1. Startseite
  2. Frankfurt

„Irreführende Aussagen“: Institut suspendiert Historiker nach Streit um Aufarbeitung zur NS-Zeit

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer, Gregor Haschnik

Kommentare

Schwere Zeiten für die Frankfurter Sparkasse von 1822.
Schwere Zeiten für die Frankfurter Sparkasse von 1822. © Peter Jülich

Nach der Kritik der Frankfurter Sparkasse an der Arbeit zur Chronik beendet das Institut die Zusammenarbeit mit dem Historiker Roth. Die 1822 will ihr „düsterstes Kapitel“ aufarbeiten.

Frankfurt – Das Institut für Bank- und Finanzgeschichte (IBF) hat die Zusammenarbeit mit dem Historiker Ralf Roth an einer Festschrift für die Frankfurter Sparkasse am Dienstag (22.03.2022) mit sofortiger Wirkung beendet. Anlass seien „irreführende Aussagen in maßgeblichen Medien“, die das IBF als schweren Vertrauensbruch wertet.

Zuvor hatte Roth dem Institut eine „Schmutzkampagne“ vorgeworfen. In einem Schreiben an den Vorstandschef der Frankfurter Sparkasse, Ingo Wiedemeier, das der FR ebenfalls vorliegt, kritisierte er erneut Sparkasse und Institut für ihren Umgang mit dem Entwurf für die Chronik zum 200-jährigen Bestehen: „Der Schaden für Ihr Haus, den Bankenplatz Frankfurt und überhaupt für das Ansehen der deutschen Historiker in der Welt ist groß.“

Sparkasse in Frankfurt: Belege für Beschlagnahmung von Geld jüdischer Menschen

Roth hat Belege dafür gefunden, dass die Sparkasse in der NS-Zeit systematisch das Geld jüdischer Kontoinhaberinnen und -inhaber beschlagnahmt hatte. Vor allem kritisierte er, die Sparkasse von 1822 und die später mit ihr vereinigte Stadtsparkasse seien nicht angemessen mit ihrer Schuld umgegangen. Er begrüßte, dass Wiedemeier in der Bilanzpressekonferenz angekündigt hatte, die Sparkassengeschichte von unabhängigen Historikern untersuchen zu lassen. Das will nun auch das IBF in einer Fachtagung tun.

Der wissenschaftliche Beirat des IBF hatte Roth fehlende Sachkompetenz vorgehalten. „Sie können die Schmutzkampagne des IBF gegen mich sehr einfach beenden“, schrieb Roth an Wiedemeier: „Publizieren Sie die Festschrift. Sie ist fertig.“ Im Vorwort heißt es, besonders schwierig sei die Bearbeitung der NS-Zeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit gewesen. Dazu sei nur ein vorläufiges Ergebnis möglich gewesen; die Quellenlage erfordere ein vertiefendes Projekt.

Sparkasse in Frankfurt steht „selbstverständliche“ zu dunklen Kapiteln der NS-Zeit

Unterdessen hat die Presseabteilung der Sparkasse die Fragen beantwortet, die die FR tags zuvor wie gewünscht schriftlich eingereicht hatte. „Wir wissen, dass sich im Zusammenhang mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auch Repräsentanten der Frankfurter Sparkasse schuldig gemacht haben“, heißt es darin. „Von der Chronik zu unserem 200-jährigen Bestehen erwarten wir uns gerade dazu wertvolle Erkenntnisse und Aussagen – objektiv und unabhängig.“

„Selbstverständlich“ stehe die Sparkasse zu ihrer Geschichte, die „eine große Erfolgsgeschichte“ sei – „aber wir stehen auch zu den dunklen Kapiteln dieser Geschichte“. Die Sparkasse gehe „fest davon aus, dass die NS-Zeit in der Chronik einen Schwerpunkt bilden muss und wird“. Beim IBF wisse man das Projekt in guten Händen. In Banken, Sparkassen und anderen Unternehmen habe es „sehr lange an Kraft und Mut gefehlt“, sich der Vergangenheit zu stellen. „Unsere Chronik wird dazu einen Beitrag leisten.“

Wer diese Chronik vollenden werde, liege in den Händen des IBF. Der Sparkasse gehe es „ausschließlich um Objektivität und Wahrheit, nicht um eine Reinwaschung vom düstersten Kapitel der Geschichte dieses Hauses“.

Sparkasse in Frankfurt: Jüdische Gemeinde beobachtet Situation um Festschrift

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt teilt auf FR-Anfrage mit, sie beobachte zurzeit die Situation und wolle sich nur ungern zu einer Festschrift äußern, die sie noch nicht kenne. „Allerdings wäre es umso tragischer, hinterher auf viele Gründe zu stoßen, die zu einer Kritik berechtigen würden.“ Die Gemeinde hoffe, die Sparkasse sei sich ihrer Verantwortung bewusst. Das bedeute auch „die klare und ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in der NS-Zeit und möglichen Kontinuitäten ab 1945“. Zu einem Jubiläum gehöre die Vergegenwärtigung der gesamten Unternehmensgeschichte, selbst wenn diese in Teilen schmerzlich sei.

Uwe Becker (CDU), Antisemitismusbeauftragter des Landes, mahnt ebenfalls eine lückenlose Aufarbeitung an: Jede Firma sei gut beraten, wenn sie sich auch den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte offensiv stelle, so der Staatssekretär, der bei der Sparkasse bis 2004 Personalreferent war. In der Unterscheidung zwischen damaliger Schuld und heutiger Verantwortung liege die Chance, auch moralisch Maßstäbe zu setzen. In Zeiten des „wieder wachsenden Antisemitismus“ sollte Aufarbeitung „umso ehrlicher und umfassend“ erfolgen. (Thomas Stillbauer, Gregor Haschnik)

Auch interessant

Kommentare