+
Carl Theodor Reiffenstein, „Friedhof mit Kreuzigungsgruppe“, 1846, in der Werkstatt der Restauratorin Anja Damaschke. 

Kunst

Historisches Museum Frankfurt: Reiffenstein, Romantiker und Stadtgeograf

  • schließen

Carl Theodor Reiffenstein, Landschaftsmaler und Dokumentar der Frankfurter Altstadt, wäre am 12. Januar 200 Jahre alt geworden Historische Museum will ihm eine Ausstellung widmen.

In Gedanken versunken steht die Frau auf einem Friedhof, der an den Frankfurter Peterskirchhof erinnert. Licht fällt über die Leichenhalle auf verwitterte Gräber, das Tor zur Straße steht offen.

Das Historische Museum Frankfurt hat das Ölgemälde „Friedhof mit Kreuzigungsgruppe“ (1846) des Frankfurter Malers und Stadtgeografen Carl Theodor Reiffenstein, der vor 200 Jahren geboren wurde, erworben, „aus dem Kunsthandel“, wie der stellvertretende Direktor Wolfgang Cilleßen sagt. „Wir planen eine große Reiffenstein-Ausstellung, die 2022 oder 2023 stattfinden könnte“, berichtet er. Das Ölbild wäre eines von vielen Exponaten.

Ausgeleuchtet steht es auf einer Staffelei im Depot des Historischen Museums. Restauratorin Anja Damaschke hat es mit der Lupe untersucht. „Schon jetzt ist klar, dass Reiffenstein das Bild überarbeitet hat“, sagt sie. Die Frauenfigur habe er später eingefügt. Zwar erinnere die Szene an der Peterskirchhof, den ältesten Frankfurter Friedhof, aber Cilleßen stellt klar: „Das ist keine Eins-zu-eins-Wiedergabe, er hat das Bild romantisiert.“

„Wedelgasse" , 1866. 

Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) hat dem Historischen Museum rund 2000 Blätter zu Frankfurt überlassen. Genau 8382 Werke, die sich nicht auf Reiffensteins Heimatstadt beziehen, liegen in der Graphischen Sammlung des Städelmuseum und lassen sich als Digitalisate aufrufen. Im Mai solle die Graphische Sammlung, die derzeit umgebaut wird, wieder eröffnen, sagt Sprecherin Franziska von Plocki. Dann könnten Besucher sich die Zeichnungen und Skizzen vorlegen lassen.

Reiffenstein veröffentlichte seinerzeit fotografische Reproduktionen seiner Arbeiten: „Frankfurt, die freie Stadt, in Bauwerken und Straßenbildern nach des Künstlers Aquarellen und Zeichnungen“ (1894-1899) und „Bilder zu Goethes Dichtung und Wahrheit, Blicke auf die Stätten, in denen der Dichter seine Kindheit verlebte“ (1875).

„Die Sammlung Frankfurter Ansichten“, in denen Reiffenstein die Altstadt dokumentierte, überließ er 1876 dem Historischen Museum, das sich damals in der Gründung befand, gegen eine Leibrente. Systematisch hat Reiffenstein die Gebäude, Straßen, Gassen und Plätze des alten Frankfurts dokumentiert und mit rund 2600 Textseiten in kleiner und geschwungener Handschrift ergänzt.

Im Depot des Historischen Museums lagern Reiffensteins Blätter geschützt vor Tageslicht in zehn Schubladen. Cilleßen holt mehrere Bände hervor. Die Zeichnungen, die er auf einem Tisch ausbreitet, zeigen unter anderem Schirn, Hauswappen, Steinbänke, Treppenhäuser, Giebel,

„Haus zum Wedel" , Küche im 2. Stock, 1866. 

„Für Frankfurt ist er einer der wichtigsten Stadtgeografen des 19. Jahrhunderts“, sagt Cilleßen. Dabei gelte es, den Romantiker Reiffenstein, der Landschaften oder Gebäude historisierend verkläre, vom Dokumentar Reiffenstein, der um Exaktheit bemüht sei und sich kritisch mit den topografischen Beschreibungen der Stadt durch Johann Georg Battonn auseinandersetze, zu trennen. „Ich kann mir vorstellen, in der Ausstellung Zeichnungen und Fotografien gegenüberzustellen“, sagt Cilleßen. Anschaulich wäre auch, die Gebäude in einer historischen Karte zu verorten.

Carl Theodor Reiffenstein kam am 12. Januar als Sohn eines Frankfurter Bierbrauers zu Welt. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Die Eltern betrieben ein Wirtshaus im Erdgeschoss der Graubengasse 18, früher eine Seitenstraße der Töngesgasse. Die Familie lebte oberhalb der Gaststätte. Ein Künstler, der im Haus wohnte, unterrichtete den Jungen im Zeichnen, der seine ersten Skizzen von den Frankfurter Warten und dem Hessendenkmal anfertigte. Mit acht Jahren wurde er als Theatermaler unterrichtet, als 13-Jähriger ins Städelsche Kunstinstitut aufgenommen, das er mit 26 als ausgebildeter Maler abschloss.

„Kornmarkt Nr.8, Haus Schmiedskeil, Innenhof“, 1830. 

Auf Wanderungen an Rhein und Neckar, im Taunus und Odenwald, auf Reisen unter anderem nach Frankreich, Schweiz und Italien fertigte er zahlreiche Aquarelle an, auf denen romantische Motive auftauchen: Burgen, Ruinen, Friedhöfe, Findlinge. Diese fügte er mit feinem Pinselstrich in die naturalistischen Landschaften ein. Für die größeren Ölgemälde, die im Atelier entstanden, fertigte er Vorzeichnungen an.

Der pastose Farbauftrag lag Reiffenstein nicht. Fabriken, Lokomotiven oder Bahnhöfe, das Zischen, Dampfen und Brummen der Industrialisierung, kommen nicht vor. Bewegte Natur, Meeresbrausen, türmende Wolken, wie sie die Bilder des berühmten romantischen Malers Caspar David Friedrich ausmachen, sucht man vergebens.

Carl Theodor Reiffenstein. 

Reiffensteins Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde strahlen Stille, Ruhe, Statik aus. Der gediegene Geist des Biedermeiers dringt durch. Von seinen Arbeiten konnte Reiffenstein, der ein Atelier hatte und erst mit 47 Jahren heiratete, gut leben. Bei Bürgertum und Adel waren seine Kunstwerke beliebt.

Ansichten der Burg Braunfels verkaufte er etwa an Fürst Solms-Braunfels. Auch die britische Königin Victoria erwarb Abbildungen von Schloss Waldleiningen und der historischen Altstadt von Amorbach, die wohl in Windsor Castle hängen. Vielleicht fragt Cilleßen das britische Königshaus für eine Leihgabe an.

Königin Elizabeth II. war 2015 schon einmal Gast in Frankfurt. Es wäre ein Coup, wenn sie zur Eröffnung der Reiffenstein-Ausstellung käme.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare