1. Startseite
  2. Frankfurt
  3. Höchst

Ein Rotfabriker-Rad fürs Museum

Erstellt:

Von: Holger Vonhof

Kommentare

Jürgen Vormann (r.) von Infraserv hat Frank Mayer vom Höchster Geschichtsverein das original Rotfabriker-Rad übergeben. .
Jürgen Vormann (r.) von Infraserv hat Frank Mayer vom Höchster Geschichtsverein das original Rotfabriker-Rad übergeben. . © Maik Reuß

Historiker-Team sucht noch spannende Exponate aus der Nachkriegszeit. Industriepark-Betreiber Infraserv stiftet ein altes Fahrrad.

Aus der Zeit, als es noch „Rotfabrik, all mei Glick“ hieß, stammt auch der etwas derbere Spruch „Rotes Fahrrad, dicke Klicker – fertig ist der Rotfabriker!“ Der Hintergrund: Das in Höchst von der Hoechst AG produzierte Azalin-Rot aus der Krapp-Wurzel gab der Fabrik ihren lokalen Spitznamen, und wer dort arbeitete, fuhr meist stolz auf einem vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten roten Fahrrad zur Schicht.

Die Räder, früher massenhaft im Straßenbild präsent, sind heute verschwunden; nur vereinzelt gibt es noch Exemplare, von ihren Besitzer:innen meist gut gehütet. Kürzlich aber hat Jürgen Vormann, Vorstandsvorsitzender des Industriepark-Betreibers Infraserv, ein echtes Rotfabriker-Rad an Frank Mayer, den Vorsitzenden des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Höchst, übergeben. Das Rad mit der werksinternen Nummer 3652, 1991 das letzte Mal Hoechst-intern auf seine Verkehrstauglichkeit geprüft, soll in zwei Jahren Teil der Dauerausstellung im neuen Museum im Bolongaropalast werden.

Der scheidende Infraserv-Chef Vormann war sofort Feuer und Flamme, als die Frage nach einem Rotfabriker-Rad an ihn herangetragen wurde: „Das darf natürlich im Museum nicht fehlen!“ Vormann gelang es, eines der letzten Räder aufzutreiben. Es hat zwar viel Rost, aber so wird es gezeigt werden.

Das Museum im Bolongaropalast

Das Museum soll im ersten Stock des Bolongaropalasts auf der rechten Seite eingerichtet werden. Es wird kein Höchster Heimatmuseum in dem Sinne, sondern soll die Entwicklung von Höchst und dem Frankfurter Westen über die Jahrhunderte anschaulich machen – auch unter Berücksichtigung von Zuwanderung, die Höchst geprägt hat: Die Bolongaros etwa kamen aus Italien an den Main. Träger des neuen Museums ist das Historische Museum Frankfurt.

Im Palast stehen etwa 1000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung, mit deren Gestaltung sich eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Kurators befasst. Das Porzellanmuseum, das sich seit 25 Jahren im Kronberger Haus befindet, soll in das Museum im Bolongaropalast integriert werden.

Mit der Eröffnung ist nach Abschluss der Sanierungsarbeiten des Bolongaropalastes zu rechnen, voraussichtlich 2024. Über die Zukunft des Kronberger Hauses ist noch nicht entschieden.

Wer etwas abgeben möchte , kann sich bei Frank Mayer melden. Telefon 0151/40140671 oder per E-Mail an: kontakt@geschichtsvereinhoechst.de. hv

„Für unsere Darstellung der Nachkriegszeit sind die beiden Stichworte ,Aufschwung‘ und ,Vergessen‘ zentral. Da ist einerseits die Erinnerung an eine Zeit, in der es vielen sukzessive immer besser ging. In welcher der Wohlstand anstieg und die Farbe in die Welt zurückkehrte“, sagt Konstantin Lannert, Kurator der zukünftigen Ausstellung.

Der Aufschwung der Nachkriegsjahre ist das eine – Flucht und Vertreibung oder alte Nazi-Seilschaften in einem Land, welches so schnell wie möglich mit der Vergangenheit abschließen wollte, das andere. „Uns fehlen noch Objekte, welche die Flucht darstellen, beispielsweise Ausweise aus den Jahren 1945 bis 48 oder Lebensmittelkarten und Persilscheine“, sagt Lannert. Das Museums-Team bittet deshalb alle um Mithilfe: Wer hat in der Truhe im Keller oder auf dem Dachboden alte Lebensmittelkarten, in Anlehnung an das weiß waschende Pulver „Persilscheine“ genannte Entlastungszeugnisse der Alliierten, Spruchkammerunterlagen oder US-Fragebögen? Fotografien vom Leben in Behelfsunterkünften, die an vielen Orten in Höchst zu finden waren? Wer hat noch den Brief des Hauptquartiers der Amerikaner 1945/46 mit der Aufforderung zur Wohnungsräumung?

Auch im Zusammenhang mit dem „Anwerbeabkommen für Gastarbeiter“ werden Fotos und Unterlagen gesucht, vor allem die Jahre bis 1975 betreffend – Arbeitsverträge, Heimat-Briefe, Dokumente aus der Zeit der Migrantenvereine. Die Museums-Gruppe ist gespannt.

Auch interessant

Kommentare