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Die Babys bekommen von ihren Müttern oder den Betreuerinnen Schatzkisten mit Informationen und Andenken übergeben.

Unterstützung für Frauen

Hilfe für Schwangere in Not-Situationen

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Das Monikahaus in Frankfurt bietet schwangeren Frauen Hilfe. Eine anonyme Geburt soll verhindern, dass Babys ausgesetzt werden.

Sie war 23 Jahre alt, als sie das Kind ihres Vergewaltigers gebar. Nennen wir sie Sarah. Abtreiben war gegen ihren katholischen Glauben und irgendwie hatte Sarah auch über Monate verdrängt, dass da ein kleines Lebewesen in ihr heranwuchs. Sie spürte es nicht, sie durfte es nicht spüren. Bis die Wehen einsetzten. Sarah konnte dieses Kind nicht behalten, das war unmöglich.

Als Sarah das Monikahaus im Gallus anrief, verriet sie ihren Namen nicht, weil niemand in ihrem Umfeld von dem Baby wusste. Weil niemand davon wissen durfte. Wenn ihre Mutter von dem Kind erfahre, sagte die junge Frau, würde diese sie zwingen, das Kind zu behalten. Weil man ein Kind als gute Katholikin nicht abgebe – auch dann nicht, wenn es von einem Vergewaltiger stammt.

Unterschiedlichste Schicksale

Lana, die ebenfalls anders heißt, war Anfang 30, hatte ihre eigene Wohnung, sie hatte eine Liebelei mit einem jungen Mann, die schnell wieder vorbei war, aber sie war schwanger geworden. Erst im siebten Monat hat sie es bemerkt. Ein uneheliches Kind, das würde ihre Familie nie akzeptieren. Lana hatte Angst um das Ungeborene und um ihr eigenes Leben, denn sie wusste, dass sie damit Schande über ihre Herkunftsfamilie bringen würde.

Bei Emily war es die gerade erst begonnene Ausbildung, die sie, als Ex-Junkie mit einer Bewährungsstrafe, nicht riskieren wollte. Keinesfalls durfte jemand davon erfahren. Loraine hatte schon zwei Kinder von zwei Männern, mit denen sie überfordert war. Sie hatte Angst, man würde ihr die beiden Kinder wegnehmen, wenn sie sich nun ans Jugendamt wendete, um ihr drittes zur Adoption freizugeben.

Sarah, Lana, Emily, Loraine – es sind vier von Dutzenden Frauen, die sich in den vergangenen Jahren ans Monikahaus wandten, weil sie ihre Babys nicht haben durften, nicht haben konnten. Die meisten meldeten sich kurz vor der Geburt, teils schon in den Wehen liegend, andere riefen gegen Ende der Schwangerschaft an oder warteten bis nach der Geburt. Sie alle wollten anonym bleiben, weil sie Angst hatten. Sie wollten ein Kind gebären, weil sie es nicht abtreiben lassen konnten oder wollten, wollten aber auch, dass niemand je den Namen der Mutter erfährt. Dass niemand je erfährt, dass sie überhaupt Mütter sind.

Gesetz ermöglicht anonyme Geburt

Seit Mai 2014 gibt es in Deutschland ein Gesetz, das die vertrauliche Geburt ermöglicht. Frauen können dabei in der Beratung und während der Geburt anonym bleiben, bei der Abgabe des Kindes nennen sie einmalig ihren Namen. Dieser Name wird in einem Briefumschlag im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln hinterlegt. Wenn das Kind wissen möchte, wer seine Mutter ist, kann es den Umschlag frühestens 16 Jahre nach der Geburt anfordern.

Mit dem Gesetz wollte die Regierung die Anzahl von anonymen Geburten reduzieren. Die Anzahl von jenen Frauen, die ihre Kinder ohne medizinische Versorgung zu Hause auf die Welt bringen und damit sich und das Baby in Gefahr bringen. Die Anzahl der Kinder, die namenlos in Babyklappen gelegt, ausgesetzt oder gar getötet werden. Die Kosten für die Geburt übernimmt der Bund.

„Wir haben so mehr Spielraum“, sagt Nicole Börner, die seit vier Jahren ungewollt Schwangere im Monikahaus berät. Seit dem neuen Gesetz waren es sieben. Für die Beratungsstellen hat das Gesetz den Vorteil, dass die Frauen endlich aus einer Grauzone herauskamen. Anonyme Geburten sind aufgrund des Rechts eines Kindes, seine Herkunft zu erfahren, nicht erlaubt. Die Staatsanwaltschaft kann in solchen Fällen, auch wenn Babys in Babyklappen abgegeben werden, Nachforschungen stellen.

Für Börner ist es aber auch ein wichtiges Signal an die Frauen: „Wir zeigen ihnen, dass wir ihre Entscheidung akzeptieren und wertschätzen, dass die Mütter ihre Verantwortung dem Kind gegenüber wahrgenommen haben.“ Die Kinder werden nach der vertraulichen Geburt in aller Regel vom Arm der Mutter in den Arm von Jugendamtsmitarbeitern übergeben.

Bereits im Jahr 2001 lief das Projekt „Moses“ im Monikahaus an. Über eine Hotline konnten sich Frauen 24 Stunden am Tag melden, wenn sie ihr Kind anonym abgeben wollten. Die Frauen bekamen in persönlichen Gesprächen Hilfe und Perspektiven aufgezeigt, außerdem konnten sie ihre Kinder in Kooperationskliniken medizinisch betreut gebären. Die Kosten der Geburt wurden über Spenden finanziert. Nannten die Mütter allerdings einen Namen, war die Beratungsstelle gezwungen, diesen ans Jugendamt weiterzugeben.

Vielen Frauen war nicht klar, dass ihr Umfeld – Familie, Freunde, Arbeitgeber – nicht automatisch von der Schwangerschaft erfuhren, wenn das Jugendamt den Namen der Mutter weiß. Auch hatten einige Angst, dass ihnen das Jugendamt die älteren Geschwister des Babys wegnehmen würde. „Die meisten Frauen wollten vor ihrem Umfeld, nicht vor ihren Kindern anonym bleiben“, sagt Börner.

Etwa drei Fälle pro Jahr

„Unser Ziel war von Anfang an, den Frauen die Angst zu nehmen“, sagt Geschäftsführerin Margit Grohmann. Pro Jahr betreute das Monikahaus im Schnitt drei Mütter, 2013 war mit sechs Fällen ein Rekordjahr. Selbst wenn sich Frauen nicht überwinden konnten, die Anonymität aufzugeben, so war immerhin sichergestellt, dass Kind und Mutter gesundheitlich versorgt sind. „Als ab 2000 die Babyklappen aufkamen, war zwar das Kind geschützt, aber wir haben uns gefragt, was mit der Mutter ist“, sagt Grohmann. Sie wollten wissen, welche Frauen Kinder aussetzen oder töten – und sie wollten vorsorgen.

Kein Fall gleiche dem anderen, sagt Beraterin Börner, aber die Situationen ähnelten sich doch häufig. Die Frauen seien geprägt durch äußere Umstände, in der Regel gibt es durch kulturelle oder religiöse Erwartungen Probleme in der Herkunftsfamilie. „Wir erleben lange Geschichten der Einsamkeit“, sagt Börner. Oft sind die Frauen seelisch unreif und emotional abhängig, auch wenn sie auf den ersten Blick ein selbstständiges Leben mit einem Arbeitsplatz und einer eigenen Wohnung leben. Sie sind beispielsweise unverheiratet schwanger geworden oder ihnen ist generell eine andere Rolle in der Familie zugedacht.

Väter wollen die Kinder nicht adoptieren

Die Väter wissen oft von den Kindern, sind aber meistens auch ein Grund für die Geheimhaltung. Kritik gab es beim neuen Gesetz, weil die Adoption am Vater vorbei organisiert werden kann. „Zu mehr als 99 Prozent wird das aber nicht ausgenutzt“, sagt Grohmann. In der Beratung wird über die Väterrechte informiert. Kann der Vater nachweisen, dass er der Vater ist, ist seine Einwilligung notwendig. „Der Mann spielt in dem Kontext aber keine Rolle“, sagt sie. So ist der Name des Vaters auch nicht in Köln hinterlegt.

Nicole Börner, die für jede der Frauen ein Pseudonym vereinbart, stört sich an dem Bild, das die Gesellschaft von Frauen zeichnet, die ihr Kind abgeben: Sie werden oft als eiskalt beschrieben. „Die Leute sehen die Verzweiflung nicht“, sagt sie. Es sei einfacher, die Frauen als Rabenmutter zu stigmatisieren, als sich in deren Lage zu versetzen. „Aber ich erlebe eine tiefe Traurigkeit und eine starke Fürsorgepflicht. Die Mütter wollen, dass es den Kindern gut geht.“ Je erstarrter die Frau nach außen sei, desto angespannter sei sie. „In diesen Frauen ist nichts Lebendiges mehr.“ Sie zieht den Vergleich mit Frauen, die bei ihrem gewalttätigen Partner bleiben, obwohl sie wissen, dass er ihnen nicht gut tut.

„Es ist die Frage, wie viel Verlust eine Frau ertragen kann. Der Verstoß durch die Herkunftsfamilie kommt quasi dem Tod gleich“, sagt Monikahaus-Leiterin Margit Grohmann. Mit der Abgabe des Kindes bürden sich die Frauen viel auf – sie seien es aber gewohnt zu leiden. „Sie schützen eher ihre Herkunftsfamilie, als eine eigene Chance zu nutzen.“ Die Frauen hätten Angst vor dem Alleinesein. Sie sehen keinen Ausweg. Dort setzt das Projekt an: Die Berater wollen Alternativen und Lösungswege aufzeigen.

Bei einer vertraulichen Geburt ist es möglich, die Geburt vor dem Umfeld zu verheimlichen, aber dennoch von Institutionen unterstützt zu werden. Mütter können so beispielsweise auch die Adoptivfamilien für ihre Kinder mit aussuchen. Sarah hat ihrem Kind beispielsweise einen liebevollen Brief geschrieben, hat ihm von seiner Familie erzählt. Sie hat dem Kind einen Namen gegeben und ihm ihr Lieblingsstofftier beigelegt. Schon zu Zeiten anonymer Geburten haben Börner und ihre Kollegen versucht, Schatzkästchen für die Kinder zu erstellen, um möglichst viele Informationen zusammenzutragen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Verarbeitung für die Frauen besser ist, je mehr sie beteiligt sind“, sagt Margit Grohmann.

Das Trauma beginnt für die Frauen oft schon früh. Einige wussten schon, dass sie schwanger sind, als sie noch hätten abtreiben können. Einige entschieden sich dagegen, andere aber seien schlicht nicht gewohnt, Entscheidungen zu treffen. „Sie wollen das Problem aussitzen, das geht aber nur, bis die Wehen einsetzen“, sagt Grohmann.

Durch die inneren Ängste ist es tatsächlich möglich, eine Schwangerschaft zu verdrängen, sodass die Wehen überraschend einsetzen. Die Verdrängung hilft beim Überleben, die Psyche wehrt die Gefahr durch völliges Ausblenden ab. „Die Geburt ist dann eine Paniksituation, in der die Frauen auch Angst um ihr eigenes Leben haben“, sagt Grohmann.

Frauen melden sich oft sehr, sehr spät

Auch deshalb melden sich viele Frauen erst sehr spät, oft treffen die Betreuerinnen sie direkt im Krankenhaus. „Die Beratung beginnt dann quasi während der Geburt“, sagt Börner. Das ist aus vielerlei Hinsicht nicht gut. Zum einen müssen Frauen über ihre Rechte etwa im Bezug auf die vertrauliche Geburt, die Konsequenzen, die Kosten, aber auch mögliche Lösungen aufgeklärt sein, andererseits sind Frauen aufgrund des hormonellen Ausnahmezustands direkt vor und nach einer Geburt nicht aufnahmefähig.

Auch eine Nachbetreuung bietet das Monikahaus an – doch selbst wenn die Frauen vorher zusagten, sich noch einmal zu melden, passiert das so gut wie nie. „Ich glaube, dass Frauen einen Kontakt nicht ertragen würden, sie gehen da lieber wieder in Verdrängung“, sagt Grohmann.

Dass die Babyklappe wie erhofft verschwinden wird, glaubt Grohmann allerdings nicht. „Unsere Erfahrung ist: Es gibt Frauen, da kann man beraten wie man will, die geben ihre Anonymität nicht auf“, sagt sie. Eine Babyklappe sei dann aber das kleinere Übel gegenüber der Tötung oder dem Aussetzen eines Neugeborenen.

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