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JVA Höchst: Den Knast vor dem Vergessen bewahren

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Von: Michael Forst

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Stacheldraht gegen Fluchtversuche: Die Justizvollzugsanstalt Höchst steht mitten im Stadtteil an der Hospitalstraße.
Stacheldraht gegen Fluchtversuche: Die Justizvollzugsanstalt Höchst steht mitten im Stadtteil an der Hospitalstraße. © Maik Reuß

Stadtteilhistoriker Harald Pinhack hat sich einem düsteren Kapitel der Geschichte der JVA Höchst gewidmet. Er hat die Zeit zwischen 1933 und 1945 erforscht und dazu Zeitzeugen befragt. Seine Recherche ist in einem 50 Seiten starken Heft nachzulesen.

Wie kann ein städtisch-staatliches Gebäude in Vergessenheit geraten – ein Gefängnis, das nahezu hundert Jahre in unmittelbarer Nähe des Finanzamtes, des Städtischen Krankenhauses, der Robert-Blum-Schule und einigen Wohnblocks stand und als ,guter Nachbar‘ bezeichnet wurde?“ Diese Frage hat Stadtteilhistoriker Harald Pinhack nicht mehr losgelassen. Er wollte Licht ins Dunkel der Geschichte bringen über die ehemalige Höchster Justizvollzugsanstalt an der Gerlach-/Hospitalstraße – mit Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Zeit zwischen 1933 und 1945. Erbaut wurde sie bereits anno 1911.

In dem knapp 50 Seiten starken Heft wirft Pinhack einige Schlaglichter auf konkrete menschliche Schicksale, die mit dem Gefängnis verknüpft sind. Dazu gehört eine Zeitzeugin, die ihn ansprach, als er im Oktober 2020 vom Areal Fotos machte. Die Seniorin, die anonym bleiben will, war 1939 in der Gerlachstraße, gegenüber des Gefängnisses, geboren worden, hatte im Luftschutzkeller des Amtsgerichts laufen gelernt und als kleines Mädchen zu Weihnachten und Ostern für die Gefängnisinsassen gesungen. Zeitlebens habe sie „in guter Nachbarschaft mit dem Gefängnis gelebt“, sagt sie.

Ähnlich beschreibt Waltraud Beck von der Höchster AG Geschichte und Erinnerung die JVA. Bezogen auf die Zeit von 1933 bis 1945 sei sie trotz ihrer bedrohlich wirkenden Mauern „unauffällig“. Pinhack wirft einen Blick auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem „wilden KZ“ in der späteren McNair-Kaserne: In den Bau aus französischer Besatzungszeit warfen die Nazis nach dem Machterhalt 1933 ihre politischen Gegner zu Hunderten. Dafür habe das Gefängnis zum einen nicht die nötigen Kapazitäten besessen, zum anderen seien die „Verhaftungen“ nur unter Duldung der Justiz geschehen, hätten also bei einer Einweisung in eine offizielle Haftanstalt rechtlicher Voraussetzungen bedurft.

Pinhack berichtet auch von mindestens 22 Zeugen Jehovas, „Bibelforscher“ genannt: Männer wie Frauen, die dort während des Dritten Reichs inhaftiert waren. „Meist war der Aufenthalt in Höchst nur ein Zwischenstopp auf der Odyssee durch Haftanstalten und Konzentrationslager“, so der Hobbyhistoriker. Das belegten detaillierte Listen aus dem Archiv Zentraleuropa der Zeugen Jehovas.

Zu den Opfern gehörte nach seiner Recherche Adolf Krämer, dem in Griesheim ein Stolperstein gewidmet ist. Am 16. März 1937 wurde der als „äußerst fanatischer Anhänger“ bezeichnete Krämer ins Gefängnis Höchst eingewiesen. Ein Sondergericht verurteilte ihn am 4. Juni 1937 zu vier Monaten Haft. Bereits am 3. Juli 1937 wurde er entlassen, kam aber umgehend in „Schutzhaft“ und wurde am 5. August nach Buchenwald gebracht. Krämer überlebte knapp die Zeit im KZ und kehrte im Mai 1945 nach Frankfurt zurück.

Auch über das Gefängnis in der Nachkriegszeit sprach Pinhack mit Zeitzeugen; von Besuchern über Geistliche bis hin zu Bewährungshelfern. Etwa mit Bilal Can, der bis zur Schließung des Gefängnisses 2011 in Absprache mit der Gefängnisleitung Fußballturniere innerhalb der Mauern veranstaltete. Bei 15 Turnieren und 900 Spielern waren es rund 260 Fußbälle, die im Stacheldraht ihre Luft aushauchten.

Harald Pinhack ist Stadtteilhistorischer und hat die Geschichte der JVA Höchst recherchiert.
Harald Pinhack ist Stadtteilhistorischer und hat die Geschichte der JVA Höchst recherchiert. © Privat

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