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Ortrud Georg-Pathe vor der JVA Preungesheim.

Frauengefängnis Preungesheim

Hilfe beim Weg in die Freiheit

Ortrud Georg-Pathe unterstützt Mütter, die mit ihren Kindern im offenen Vollzug leben. Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen zeichnet Georg-Pathe jetzt mit dem Olympe-de-Gouges-Preis aus.

Von Martina Propson-Hauck

Ihre langen, grauen Haare zerzaust der Wind. Auf ihrer Strickjacke leuchten Hunderte von Blüten in Rottönen gegen die Tristesse von Stacheldraht und Gefängnismauern an. Fototermin vor dem Frauengefängnis Preungesheim, offener Vollzug. Seit zehn Jahren ist Ortrud Georg-Pathe Mitglied des Vereins „Mutter-Kind-Heim Preungesheim“, seit fünf Jahren dessen Vorsitzende. Am Sonntag wird sie dafür mit dem Olympe-de-Gouges-Preis der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen ausgezeichnet. Der Verein ist der einzige in ganz Deutschland, in dem sich Ehrenamtliche um die Frauen und Kinder eines Mutter-Kind-Heims im Strafvollzug kümmern.

Noch ist die dunkelbraune Tür fest verschlossen. Eine Stunde später kommen die acht Frauen mit ihren insgesamt zehn Kindern heraus. Ab 16 Uhr haben die Freigängerinnen Ausgang, um 19 Uhr müssen sie wieder drin sein und Abendessen kochen für die Kinder, wie andere Mütter auch. Ein Stück Normalität.

Die Kinder in ihren Buggys lachen und glucksen. Eine Kindheit hinter Gittern stellt man sich anders vor. Hier gibt es aber gar keine Gitter, sondern ganz normale Kinderzimmer mit Spielsachen und einen Garten zum Toben. „Die Kinder haben hier einen gesunden Start ins Leben und einen geregelten Tagesablauf“, sagt Georg-Pathe. Die Jüngeren besuchen die Kita in der JVA, mit drei Jahren gehen sie in öffentliche Kitas im Stadtteil, Schulkinder leben bei Verwandten oder in Pflegefamilien. Niemand außer der Leiterin der jeweiligen Einrichtung weiß, dass die Mütter im Frauengefängnis arbeiten oder dort eine Ausbildung machen. Trotzdem sollen die Mütter ihren Kindern erklären, dass sie im Gefängnis leben und warum.

Auch Sommerferien in einer Bildungsstätte im Taunus gehören zu dieser Normalität. Die würden die Kinder sonst vermutlich nicht erleben. Ihre Mütter haben oftmals weder Schulabschluss noch eine Ausbildung, haben gestohlen oder Drogen geschmuggelt, stammen aus Milieus, in denen der Kinderalltag geregelte Abläufe, Mahlzeiten und Vorlesen nicht unbedingt kennt.

Auch die 64-jährige Vereinsvorsitzende liest gelegentlich vor. Noch lieber aber animiert sie die Frauen dazu, das zu tun. Manche der Frauen bekommen ihr Kind erst in Gefangenschaft. „Dank unseres Einsatzes müssen sie aber nicht in Fesseln entbinden“, sagt Georg-Pathe. Die Ehrenamtlichen gewährleisten die Verstärkung der Aufsicht. Das könnten andere Frauenhaftanstalten nicht leisten, darauf ist sie stolz.

1969 ist das Mutter-Kind-Heim als Bürgerinitiative gegründet worden, 1975 wurde es eröffnet, seit 1988 liegt es außerhalb der eigentlichen Anstaltsmauern. Jeder grüßt Georg-Pathe, kennt sie. Die Mutter der Anstalt? „Die Oma“, sagt sie und lacht. Gibt es Konflikte, kann sie vermitteln, denn sie geht mit der Anstaltsleitung regelmäßig essen. Kleine Dienstwege, große Wirkung.

Neben den wöchentlichen Besuchen in Preungesheim verbringt sie jeden Tag für „ihre“ Frauen und Kinder mehrere Stunden am Computer im Haus ihrer Familie in Dreieich. Sie sammelt Spenden, zudem erhöhen Bußgeld und die Beiträge der 52 Mitglieder das Budget. Davon verteilt sie Geld zum Telefonieren an die Frauen oder für eine Fahrkarte zur Familie, für einen neuen Strampler oder ein Spielzeug. Der offene Strafvollzug ermöglicht den Müttern den Weg zurück in Freiheit und Selbstbestimmung, Schritt für Schritt. Und Georg-Pathe hilft dabei.

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