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Würde sich selbst nicht als Legende bezeichnen: Ian Gillan.

Deep-Purple-Sänger Ian Gillan

Ian Gillan über Weihnachten und Rock meets Classic

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Deep-Purple-Sänger Ian Gillan tourt wieder mit „Rock meets Classic“. Im März gastiert die Show in Höchst.

Alice Cooper hat es getan, Kim Wilde auch. Steve Lukather von Toto, Francis Rossi und der 2016 gestorbene Rick Parfitt von Status Quo ebenfalls. Eric Bazilian von den Hooters und Chris Thompson von Manfred Mann's Earth Band waren sogar schon mehrmals dabei. Am häufigsten aber hat Ian Gillan mitgemacht in der Crossover-Show „Rock meets Classic“, die seit 2010 einmal pro Jahr vor allem durch Deutschland tourt. Ob „Smoke on the Water“, „Poison“, „Lady in Black“, „Johnny B.“ oder „In the Army Now“: Etliche Klassiker der Rockgeschichte hat das Format mit Orchester und den jeweiligen Frontmännern und -frauen auf die Bühne gebracht. Im FR-Interview spricht Ian Gillan über die Show, klassische Musik und Legendenbildung zu Lebzeiten.

Mr. Gillan, bald ist Weihnachten. Wie verbringen Sie die Festtage?
Mit Deep Purple habe ich gerade einen Abschnitt unserer „Long Goodbye Tour“ beendet. Jetzt mache ich erst mal Ferien, zu Hause, in meinem Domizil in Portugal. Ich will ein paar Freunde treffen, nach Weihnachten mache ich Urlaub in der Karibik. Danach mache ich mich wieder an die Arbeit, ein paar Sessions, ein paar Aufnahmen. Und Ende Februar geht es los mit der „Rock meets Classic“-Tour.

Viele Rockmusiker und Bands, nicht zuletzt Deep Purple, haben Ausflüge in die Klassik unternommen oder klassische Elemente in ihren Songs verwendet, Crossover-Projekte gibt es etliche. Sie sind nun zum vierten Mal Headliner von „Rock meets Classic“. Warum ausgerechnet diese Show?
Genau deswegen freue ich mich immer, mit deutschen Journalisten zu sprechen: Sie stellen mir Fragen, die ich mir selbst nie stellen würde (lacht). Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Antwort hier ist: Es gibt Dinge, die bleiben einem in guter Erinnerung, weil sie einen zum Lachen oder Staunen gebracht haben. Und wenn ich an „Rock meets Classic“ und an das Publikum denke, muss ich einfach lächeln. Ich hatte immer eine gute Zeit, jedes Mal, wenn ich dabei war. Ich habe gute alte Freunde getroffen oder neue kennengelernt. Ich hatte eine wundervolle Zeit mit Rick Parfitt auf der Tour 2015. Großartig war es auch mit Steve Lukather von Toto 2012. Die Stimmung im Backstage-Bereich ist grandios, es herrscht ein fröhliches Kommen und Gehen. Alle müssen nur ein paar Songs singen, aber diese Songs kennt jeder im Publikum. Und das ist die Essenz der Show, das ist entscheidend für „Rock meets Classic“.

Rocklegenden spielen mit Sinfonieorchester: Gefällt es Ihnen, als Legende bezeichnet zu werden?
Ehrlich gesagt: Es ist ein Schock für mich. Ich liebe das Performen, das Schreiben, das Reisen, die Interaktion mit anderen Menschen. Ich liebe und genieße mein Leben. Der Begriff schockiert mich in seinem wörtlichen Sinne, weil man nach meinem Verständnis erst tot sein muss, um zur Legende zu werden.

Nichtsdestotrotz: Sie sind einer der Wegbereiter des Hard Rock und des Heavy Metal, Musik, die einst für viele klang wie der Abgesang aufs Abendland. Dabei sind Sie klassisch geschult.
Ich bin mit Klassischer Musik aufgewachsen. Mein Großvater war Opernsänger, mein Onkel Jazz-Pianist, meine Oma liebte Ballett. Ich selbst sang im Kirchenchor Knabensopran. So lernte ich viel über Klassik, sie war und ist Teil meines Lebens.

Und Ihrer Musik. Schon früh haben Sie und Deep Purple, speziell auch der 2012 gestorbene Organist Jon Lord, Rock und Klassik kombiniert. Zum Beispiel im „Concerto for Group and Orchestra“ von 1969, von dem die Originalpartituren verloren gingen.
Jon Lords „Concerto for Group and Orchestra“ ist ein Werk, das speziell dafür geschrieben wurde, die beiden Elemente Band und Orchester zu integrieren. Es ist ein einzigartiges, lyrisches und dynamisches Musikstück.

Also schon etwas Anderes als „Rock meets Classic“.
Bei „Rock meets Classic“ werden bereits geschriebene Rocksongs orchestriert und bekommen dadurch eine andere Struktur und Dynamik, das Orchester macht den Sound voller und mächtiger. Auch visuell ist diese Show auf der Bühne sehr eindrucksvoll, sie ist über die Jahre größer und spektakulärer geworden. Die erste Show, an der ich mitwirkte, war noch relativ klein. Jetzt ist sie richtig gut.

Was gefällt Ihnen als Musiker an der Show?
In „Rock meets Classic“ geht es nicht darum, anspruchsvolles oder experimentelles Material zu präsentieren. Es geht darum, bekanntes und beliebtes Repertoire zu spielen, und zwar in großem Stil, mit Orchester und mit Band. Das fühlt sich einfach gut an. Ich liebe es, wenn Orchestermusiker aufstehen und tanzen. Das sind keine langweiligen, altmodischen Fuddy-Duddys, die steif und konzentriert auf ihrem Platz hocken. Außerdem ist „Rock meets Classic“ eine große Abwechslung für mich, etwas, das sich komplett unterscheidet von Deep Purple und von meinen Solo-Projekten. Aus psychologischer Sicht ist das extrem entspannend.

Inwiefern?
Es ist eine sehr komplexe Show, aber es gibt nur eine Probe am Vortag der Tour, und die ist mehr eine technische Angelegenheit, um sicherzustellen, dass die Anweisungen, das Timing, die Scheinwerfer, die Ventilatoren und solche Dinge funktionieren. Es sollten schon alle wissen, was sie tun müssen. Und dann gehen wir auf die Bühne und die Show beginnt. Die Atmosphäre ist gut, da gibt es keinen Platz für Primadonnen oder sowas. Für uns Musiker ist „Rock meets Classic“ nur ein Exkurs, aber er ist fabelhaft.

Gab es mal etwas, das musikalisch nicht so lief, wie es sollte?
Nein. Alle im Orchester kennen die Stücke, kennen ihre Partituren. Ein paar Kleinigkeiten lassen sich vielleicht noch verbessern. Doch die Atmosphäre ist locker, viele junge Musiker können sich ausprobieren. Im Vordergrund steht der Spaß. Das ist einer der Unterschied zwischen „Rock meets Classic“ und einem klassischen Orchesterkonzert.

„Rock meets Classic“ tourt fast nur durch Deutschland, ein paar Konzerte gibt es auch in Österreich und in der Schweiz. Wie kommt das?
Deutschland ist das musikalische Herz von Europa. Das war schon immer so, schon in meiner Generation. Als ich jung war, waren die Möglichkeiten Musik zu machen, sehr begrenzt in England. Wir spielten im Hinterzimmer eines Pubs, in einer Sporthalle, einer Schule. Und wenn man in einem Blues-Club auftrat, dann höchstens einmal pro Woche. Wer aber damals nach Deutschland gegangen ist, nach Frankfurt, Köln, Hamburg oder München, hat fünf Konzerte pro Nacht gegeben, und das zwei Wochen lang. Dann ist man weitergezogen in die nächste Stadt oder in den nächsten Club. Fast alle jungen Musiker damals haben so in Deutschland ihre Profikarriere gestartet. Deshalb wundert es mich gar nicht, dass heute ein Format wie „Rock meets Classic“ dort erfolgreich ist. Eine große Rolle spielt auch das deutsche Publikum, das generell sehr kundig und gebildet ist. Außerdem ist es fair und lässt sich weniger lenken von sporadischen Moden, wie es in England oft der Fall ist. Musik erfährt in Deutschland eine stetige Anerkennung und Ehrung. Das mag und schätze ich sehr. Deswegen ist Deutschland für mich das pulsierende Herz der Musik.

Interview: Meike Kolodziejczyk

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