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Empathie ist eine Eigenschaft des Krankenhauspersonals, die Patienten den Aufenthalt angenehmer gestalten kann.

Krankenhaus

„Na, wie geht’s uns denn heute?“

Beobachtungen in einem Paralleluniversum mit eigenen Gesetzen, Regeln und Ritualen.

An einem frühen Sonntagabend wähle ich am Telefon die 112 und befinde mich wenig später in der Notaufnahme des Städtischen Klinikums in Höchst.

Eine Virusinfektion war erneut aufgeflammt und hatte den Blutdruck in ungeahnte Höhen getrieben.

Vor Ort: lange Gänge, kaltes Licht, Stimmengewirr, Rettungssanitäter, die ankommen und sich wieder entfernen, das Klappern von Absätzen und das Geräusch von Schritten, ein torkelnder Betrunkener, eine blasse junge Frau, die leise vor sich hin weint, genervte Menschen im überfüllten Warteraum, volle Behandlungszimmer, eine aggressive Stimmung, gehetzte Ärzte, Schwestern im Dauerstress.

Ich sitze ab jetzt unter der grauen Masse der Wartenden die Zeit ab.

Irgendwann kommt Unruhe auf. Das Oberhaupt einer türkischen Großfamilie verlangt lautstark nach einer Untersuchung der alten Mutter. EIN ARZT. JETZT. SOFORT.

Der Mann schreit, lässt sich auch von den Umstehenden nicht beruhigen. Ein Handgemenge entsteht; der junge Pfleger, der beschwichtigen will, erhält einen Schlag gegen die Brust. Ehe alles eskaliert, erscheinen zwei Polizeibeamte und führen den randalierenden Sohn ab. Kein Einzelfall. Befragungen ergeben, dass Ärzte und Schwestern, die in der Notaufnahme arbeiten, häufig mit Drohungen und Gewalt konfrontiert werden: 97 Prozent mit verbalen und 76 Prozent mit körperlichen Übergriffen.

Um die hohen Patientenzahlen (darunter auch immer mehr Leute unter Drogeneinfluss) und damit die langen Wartezeiten in der Ambulanz zu reduzieren, suchten die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und die Techniker Kasse nach Lösungen und nahmen die alarmierenden Ergebnisse zum Anlass, ein sogenanntes Höchster Modell zu fordern, das seit dem 1. Oktober 2017 funktioniert und auch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung zu finden ist: Eine Art Hausarztpraxis unter dem Klinikdach sortiert die Besucher vor. Die schweren Fälle bleiben im Krankenhaus, Bagatellfälle werden an den Bereitschaftsdienst der Kassenärzte oder an ambulante Praxen in der Nähe vermittelt. Inzwischen hat sich diese Einrichtung mit Modellcharakter schon bewährt. Für die Ärzte, zum Beispiel einen vielbeschäftigten Orthopäden, wurden neben der Notaufnahme zusätzliche Räume angemietet, in denen sie die Patienten begutachten können.

Freilich eine Gratwanderung, denn oft sind lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht auf Anhieb zu erkennen.

Privatstation – Privilegien

Mitternacht ist vorbei, als mir ein Zweibettzimmer im Hochhaus, 12. Stock links, zugewiesen wird. Ich habe das Bett am Fenster.

Am Morgen geht die Sonne über dem Frankfurter Westen auf. Blutrot, wie in der Karibik. In der Ferne glitzern die Bankentürme, der Main ein braunes Band, das Höchster Schloss, die alte Justinuskirche noch in einem Dunst, der die Konturen der Häuser verwischt.

Eine Schwester begrüßt mich freundlich, rollt einen Galgen herein und setzt eine Infusionsnadel, damit Kortison in meinen Körper tröpfeln kann.

Ich schaue mich um. An der Wand ein großer Flachbildschirm, unter meinem Nachttisch ist ein Mini-Kühlschrank eingebaut, auf dem Nachttisch steht als Präsent ein „Beautycase“ mit Gesichtscreme, Zahnbürste, Seife, Duschgel und Körperlotion. Ein kleines Schildchen heißt mich „Herzlich Willkommen“.

Die Dame, die Wünsche erfüllt, erscheint mit drei Frankfurter Tageszeitungen und einem Obstkorb. „Möchten Sie eine Banane, einen Apfel oder lieber eine Birne?“

Später kommt sie noch einmal. „Hätten Sie gerne ein Himbeertörtchen oder ein Stück Streuselkuchen, vielleicht mit einem Cappuccino“?

Meine Frage hängt noch in der Luft, als meine Bettnachbarin sagt: „Haben Sie nicht gewusst, dass wir hier auf der Komfortstation sind, mit besonderem Service und persönlicher Betreuung?“

Und ich dachte immer, die Höchster Klinik sei ein klassenloses Krankenhaus.

Frau B.

Meine Mitpatientin, Frau B., hat eine Lungenkrebsoperation hinter sich. Noch trägt sie mit Würde das rückenfreie Flügelhemdchen, und wenn sie aufstehen will, muss sie die Schläuche, an die sie gefesselt ist, und den durchsichtigen Beutel, der mit Blut und Sekreten gefüllt ist, immer mitschleppen.

Sie ist eine willensstarke, selbstbewusste Persönlichkeit, spricht mit einer lauten Stimme und wohnt in einem westlichen Stadtteil, nahe am Wald. Sie hat ein dichtes Netzwerk geknüpft aus Nachbarn, Freunden und Familie und bekommt viel Besuch. Ihre Tochter, ihr Schwiegersohn, die Damenriege vom wöchentlichen Lauftreff, eine von ihnen bringt einen Strauß Schneeglöckchen mit, von der großen Wiese, auf der sich täglich die Hunde aus dem Ort treffen.

Helden des Alltags

Hier auf der Station herrscht offenbar kein Pflegenotstand. Alles wirkt gut organisiert, und die Ärztinnen und Ärzte, die Schwestern, Pflegerinnen und Pfleger sowie die Therapeuten und die Reinigungskräfte arbeiten Hand in Hand, mit Empathie, liebevoll und professionell. Luisa, die quirlige, sympathische Praktikantin, die Medizin studieren möchte, ist eine der jungen Leute mit besonders großem sozialem Engagement. An einem Donnerstag wird sie sich Einweghandschuhe überstülpen und als Prüfungsaufgabe Frau B.s große, genähte Operationswunde sorgsam reinigen, neu verbinden und von der Prüferin Bestnoten erhalten.

Der Professor

Jeden Morgen um Punkt 6 Uhr betritt der Hauptdarsteller die Höchster Theaterbühne, um nach Frau B. zu schauen, bevor er wenig später seinen täglichen Auftritt im OP-Saal hat, in dem sich häufig klassische Dramen in mehreren Akten abspielen.

Der Professor ist einer der Stars unter den ärztlichen Künstlern, Könnern und Kollegen im Klinikum. Der schlanke, sportliche Mann spielt seine Rolle perfekt. Routiniert. Diszipliniert. Zu seinen Patienten verhält er sich mal kühl und knapp, mal leicht gereizt, dann wieder zugewandt und in charmanter Plauderlaune.

Ich stelle mir vor, wie er, im Auto sitzend, auf der Fahrt von seinem Wohnort zu seiner Arbeitsstätte, im Geist die vor ihm liegenden Operationen durchgeht: das Karzinom an der Bauchspeicheldrüse von Frau S., das ihm Kopfzerbrechen bereitet, und der Nierentumor eines 38-Jährigen, mit Metastasen.

Später wird der Professor wie meistens sechs bis acht Stunden am Operationstisch stehen. Er wird das Skalpell ansetzen und präzise wie ein versierter Handwerker einen scharfen Schnitt in die Haut und in den Körper eines Menschen vollziehen und gegen die Uhr und für das Leben kämpfen.

Ist er Herr über Leben und Tod? Große Worte. Woher nimmt er die Energie und die mentale Stärke? Seine Kraftquelle seien die Familie und die Natur, sagt er.

Der Vater von zwei Kindern liebt das Skifahren, und er erzählt, dass er, um den Kopf freizubekommen, mit Tochter und Sohn bisweilen auch zum Zelten ins Gebirge fährt.

Tage und Nächte

Die Zeit wird lang in einem Krankenzimmer. Vor allem an Wochenenden, wenn der Betrieb auf Sparflamme läuft. Was ist zu tun? In der Nacht kann man den Mond sehen, den Stadtteil unten wie mit Legosteinen aufgebaut, weiter hinten die Lichter einer Großstadt.

Am Tag schlafen, dösen, an die Decke starren, auf dem Flur hin und her wandern, auf das Essen warten (mittags gut und schmackhaft, abends ein Trauerspiel mit bitterem Schnittbrot, billigem Käse und harten Kohlrabischnitzeln als Rohkost). Warten, dass die Schwester erscheint und von Schlauch und Kortison befreit, warten auf die Arztvisite („Na, wie geht es uns denn heute?“), warten auf den Rettungshubschrauber, der direkt am Bett vorbeischwebt, in seinem Innern auf einer Trage vielleicht ein Unfallopfer mit zerschmetterten Gliedmaßen.

Perspektiven und Visionen

In einer Studie des Rheingold-Instituts für psychologische Medien- und Kulturforschung in Köln wurden die seelischen Prozesse von Ärzten, Patienten und Pflegekräften im Klinikalltag durchleuchtet. Die Soziologen kamen zu der Erkenntnis, dass der Aufenthalt in einem Krankenhaus alle Beteiligten mit einer existenziellen Schicksalsdramatik konfrontiert und dass sich Patienten ohnmächtig, schutzlos, entmündigt und ihrer Intim- und Privatsphäre beraubt in einer Gegenwelt wiederfinden – konträr zu ihrem gewohnten Alltagstrott zu Hause.

Daraus sollten umfangreiche Verbesserungen für ein künftiges Krankenhaus abgeleitet werden.

In Höchst wird derzeit mit Hochdruck an der Fertigstellung einer der modernsten Kliniken in Deutschland gearbeitet. An der teuersten Baustelle in Frankfurt werden regelmäßig internationale Besuchergruppen durch den Rohbau geführt.

Das ehrgeizige Prestige- und Vorzeigeprojekt ist mit dem Anspruch angetreten, ein technisch perfektes und menschlich optimales Krankenhaus der Zukunft zu schaffen, mit einer hochwertigen medizinischen Versorgung für alle Bürger.

Eine einmalige Chance. Allerdings unter der Voraussetzung, dass Behörden, Planungsentwickler, Architekten und Ärzte, Pfleger und Patienten gemeinsam am runden Tisch sitzen und ihre praxiserprobten Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen einbringen.

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