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Elmar Fulda ist seit Oktober Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

Stadt muss sich beim Zentrum der Künste entscheiden

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„Wir sind räumlich extrem eingeengt“, sagt HfMDK-Präsident Elmar Fulda. Aber: Ein Zentrum der Künste würde 60 Millionen Euro kosten.

Herr Professor Fulda, die ersten 100 Tage als Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sind schon lange vergangen …
(lacht) Ich habe nicht gezählt. Aber die Zeit verging wie im Fluge. Ich habe offiziell am 1. Oktober angefangen. Aber gewählt war ich schon am 28. Mai. Von diesem Tag an habe ich intensiv über Frankfurt nachgedacht. Und Frankfurt hat über mich nachgedacht. Ich bekam viele Anrufe, ich wurde in Entscheidungen einbezogen. 

Sie haben ein Privileg, das man nur einmal im Leben bekommt: Sie können eine neue Hochschule entwickeln. Das Land gibt 100 Millionen Euro für diesen Bau auf dem Kulturcampus in Bockenheim, dem alten Gelände der Goethe-Universität. Was ist der Stand der Dinge?
Es gibt die gemeinsame Machbarkeitsstudie von Stadt und Land. Das war ein wichtiger Impuls von Kulturdezernentin Ina Hartwig und des damaligen Wissenschaftsministers Boris Rhein. Durch die Studie wissen wir: Wenn man das Grundstück des heutigen Juridicums und des Labsaals an der Bockenheimer Warte nimmt und außerdem das dreieckige Tortengrundstück neben dem Bockenheimer Depot, dann kann man dort den Kulturcampus bauen. Ein Ensemble, in dem Musik, Theater und Tanz, Kunstpraxis, Forschung und Ausbildung zusammenkommen. Und man kann noch südlich davon Wohnungen errichten. Das Ideal eines lebendigen Kulturstadtquartiers ist möglich! Es gibt die Raumprogramme der Kulturinstitutionen, die dort hinziehen, Hochschule, Ensemble Modern, Frankfurt LAB, Dresden-Frankfurt-Dance-Company: Es passt, der Platz ist da.

Sie verfügen ja auch für die neue Hochschule bereits über ein klares Raumprogramm. Wie geht es jetzt weiter?
Die Stadt untersucht gerade noch einmal den Bedarf für ihre Einrichtungen. Diese Untersuchung will man bis zum Sommer abschließen. Dann soll es noch einmal einen Runden Tisch geben, an dem sich Stadt und Land zusammensetzen. Die Kulturdezernentin hat signalisiert, dass sie hinter dem geplanten Zentrum der Künste steht. Darauf baue ich! 

Wann wird die Universität den Raum frei machen?
Das hängt davon ab, wann die neuen Gebäude auf dem Campus Westend fertigwerden. Aber ich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr Klarheit bekommen, wann es losgeht und vor allem wer mit der Hochschule nach Bockenheim kommt. 

Wie ungeduldig sind Sie?
Sehr. Ich bin erst mal grundsätzlich optimistisch. Viele Kolleginnen und Kollegen im Hause allerdings haben schon mehrere Phasen dieses Projekts durchgemacht. Es gab immer wieder Rückschläge, stop and go. Deshalb ist der Optimismus innerhalb des Hauses etwas gebremst. Unser Problem ist ganz einfach beschrieben: Wir brauchen 14 000 Quadratmeter Fläche. Aber wir haben aktuell hier in den Gebäuden an der Eschersheimer Landstraße nur 7500 Quadratmeter. Wir haben 2500 Quadratmeter dazugemietet, aber es bleibt eine große Lücke. Das führt dazu, dass wir in bestimmten Bereichen räumlich extrem eingeengt sind. 

Wo ist die Situation am schlimmsten?
Bei den darstellenden Künsten. Zu einer modernen Ausbildung gehört ein eigenes Theater. Wir haben kein eigenes Theater. 

Wohin gehen Sie jetzt, wenn Sie ein Theater brauchen?
Wir nutzen das Frankfurt Lab, das Gallus-Theater oder dürfen beim Mousonturm gastieren. Die letzte Opernproduktion kam bei uns im Großen Saal heraus, der dann ungewöhnlich genutzt wurde. Was interessant war. Wir haben auch ein Problem bei den größeren Ensembles im Bereich Musik. Dabei wollen wir zeitgemäß ausbilden. Die Studierenden sollen den Dialog mit dem Publikum erleben, doch diese Möglichkeiten können wir derzeit nur begrenzt bieten. 

Trotz dieser sehr schwierigen Verhältnisse zieht die Hochschule Studierende aus aller Welt an.
Studierende entscheiden sich für uns, weil sie glauben, dass unsere Lehrenden und unser Unterrichtsangebot spannend sind. Die Studierenden entscheiden sich nicht für ein bestimmtes Gebäude oder eine bestimmte Stadt. Sondern es geht immer darum: Wer unterrichtet mich? Wie ist das künstlerische Umfeld? Wir haben es bei uns eng. Das hat große Nachteile. Das hat aber auch einen Vorteil: Wir müssen gut miteinander auskommen. Hier weht ein guter Geist. 

Zur Person

Elmar Fulda wurde 1964 in München geboren. Er studierte Germanistik, Theater- und Musikwissenschaft.

Er war Spielleiter an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg.

Von 1994 an war er Regisseur in Musiktheater und Schauspiel.

Seit 2005 lehrte er an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, deren Vizepräsident er war. (jg)

Welche Akzente haben Sie neu gesetzt in der Lehre?
Meine Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu verbessern und die Sichtbarkeit der Hochschule in Stadt und Land zu erhöhen. Wir vergrößern unsere Netzwerke, wie unsere ungemein aktive Gesellschaft der Freunde und Förderer oder unsere Stiftung, die demnächst in Frankfurt ins Goldene Buch der Stiftungen Eintrag findet. Wir wollen uns modernisieren: Wir bauen ein großes Ton- und Videostudio. Anfang 2020 werden wir hier im Gebäude ein Studio haben, in dem wir High-End-Aufnahmen im Bereich Audio und Video machen können. Und wir überarbeiten unsere gesamte Kommunikationsstrategie, wollen Audio und Video, Social Media in unsere Website einbinden. 

Die Hochschule hatte ein Imageproblem. Es war schwierig, sich auf einen Präsidenten zu einigen. Die Hochschule wirkte zerstritten.
Wir sind tatsächlich ein bunter Haufen, aber wenn es drauf ankommt, raufen wir uns zusammen. Wir sind sehr unterschiedlich, weil wir sehr unterschiedliche Künste vertreten. Musiker sind ein anderer Menschenschlag als Tänzer, Schauspieler oder Lehrer. 

Sind sie noch mehr Individualisten?
Ein Musiker ist viel stärker gewöhnt, sich einzufinden in eine Gruppe, in eine Harmonie. Der Schauspieler gibt eher die Rampensau. Wir sind sehr vielfältig, und das ist spannend und inspirierend. Ich habe mir grundsätzlich etwas vorgenommen. Ich möchte Kunst als einen Weg der Erkenntnis ins Bewusstsein rücken, der für uns alle genauso wichtig ist wie die Wissenschaft. Wir können der Gesellschaft mit und in der Kunst Narrative zu Verfügung stellen, die Identität stiften. Wir haben Modelle, zum Beispiel im Ensemblespiel, wie Zusammenleben nonverbal funktioniert. 

Sie leben ein multikulturelles Modell.
Ja. Wir ermöglichen auch Kindern, die nicht so sprachmächtig sind, Teilhabe. Über Musik, über Rhythmus, über Bewegung. Die Hochschule versteht sich als zeitgenössisch. Wir sehen uns in der Gegenwart. Unser Ideal ist: der denkende Künstler. 

Sie setzen sich mit Rassismus auseinander.
Bei uns ist das kein Thema. Denn mit unseren Lehrenden und Studierenden sind wir international aufgestellt. 

Gibt es einen Förderkreis?
Ja. Wir haben die Gesellschaft der Freunde und Förderer. Das sind mehr als 300 Mitglieder, die jedes Jahr der Hochschule eine sechsstellige Summe zur Verfügung stellen. Für Stipendien, für die Anschaffung besonderer Instrumente. Ich kenne wenig andere deutsche Hochschulen für Musik und Darstellende Kunst, für die sich Bürger so engagieren. 

Was wünschen Sie sich von der Stadt?
Klare Bekenntnisse zur Kunst. Die Entscheidung, dass man in Bockenheim ein Kulturquartier baut und den eigenen Anteil finanziert. Und ein klares Bekenntnis zum Theater, zu den Städtischen Bühnen. 

Warum ist das so schwierig?
Weil es um viel Geld geht. Die Stadt steht unter Druck. Es gibt einen starken Zuzug. Es gibt viele Aufgaben. Und Kultur ist eine freiwillige Leistung der Kommune. 

Sie bekommen hundert Millionen Euro für die neue Hochschule aus dem Heureka-Programm des Landes Hessen. Wie viel würde denn das städtische Zentrum der Künste zusätzlich kosten?
Für die Städtischen Bühnen braucht man eine Milliarde. Da sind viele Finanzierungswege vorstellbar. Ich würde mir wünschen, dass sich die Politik eindeutig dahinter stellt und sagt: Frankfurt ist auch Theater. Es ist ein Beschluss von großer Tragweite wie seinerzeit die Entscheidung für das Museumsufer. Diesen Mut wünsche ich mir von der Stadt auch für das Zentrum der Künste auf dem Kulturcampus. Das soll wohl zwischen 50 und 60 Millionen kosten. Aber mit dem Ensemble Modern hat Frankfurt ein Weltensemble! 

Sind die nicht gut untergebracht im Ostend mit einem Zehnjahresvertrag?
Ja. Aber das Ensemble verdient, eine andere Sichtbarkeit in der Stadt zu bekommen. Der Kulturcampus kann zudem der Ort werden, wo Tanzaktivitäten in Frankfurt gebündelt und sichtbar werden. Man hat leider vor 15 Jahren das Ballett als städtische Sparte gestrichen. 

Das hat zu einem großen Aufschrei geführt.
Ja. Und leider fehlt seitdem in Frankfurt ein repräsentativer Ort für Tanz. Das wäre in Bockenheim möglich. 

Stehen Sie in Kontakt mit den Intendanten der Städtischen Bühnen?
Ja, wir haben sehr guten Kontakt. Mit Schauspielintendant Anselm Weber verwirklichen wir das Studiojahr, in dem unsere Schauspielstudierenden ein Jahr dort verbringen, in kleinen Rollen auftreten, eigene Produktionen machen können. 

Setzen Sie sich selbst eine Zeitgrenze, bis zu der sich etwas bewegen muss auf dem Kulturcampus?
Ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht. Frankfurt hat es mir bisher leichtgemacht. Also bin ich ungebremst optimistisch. 

Was wäre ein Punkt, an dem Sie sagen würden, jetzt ist Schluss, das mache ich nicht mehr mit?
Meine Toleranz ist sehr hoch. Ich weiß, dass man einen langen Atem braucht. Als Segler fordert mich Gegenwind heraus. Ich denke nicht an Aufgeben.

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