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Schockiert von den Vorwürfen gegen das Klinikum Höchst: Gesundheitsdezernent Stefan Majer.

Psychiatrie 

Vorwürfe gegen Klinikum Höchst: „Ich erwarte lückenlose Aufklärung“

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Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) spricht im FR-Interview über Konsequenzen nach der TV-Berichterstattung über das Klinikum Höchst.

Die Psychiatrie des Klinikums Höchst ist in die Schlagzeilen geraten. In der RTL-Sendung „Team Wallraff“ zeigte eine verdeckt arbeitende Reporterin schlimme Missstände in der Akutstation auf. Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) nimmt die Vorwürfe sehr ernst.

Herr Majer, wie haben Sie reagiert, nachdem Sie am Montagabend den Undercover-Bericht vom „Team Wallraff“ gesehen hatten? 
Ich war natürlich zunächst einmal schockiert. Die Bilder, die ausgestrahlt wurden, sind verstörende Bilder. Nach der Sendung habe ich umgehend mit der Klinikleitung telefoniert, und wir haben vereinbart, dass alle Vorwürfe umgehend und vollumfänglich aufgeklärt werden.

Es soll auch Versuche gegeben haben, die Ausstrahlung juristisch zu verhindern. Waren Sie darin eingebunden?
Ganz klar: nein. Weder ich noch das Klinikum als Institution wollten die Ausstrahlung verbieten lassen. So etwas wäre mit mir als Gesundheitsdezernent keinesfalls zu machen.

Mit dem Abstand von ein paar Tagen: Was sagen Sie zu den Bildern?
Ich habe mich in den vergangenen Tagen oft an meine Zeit als Leiter eines ambulanten Pflegedienstes erinnert. Da hatten wir manchmal Patienten, die wir wegen Selbst- oder Fremdgefährdung in die geschlossene Abteilung von Psychiatrien einweisen mussten. Das ist für alle Beteiligte, zuallererst natürlich für die Patienten und ihre Angehörigen, eine der schwierigsten Situationen überhaupt. Aber auch für die Ärzte und das Pflegepersonal in den Psychiatrien. Jede Zwangsmaßnahme ist ungemein belastend.

Das klingt, als könnten Sie es nachvollziehen, dass das Personal des Klinikums in Höchst zumindest in dem TV-Beitrag schroff, empathielos und unprofessionell agiert. 
Um Himmels willen: nein. Ich will aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Situation in einer geschlossenen Psychiatrie eine sehr schwierige ist. Ich sage aber nochmals ganz klar: Absolut alles, was in dem Film zu sehen ist, muss und wird lückenlos aufgeklärt werden. Das erwarte ich von allen Beteiligten. Und das betrifft sowohl Einzelfälle, in denen sich das Personal möglicherweise falsch verhalten hat, als auch strukturelle Fragen, die zu Missständen geführt haben können.

Lesen Sie hierzu auch unseren Bericht zu den Missständen in der Höchster Psychitrie

In dem Beitrag ist zu sehen, wie Patienten abgewiesen werden, wenn sie frische Sachen haben wollen, man sieht Ärzte, die die Visite in wenigen Sekunden auf dem Flur abhalten, viele Patienten wirken verzweifelt, aber ihnen wird einfach nicht geholfen. Diese Darstellung ist für das Klinikum doch eine Katastrophe.
Ich hoffe, dass keiner pauschal den Stab über dem Personal brechen wird, ohne dessen Sichtweise gehört zu haben. Selbstverständlich werden die Verantwortlichen im Klinikum darlegen, ob und, wenn ja, was schiefgelaufen ist. Und dabei wird externer Sachverstand hinzugezogen.

Sie haben eben mögliche strukturelle Probleme angesprochen. Eines scheinen die baulichen Gegebenheiten zu sein: Auf der Station ist es offenbar zu eng, das Gebäude ist heruntergekommen. Können Sie hier Abhilfe schaffen? 
Nicht sofort, das muss man leider sagen. Der Neubau der Psychiatrie ist Teil der Planung für das neue Klinikum. Aber eben nicht im ersten Bauabschnitt.

Wie groß ist der Personalmangel? In dem Film sagen immer wieder Mitarbeiter, es gebe nicht genügend Personal, um etwa die gesetzlich vorgeschriebene Eins-zu-eins-Betreuung von fixierten Patienten zu gewährleisten.
Die Klinikleitung hat dazu erklärt, dass sämtliche rechtlichen Vorgaben beachtet würden, aber auch das werden wir überprüfen. Das generelle Problem ist jedoch, dass weniger die Stellen fehlen als die geeigneten Bewerber. Daher werden zumindest kurzfristig wohl viele Kliniken in Deutschland damit klarkommen müssen, dass Stellen zeitweise unbesetzt bleiben.

Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer - Zur Person

Stefan Majer (60) ist seit Juli 2016 Dezernent für Personal und Gesundheit der Stadt Frankfurt und damit unter anderem für den schwierigen Bereich der Drogenpolitik zuständig. Zuvor leitete der 60-jährige Grüne die Verkehrspolitik der Stadt.

Der studierte Theologe wuchs in Tübingen auf, bevor er nach Frankfurt kam, wo er zunächst für die Aids-Hilfe arbeitete. Als Leiter eines ambulanten Pflegedienstes hatte er auch Kontakt mit der Psychiatrie.

Im Interview beschreibt er, wie belastend es für die Patienten und ihre Angehörigen, aber auch für die Ärzte und das Pflegepersonal ist, wenn jemand in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingewiesen werden muss, weil er sich selbst oder andere gefährdet. Es sei, so Majer, „eine der schwierigsten Situationen überhaupt“. Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) sprach von einem „erschütternden Fernsehbericht“. Das Ministerium als Fachaufsicht habe am Dienstag sofort beim Krankenhaus eine „klare Stellungnahme“ angefordert. „Anschließend müssen wir mögliche Konsequenzen prüfen.“

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