Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Naturfreunde: Ingo Rösler und der Harheimer Steinkauz namens 44 17 602 – das steht auf dem Ring an seinem Fuß.
+
Naturfreunde: Ingo Rösler und der Harheimer Steinkauz namens 44 17 602 – das steht auf dem Ring an seinem Fuß.

Tierschutz

Hilfe für kleine Eulen

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
    schließen

Ingo Rösler hilft den sympathischen kleinen Eulen in Frankfurt auf die Sprünge. Rösler ist Freund aller Frankfurter Vögel und Mitglied der AG Steinkauzschutz in der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON).

Das nennt man Multitasking: Ingo Rösler jongliert mit einer Hand abwechselnd Lineal, Kugelschreiber, Papier, Waage – und in der anderen Hand hält er einen interessierten Beobachter: den Steinkauz, kleine Eule mit großen Augen. Um den Steinkauz geht’s hier nämlich. Man muss ihn einfach gernhaben.

Feierabend im Frankfurter Norden, die Menschen fahren nach Hause, Ruhe legt sich über die Landschaft, nur ein Auto biegt hinter Harheim auf einen Feldweg ab. Darin sitzt Ingo Rösler, Freund aller Frankfurter Vögel und Mitglied der AG Steinkauzschutz in der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON).

Zum Frühlingsbeginn macht Rösler immer die Tour durch den Grüngürtel, vorwiegend im Norden, denn da wohnen sie, die Frankfurter Steinkäuze. Da fühlen sie sich wohl. „Der Steinkauz-Bestand ist zwar sehr zurückgegangen in Deutschland in den letzten 40 bis 50 Jahren“, sagt Rösler, „aber Hessen liegt im Vergleich ganz gut.“ Nur hier habe die Zahl der Steinkäuze zugenommen, und besonders in Frankfurt.

Dann schauen wir doch mal. Der Vogelkundige zieht eine Stirnlampe an und kraxelt auf der Leiter an einem Apfelbaum hoch. Oben ist eine Holzröhre befestigt, vielleicht einen Meter lang, mit einem etwa Tennisball-großen Loch als Eingang. Jemand drin? Nein. „Die ist leer“, sagt Rösler und klettert wieder herunter.

Als Vater des Steinkauzschutzes im Rhein-Main-Gebiet gilt Werner Peter. Der Mann begann schon vor mehr als 30 Jahren, die Brutröhren im Main-Kinzig-Kreis aufzuhängen, und erweiterte dann seinen Aktionsradius. Hunderte Familien der hübschen Vögel auf praktisch allen Streuobstwiesen der Umgebung verdanken ihm ihr Zuhause. Ingo Rösler fuhr mal mit Peter los und übernahm dann die Frankfurter Abteilung, 2006 oder 2007 war das.

Der nächste Baum, die nächste Röhre. Und? „Da ist einer drin.“ Im Ernst? Tatsächlich: Ganz hinten ist dank Stirnlampe ein Federknäuel zu sehen. Aber wie soll man da drankommen? Ingo Rösler kennt den Trick, er zieht einen Draht aus der Verankerung und öffnet einfach die Klappe direkt da, wo der Steinkauz sitzt. Beziehungsweise saß. Der fliegt doch sofort vorne raus, wenn hinten plötzlich jemand die Klappe öffnet. Oder? Nein, denn vorne hat jemand seinen Handschuh in den Eingang gestopft: Ingo Rösler.

Jetzt muss er nur noch den Kauz zu fassen kriegen, der natürlich im Rohr so weit wie möglich weg huscht. Und da das Rohr ein wenig länger ist als ein Menschenarm, braucht es Geschick und gute Worte, um den Steinkauz schließlich doch noch sehr behutsam aus dem Versteck zu holen. Da ist er nun in Röslers Hand und schaut verblüfft aus den Federn. Vielleicht auch ein bisschen beleidigt. Wer wäre das nicht, wenn ihn jemand, der viel größer ist, einfach aus seiner Wohnung zerrt, ohne vorher zu klingeln?

Aber es ist ja zu einem guten Zweck. In den ersten Frühlingstagen, vor der Eiablage schaut Rösler in die Brutröhren, um einen Überblick zu gewinnen, wer alles da ist. Die Vögel tragen nämlich alle einen Ring am Fuß, mit dem sie zu identifizieren sind. Unser Harheimer Kandidat zum Beispiel heißt 44 17 602 und ist, wie alle Frankfurter Kollegen, bei der Zentrale in Helgoland registriert. Bis Anfang April dauert diese erste Steinkauz-Runde im Jahr immer. Wie sind die Ergebnisse bisher? Gut. Im Gegensatz zu 2013, als ein harter Winter die Zahl der Steinkauz-Brutpaare dezimierte, ist sie in diesem Jahr offenbar kräftig gestiegen. „Wir können davon ausgehen, dass es wieder mehr als 80 Paare sind.“ In Frankfurt, insgesamt. Das sind zwar deutlich mehr als zu Beginn der Aufzeichnungen 2004; damals waren es 29 Brutpaare. Aber man sieht: Auch heute ist der Steinkauz noch nicht so zahlreich in der Stadt, dass er aller Sorgen ledig wäre.

Und was jetzt?, fragt 44 17 602 – jedenfalls sieht er so aus, als würde er das gern wissen wollen, sagt aber keinen Ton. Der Ornithologe misst erst einmal seine Flügel (jeweils 167 Millimeter), und dann macht er die Waage klar.

Einen Steinkauz wiegen. Na sicher. Wie soll das gehen? Mit der Miezekatze kann man sich ja gemeinsam auf eine Personenwaage stellen und hinterher das eigene Körpergewicht abziehen. Alter Trick. Aber die Waage, die Ingo Rösler dabei hat, sieht eher so aus, als sollte man ihr mit mehr als eine halben Pfund Gesamtgewicht nicht näher kommen. „Ach, kein Problem“, sagt er gutgelaunt. „Das ist ganz witzig: Wenn man die auf den Rücken legt, bleiben sie liegen.“ Und so kommt es dann auch. Kein Märchen. 44 17 602 bleibt sehr brav auf der Waage liegen, möchte dann aber hinterher gern wieder in seine Wohnung.

Eine Werkstatt im Vogelsberg baut die Brutröhren. Wie wichtig sie sind, können gerade wir Frankfurter nachfühlen, die immer weniger artgerechten und bezahlbaren Wohnraum finden. Und die Neubausiedlungen am Riedberg oder in Harheim werden ja nicht für Steinkäuze errichtet. Im Gegenteil – sie nehmen praktisch allen anderen außer den Menschen den Lebensraum weg. Bruthöhlen in der Natur? Gibt’s kaum noch.

Was also wäre wichtig für den Steinkauz? Streuobstwiesen, sagt Ingo Rösler. Mehr davon. Oder wenigstens besser geschützt und besser betreut, die Wiesen gemäht, die Bäume gepflegt. Frankfurt sei mit seinem Patenschaftsmodell für Streuobstwiesen schon nicht schlecht, aber das müsste noch ausgebaut werden. Der Steinkauz braucht ja eigentlich nicht viel. Eine Höhle und ein paar Bäume als Ansitz, gejagt wird im Offenland – Würmer und Gekreuch für die Küken, Mäuse für die Erwachsenen. Da ist niedriges Gras lebenswichtig.

44 17 602 und seine Artgenossen entfernen sich nicht gern von ihrer Kinderstube, meistens brüten sie ganz in der Nähe. Harheim ist ganz klar das Frankfurter Hauptquartier mit dauerhaft mehr als zehn Paaren und seit 2004 insgesamt 33 Jungtieren – bei seiner Rundtour kann Ingo Rösler dort viele Brutröhren zu Fuß abklappern: „Dichter geht es nicht. In der Regel hat ein Steinkauz einen Aktionsradius von 400 Metern im Umkreis.“

Meist wechseln die Bewohner nach drei oder vier Jahren, aber manchmal trifft er auch alte Bekannte: Ein elfjähriges Weibchen war die Grande Dame der Frankfurter Steinkauzpopulation, der Fußring war ihr Zeuge. „Dann freut man sich natürlich, so eine Vertraute wiederzusehen, das ist schön“, sagt Rösler. „Aber die meisten erkenne ich nicht persönlich.“ Umgekehrt verhält es sich wahrscheinlich anders. Wenn Rösler das nächste Mal in den Baum klettert, um den Nachwuchs zu beringen, wird 44 17 602 wahrscheinlich seufzen: Der schon wieder!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare