, gründet eine Familie, bringt es zu Wohlstand und zu neun Kindern. Doch richtig zufrieden ist er nicht. „Ich hatte immer einen Partner“, sagt er. Den Staat, der die Hand aufhält. Er hat bezahlt. „Ich konnte nicht machen was ich wollte.“

2012 kann er sich nicht mehr zurückhalten. Er demonstriert gegen das Regime. „Gegen Unterdrückung“, sagt er. Die staatliche Reaktion auf die Proteste ist heftig. Die Polizei schießt wahllos in die Menge. „Es war Krieg gegen die Zivilbevölkerung.“ Abduljawad hat Angst. Er will nicht wieder ins Gefängnis.

Also macht er sich auf die Reise, über die Türkei nach Libyen, er will übers Mittelmeer. Die Behörden halten ihn fest, wollen ihn abschrecken, sagt er, zeigen ihm die Toten, die an Land gespült werden. Dennoch setzt er sich in eine zwölf Meter lange Nussschale. 1200 Dollar zahlt er für die Überfahrt. Warum nach Deutschland? „Meine Tochter hat gesagt, ich muss dahin.“ Wegen der guten Schulen. „Mein Sohn geht auf die Uni“, sagt er stolz, „meine Tochter auch.“

Arabika Restaurant, Adolf-Haeuser-Straße 5, Höchst. Täglich 11-23 Uhr, Freitag und Samstag bis 24 Uhr. Telefon 93 49 04 31. Mobil 0163 / 7909971.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare