Rubi (rechts) und ihre Mutter Nele Oevermann mussten zwei Jahre warten, bis sie ins Chemielabor durften.

Höchst

Mutter-Kind im Labor

Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft lädt zum „Kemie“-Projekt in den Industriepark. 

Die Sonne strahlt über der Stadt und am Main ahnen die Passanten schon den Frühling. Im Provadis Ausbildungslabor im Industriepark Höchst spielt das am Samstagvormittag keine Rolle. In dicken schwarzen Arbeitsschuhen, blauen Kitteln und durchsichtigen Schutzbrillen stehen der elfjährige Yassin Kiloul und seine Mutter Fatima El-Madaghri am Rührkessel. Mit vereinten Kräften ziehen sie die Schrauben der Dichtung fest.

Dann öffnet Yassin die Leitungsventile und El-Madaghri erhöht den Druck im Kessel. Es zischt und spritzt, bis kalkig weiße Flüssigkeit ins Auffanggefäß vor Yassin fließt. „Iiih,“ schreit er und dann: „Mama, guck mal!“ „Ich kann nicht, ich muss auf den Druck achten!“, ruft die Mutter von der anderen Seite der Anlage. Dann huscht sie doch kurz rüber und beide beobachten, wie sich der Kalk im Sieb langsam absetzt.

Die beiden sind eines von insgesamt 48 Eltern-Kind-Paaren, die dieses Jahr in drei Gruppen am „Kemie“-Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt teilnehmen. Einmal im Monat führen Eltern und Kinder drei Stunden lang chemische Experimente durch. Fenja Bodesheimer, Doktorandin der Chemiedidaktik an der Universität Frankfurt, leitet sie dabei an.

Jetzt begutachtet Bodesheimer Yassins Kalkprodukt. „Das sieht aus wie Käsekuchen,“ sagt sie zufrieden. „Den Kalk brauchen wir für Kreide und Zahnpasta,“ erklärt der Gymnasiast aus Hausen. Bodesheimer hat bereits 2016 ihre Examensarbeit über „Kemie“ geschrieben. Damals erhielt das praxisnahe Lehrkonzept, das die Ruhr-Universität Bochum entwickelt hat, den Polytechnik-Preis für herausragende didaktische Leistungen. Die Experimente drehen sich vor allem um Lebensmittel.

Yassin Kiloul und seine Mutter Fatima El-Madaghri stellen gemeinsam Kalk am Rührkessel her.

Normalerweise findet „Kemie“ in den Schülerlaboren der Universität Frankfurt statt. Heute tüfteln die Nachwuchs-Chemiker ausnahmsweise im Ausbildungslabor im Industriepark Höchst und werden dabei von Stefan Hinkel unterstützt. Der Provadis-Ausbilder ruft den Kindern laut Tipps zu, während er von einem Rührkessel zum anderen läuft. Auch als das Abwasser überlauft und den Laborboden überschwemmt, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.

Um die Kalkherstellung zu lernen, haben angehende Chemielaboranten normalerweise zwei Wochen Zeit. Für „Kemie“ haben die Ausbilder den Stoff vereinfacht und auf drei Stunden zusammengedampft, verrät Bodesheimer. „Uns geht es darum, jungen Menschen zu zeigen, wie spannend Chemie sein kann,“ erklärt Michael Müller vom Industriepark Höchst.

„Kemie“ wendet sich an Frankfurter Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren. Nele Oevermann hat vor zwei Jahren über den Schulelternbeirat davon erfahren und sich gleich bei der Polytechnischen Stiftung beworben. Doch das Projekt ist begehrt und so hat sie für ihre Tochter Rubi erst in diesem Jahr einen Platz bekommen. „Ihre kleinen Brüder wollen auch noch unbedingt mitmachen,“ sagt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare