Thomas Reichert (l.) ist Inhaber der Metzgerei Haxen- Reichert in Höchst.
+
Thomas Reichert (l.) ist Inhaber der Metzgerei Haxen- Reichert in Höchst.

Interview

Fleischerinnung: „Tierschutz geht nicht industriell“

Thomas Reichert, Obermeister der Fleischerinnung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach, spricht über Riesenschlachthöfe und die Verantwortung des Staates.

Thomas Reichert ist Obermeister der Fleischerinnung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach und Inhaber der Metzgerei Haxen-Reichert in Höchst. Nach den Corona-Fällen in großen Schlachthöfen fordert die Innung, Tiere wieder in kleineren, kommunalen Höfen zu schlachten. Das wäre teurer, würde aber der Forderung gerecht, mehr Tierwohl zu gewährleisten und die Mitarbeiter fair zu bezahlen, sagt der Metzgermeister.

Herr Reichert, wie viel teurer würde das Steak, wenn es aus einem städtischen Schlachthof käme?
Diese Frage kann man ad hoc nicht beantworten. Aber ich glaube, es würde nicht teurer als zwei bis drei Prozent werden.

Woher beziehen Sie momentan Ihr Fleisch?
Unsere Rinder kommen vom Hofgut Rehbachtal bei Tridorf, geschlachtet werden sie in Brensbach im Odenwald, eine genossenschaftlich organisierte Schlachtstätte des Landkreises. Sie ist klein und gut.

Wie sind die Verhältnisse in großen Schlachthöfen?
Man muss wissen, dass die Mitarbeiter mit Werksverträgen arbeiten, europaweit. Was Arbeits- und Tarifrecht angeht, sind sie außen vor. Die Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien verdienen wenig – sie werden nach ihren jeweiligen Heimattarifen bezahlt. Das geht einfach nicht. Die Lebensumstände sind für unsere Verhältnisse sehr schlecht. Deswegen haben sie sich auch infiziert. Also entweder müssen die nach deutschen Tarifen bezahlt werden – dann wird das Fleisch teurer – oder die Schlachthöfe müssen wieder kommunalisiert werden. Dann wird es auch teurer. Aber man kann nicht den Markt machen lassen zulasten des Tier- und Menschenwohles.

Warum sind die kleinen Schlachtereien abgeschafft worden?
Man hat sie nicht abgeschafft, aber sie waren nicht mehr wettbewerbsfähig. In den 80er und 90er Jahren hat man sich dem Diktum gebeugt, dass alles dem Markt unterworfen werden muss. Es haben sich Riesenschlachtstätten gebildet und rundherum die Erzeugerhöfe – etwa in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Beispiel ist der Landkreis Rheda-Wiedenbrück mit dem Großschlachthof Tönnies. Von dort kommen 30 Prozent allen Schweinefleischs. Es gibt fünf bis sechs Riesenbetriebe, die das Land versorgen.

Sie fordern jetzt, das Rad zurückzudrehen?
Ja. Wir hatten in Frankfurt bis 1989 zentral einen Schlachthof. Es war Teil der Daseinsvorsorge und das muss es wieder werden. Die hessische Verfassung gibt das her. Dort sind Ökologie, Tierschutz und Regionalität als Ziele verankert. Tierschutz geht nicht industriell. Der Staat kann sich da nicht mehr herausreden – er greift ja auch in der Energiewirtschaft massiv in den Markt ein, etwa mit dem Erneuerbare-Energie-Gesetz. Ein kommunaler oder staatlicher Schlachthof muss nicht unbedingt in Frankfurt entstehen. Aber im Rhein-Main-Gebiet leben fünf Millionen Menschen. Sie verspeisen jährlich etwa eine Millionen Schweine und 200 000 Rinder. Da ist die Verantwortung des Staats gefordert.

Interview: Thomas J. Schmitt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare