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Da ist Musik drin: Pädagogin Sima Teffner und ihr Klavierschüler Simon Moldawski. Er ist gerne hier, weil sie geduldig ist.
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Da ist Musik drin: Pädagogin Sima Teffner und ihr Klavierschüler Simon Moldawski. Er ist gerne hier, weil sie geduldig ist.

Frankfurt

Hilfestellung im Land der ehemaligen Feinde

  • VonBrigitte Degelmann
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Das Günter-Feldmann-Zentrum unterstützt Zugewanderte.

Für viele Menschen ist es inzwischen eine zweite Heimat: das Günter-Feldmann-Zentrum im Ostend. Seit 33 Jahren unterstützt es Zugewanderte bei der Eingewöhnung in die neue Umgebung, vor allem jüdische Migrant:innen aus der ehemaligen Sowjetunion. Zum Beispiel mit Sprachkursen, mit Wissen über das neue Land, mit Singen, Tanzen und Sporttreiben.

Während der Corona-Pandemie ist vieles davon jedoch nur online möglich. Umso glücklicher ist Nina W. darüber, dass zumindest die Gesprächsrunde, die sie anbietet, noch regelmäßig stattfinden darf – mit großem Abstand, ausreichend Lüftung und Masken für alle Teilnehmerinnen. Zehn Frauen kommen unter ihrer Leitung jede Woche zusammen. „Hier können wir uns austauschen, hier fühlen wir uns wohl“, sagt Nina. „Bei jedem Treffen gibt es einen Vortrag in russischer Sprache, meist über Kunst oder aus dem Fachgebiet der Referentin. Aber wir beschäftigen uns auch mit der Stadt Frankfurt. Hier haben viele Gebäude und Plätze eine interessante Geschichte. In dem Buch ,Unorte in Frankfurt‘ erfährt man zum Beispiel viel über die Adlerwerke.“

Nina W., die ihren vollständigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, ist eine Vertreterin der ersten Migrant:innen-Generation im Günter-Feldmann-Zentrum. Sie kam in den 1990er-Jahren, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute beherrscht sie die Sprache ausgezeichnet. Ihre Lernmethoden waren dabei ungewöhnlich. Statt Grammatik und Vokabeln zu pauken, lernte sie die kleinen Lieder und Gedichte auswendig, die ihre Enkelkinder aus dem Kindergarten mitbrachten. Zur Verbesserung der Aussprache wurde sie Mitglied in einem Chor.

das zentrum

1988 hat eine Gruppe um und mit Günter Feldmann das „Pädagogisch-Psychotherapeutische Beratungs- und Fortbildungszentrum“ und den gleichnamigen Verein gegründet. Feldmann, von Beruf Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapeut, war Überlebender des Holocaust und nach dem Zweiten Weltkrieg Mitbegründer und langjähriger Leiter der Jüdischen Erziehungs- und Beratungsstelle in Frankfurt.

Die neue Einrichtung wurde als Anlaufstelle für säkulare Juden ins Leben gerufen. Es kommen jedoch nicht nur Immigranten mit jüdischen Wurzeln, sondern auch andere.

Vor allem nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 unterstützte das Beratungszentrum viele neue Einwanderer bei der Integration.

Nach dem Tod Günter Feldmanns im Jahr 2006 wurde das Zentrum nach ihm benannt. bd

Ihre Sprachkenntnisse seien ihr oft von Nutzen gewesen, erzählt sie. Etwa wenn sie Verwandte und Bekannte, die in der Sprache unsicher waren, zum Arzt begleitete. Oder als sie bei einem externen Kurs übersetzte, in dem Neuankömmlingen, die in der Sowjetunion atheistisch sozialisiert worden waren, die Grundbegriffe der jüdischen Religion vermittelt werden sollten.

Nina ist Kriegskind, ihr Mann ebenso. Gemeinsam haben sie seine Erinnerungen an diese Zeit aufgeschrieben. Viele andere haben es den beiden gleichgetan, angeregt von der Leiterin des Zentrums, Sofja Vinarskaja. Auf diese Weise entstanden zwei kleine Bücher unter dem Titel „Kriegskinder I und II“. Die Texte sind berührende Dokumente: Hier erzählen Zeitzeug:innen von Verfolgung, Leid und Flucht, von der Ermordung Angehöriger, vom Leben in Leningrad während der Blockade. Nun ist ein dritter Band in Planung, in dem es um die Zeit nach diesen traumatisierenden Erlebnissen gehen soll. Wie war der Alltag in der Sowjetunion? Wie war die Ankunft in Deutschland? Wie lebt es sich im Land der Täter:innen und der ehemaligen Feinde?

Aber auch jüngere Menschen kommen in das Zentrum, das vor Corona wöchentlich von rund 200 Menschen besucht wurde. Zum Beispiel Anna und ihr Sohn Simon. Simon war drei Jahre alt, als er bei der Musikpädagogin Sima Teffner mit der musikalischen Früherziehung begann. Inzwischen ist er 13 und spielt Klavier. Mit seiner Lehrerin ist er immer noch hochzufrieden: „Sie erklärt alles so lange, bis man es verstanden hat und bis man eine Sache wirklich kann.“ Seine Mutter ergänzt: „Sie verliert nie die Geduld. Und mir gefällt sehr, wie sie die Kinder an die Musik heranführt. Sie erfindet für die Kleinen Lieder, Rhythmen und Melodien, und auch die Größeren lernen mit Freude weiter. Musiker und Musiklehrer haben in der Sowjetunion eine sehr gute Ausbildung bekommen, das merkt man.“ Unterrichtssprache ist Russisch. „Wenn ein Kind es möchte, wechselt die Lehrerin ins Deutsche“, sagt Anna. Bei Simon sei das kein Problem, schließlich wächst er zweisprachig auf. „Zu Hause sprechen wir Russisch, in der Schule und mit Freunden spricht er Deutsch“, erklärt seine Mutter.

Für die Zukunft hat man sich in dem Zentrum einiges vorgenommen. Es gibt neue Kurse und Projekte für Kinder, Jugendliche und Senior:innen in den Bereichen kulturelle und politische Bildung, etwa „Kultur macht stark“ und „Demokratie lebt“. Neuerdings wird auch ein Aussprachetraining angeboten. Und die Allerjüngsten hat man ebenfalls im Blick: Geplant ist nämlich die Einrichtung einer Krippe.

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