Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Israel

Hinter der Fassade der Aufgeklärtheit

Israel gibt sich als schwulenfreundliches Reiseziel und Oase der Toleranz – und lenkt so von seiner Palästinenserpolitik ab, sagen Kritiker.

Ron Huldai ist begeistert. Es ist Januar 2012, der Bürgermeister von Tel Aviv hat gerade erfahren, dass die Nutzer der Internetseite gaycities.com seine Stadt zum schwulenfreundlichsten Reiseziel der Welt gewählt haben – mit großem Abstand vor New York und Toronto. „Tel Aviv ist ein Schwulenparadies“, verkündet Huldai, „eine freie Stadt, in der jeder stolz sein kann auf das, was er ist.“

Der Einsatz hat sich also gelohnt. Rund 90 Millionen Dollar hat die Tourismusbehörde der zweitgrößten Stadt Israels 2010 ausgegeben, um sich als besonders schwulenfreundlich zu präsentieren. Journalisten aus Westeuropa und den USA wurden eingeflogen, um die schwulen Clubs zu erkunden und den eigenen Strand für Schwule vor dem Hilton-Hotel, die Offenheit der Menschen für die besonderen Gäste. In Schwulenmagazinen wurden bunte Anzeigen geschaltet, gut gebaute Männer in knappen Badehosen unter praller Mittelmeersonne, dazu Slogans wie „Tel Aviv – der perfekte Ort, um braun zu werden und einen heißen, braun gebrannten Typen zu finden.“

Anspruchsvoll, konsumfreudig

Pini Shani vom nationalen Tourismusministerium kennt den Wert der besonderen Gäste: „Der schwule Tourist ist ein anspruchsvoller Tourist, der viel Geld ausgibt und Trends setzt.“ Auch Adir Steiner, Organisator der Christopher-Street-Day-Parade (CSD) in Tel Aviv, glaubt an die Idee vom schwulen Trendsetter: „Zuerst entdecken Schwule einen neuen Ort, dann folgt der Rest“, sagt er, „Schwule sind ein guter Anfang für einen Wandel.“

Mit der groß angelegten PR-Kampagne ist Tel Aviv vielen anderen Städten – wie Berlin, Sydney oder Amsterdam – gefolgt, die seit Jahren homosexuelle Reisende besonders umwerben, weil sie die für besonders konsumfreudig halten. Doch Tel Aviv geht es nicht nur um das Tourismusgeschäft. Die Bilder attraktiver Menschen werden verknüpft mit der Nachricht, Israel sei mit seiner Freundlichkeit gegenüber Homosexuellen besonders modern und weltoffen in einer Region, in der Lesben und Schwule ansonsten verachtet und verfolgt werden. So schwärmte Israels konservativer Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen Jahr vor dem US-Kongress: „In einer Region, in der Frauen gesteinigt, Schwule aufgehängt und Christen verfolgt werden, sticht Israel heraus. Israel ist anders.“

Dieser Ton begleitete auch die Umfrage auf gaycities.com: „Dank der demokratischen Tradition Israels erfreuen sich die Lesben und Schwulen hier einer Freiheit wie in keinem anderen Land im Nahen Osten“, hieß es da. Wie es bei den Nachbarn aussehe, beschwor Israels Botschafter in den USA, Michael Oren, kürzlich in einer Rede in Philadelphia: „Schwule können ausgepeitscht oder sogar hingerichtet werden in Gaza und Saudi- Arabien. Sie können inhaftiert werden im Libanon, in Syrien und Tunesien und unterdrückt in der West Bank. In Israel dagegen ist der Kampf um Homosexuellenrechte nichts was uns trennt, sondern eine Vision, die uns eint.“

Lesben und Schwul werden instrumentalisiert

Es sind diese politischen Töne hinter einer einfachen Werbekampagne, die weltweit Israel-kritische Kommentare von homosexuellen Akademikern und Aktivisten ausgelöst haben. Lesben und Schwule, so lautet einer der Vorwürfe, würden instrumentalisiert, um von der Kolonialpolitik gegenüber dem palästinensischen Volk und der Besatzung Palästinas abzulenken, Israel wasche seine schmutzige Wäsche pink statt weiß. „Pinkwashing“, schrieb die Geisteswissenschaftlerin Sarah Schulman in der New York Times, „ist eine gut ausgeklügelte Strategie, um die fortgesetzte Verletzung palästinensischer Menschenrechte hinter einem modernen Image, wie es das schwule Leben in Israel kennzeichnet, zu verschleiern.“ „Pinkwatching“, ein Blog, beobachtet inzwischen die vermeintlichen Pinkwashing-Aktivitäten der israelischen Regierung.

Auch Liad und Yossi, zwei in Berlin lebende Schwule aus Israel, zeigen sich skeptisch in ihrem Blog. Die Kampagne werde „von einer rechten und teilweise religiösen Regierung geführt, in der viele offen homophobe Mitglieder sind“, schreiben sie. Das sei ein Beweis dafür, dass die PR-Propaganda nichts mit den Rechten für Lesben und Schwule zu tun habe. Und Aeyal Gross, Juraprofessor in Tel Aviv sagt: „Wenn man sich so um Schwulenrechte bemüht, sollte man doch auch besorgt sein, wenn die Rechte anderer Minderheiten missachtet werden.“ Er fürchtet, dass die Schwulenbewegung sich mit Kritik an der Besetzung der Palästinensergebiete und der Benachteiligung arabischer Israelis künftig zurückhalten wird, um die Unterstützung der Regierung nicht aufs Spiel zu setzen.

Für die Gegenseite in der Debatte ist die Sache klar: Hier zeigt sich eine neue Form des Antisemitismus. „Derart verstrickt in ihren Hass auf Israel, sind sie bereit, die Wahrheit über die schreckliche Verfolgung von Homosexuellen in der West Bank und im Gaza-Streifen zu verfälschen“, schreibt der schwule US-Journalist James Kirchick über die Pinkwashing-Kritiker. In der Berliner Wochenzeitung Jungle World sieht Markus Ströhlein den „neuesten Kniff aus der antiisraelischen Propagandakiste“.

Die Anschuldigungen seien so stichhaltig, „wie Klaus Wowereit vorzuwerfen, er wolle mit einem Auftritt auf dem CSD vom maroden Zustand der Berliner S-Bahn ablenken.“ Die Blogger der Münchener Gruppe sterni* sehen mit den „verschwörungstheoretisch angehauchten“ Anfeindungen Israels die Kriterien für einen neuen Antisemitismus klar erfüllt. Auch die Berliner Politologin Nina Rabuza findet bei den Pinkwashing-Kritikern Argumente, die „anschlussfähig für antisemitische Positionen“ seien. „Israel wird dabei grundsätzlich unterstellt, dass sich hinter den artikulierten Interessen eigentlich Machtinteressen verbergen würden.“

Friedensblase für Homosexuelle

Die Gender-Theoretikerin und diesjährige Preisträgerin des Theodor-W.-Adorno-Preises, Judith Butler, stellt sich deutlich gegen jeglichen Antisemitismus – und besteht doch auf ihrer Kritik an Israel: „Wir sind keine selbsthassenden Juden und Jüdinnen, wenn wir Israel kritisieren. Für einige von uns ist die Kritik Israels vielmehr ein Weg, jüdische Werte wie Gerechtigkeit, ein friedliches Zusammenleben und soziale Gleichheit zu bewahren.“

Den schwulen Touristen, die jetzt vermehrt nach Tel Aviv reisen, ist die Debatte egal. „Sie fühlen sich angezogen vom verrückten Nachtleben und den für sie so exotischen Männern“, sagt Omer Gershon, Kenner der Club-Szene. Der deutsche Besucher Dennis Müller pflichtet ihm bei: „Du kommst nach Tel Aviv und bist in einem schwulen Traum, in einer Friedensblase für Homosexuelle im Nahen Osten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare