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Hey baby, it’s a me, Mario!

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Von: Stefan Behr

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Mit 180 meint ein Fan den bestmöglichen Wurf beim Darts (dreimal Triple 20). Oder seinen aktuellen Blutdruck.
Mit 180 meint ein Fan den bestmöglichen Wurf beim Darts (dreimal Triple 20). Oder seinen aktuellen Blutdruck. © Renate Hoyer

Die Darts-Team-WM in der Frankfurter Eissporthalle: ein schillernder Hybrid aus Karneval in Walluf, Junggesellenabschied und Dippemess.

Den Unterschied zwischen dem Schöngeist und dem Darts-Fan erkennt man mit Hilfe des Phil-Taylor-Tests. Nennt man diesen Namen, so wird der Kulturmensch unweigerlich an den Motörhead-Drummer „Philthy Animal“ denken, Gott hab‘ ihn selig, und mit tränennassen Augen singen „I just love the life I lead / Another beer is what I need“. Der Dart-Fan jedoch wird an die Darts-Legende im Ruhestand Phil „The Power“ denken und auch was singen, nämlich „Heeeyeyey baby, uh ah, i wanna knouououow if you’ll be my girl“. Zu bedeuten hat das aber nichts, der Darts-Fan singt das immer und überall zu jeder Gelegenheit.

Wer am frühen Samstagabend mit der Bahn zur Eissporthalle fährt, um der Darts-Team-WM beizuwohnen, der bekommt eine Ahnung davon, wie es am Rosenmontag in einer liberal geführten Nervenheilanstalt aussehen könnte. So gut wie alle sind verkleidet. Als Clown, Knacki, Schlumpf, lebende Dartsscheibe oder sonstwas. Einer hat gar die erfrischende Idee gehabt, sich eine überdimensionale Tüte Ahoj-Brause, Zitronengeschmack, anzuziehen. Das ist natürlich Etikettenschwindel. Brause trinkt hier keiner.

Heyeyey Baby, ich hätte da mal eine Frage...
Heyeyey Baby, ich hätte da mal eine Frage... © Renate Hoyer

Vor allem Verkleidungen als Figur aus dem Nintendo-Universum erfreuen sich beim Darts-Fan enormer Beliebtheit. Die gefühlte Hälfte der Besucher hat sich als Super-Mario, der Prinzessinnenklempner, verkleidet. Das führt zu einer Vielzahl von Verbrüderungsszenen, bei denen sich wildfremde Marios bierselig in die Arme fallen und sich wechselseitig mit der traditionelle Ansage „It’s a me, Mario!“ vorstellen. Die ersten paar mal ist das ja auch ganz komisch.

Nur als Fan der Frankfurter Eintracht sollte man sich nicht verkleiden. Da gibt es leider kein Pardon. „Fußballfans von Eintracht Frankfurt wären am Donnerstagabend gerne in ihren Europapokalsieger-Klamotten zur Darts-Team-WM gegangen – doch das ließ der Weltverband PDC in der Eissporthalle nicht zu“, meldete die Nachrichtenagentur zu Beginn der WM. „Das Prozedere gilt bei Darts-Veranstaltungen als Standard, Es sind lediglich Nationaltrikots erlaubt. Grund dafür ist, dass die Organisatoren Konflikte vermeiden wollen. Bei Darts-Events wird traditionell viel Alkohol getrunken, die Stimmung gilt als ausgelassen.“

Leider nicht auf diesem Bild: Propellermützen.
Leider nicht auf diesem Bild: Propellermützen. © Renate Hoyer

Der letzte Satz ist eine maßlose Untertreibung. Die Darts-Team-WM muss man sich als einen Hybriden aus Karneval in Walluf, Junggesellenabschied und Oktoberfest vorstellen, untermalt von „Hey Baby“ in Endlosschleife. Wer aus Versehen in Alltagskleidung, also quasi nackt, angereist ist, der findet vor Ort einen Stand mit allem, was er braucht, um nicht weiter aufzufallen: neonfarbene Perücken, Hühnermützen, Herzbrillen und LED-Blinkkrawatten. Die Gentlemen unter den Darts-Fans - Ladies sind deutlich unterrepräsentiert - sind zu dem Event ohnehin stilecht im Kleinen Bunten angereist: Hawaiihemd und Propellermütze, eine Kombination, mit der man auch in Ascot nichts falsch macht.

Während im Publikum getrunken wird - im Innenraum auf Bierbänken mit Tischen, auf den billigen Plätzen etwas unkomfortabler -, wird auf kleiner Bühne auch gedartet. Und auf großer Leinwand übertragen, damit man auch was sehen kann. Das Publikum feuert seine Favoriten an, wobei nicht immer ganz klar ist, wer mit „Hey Baby“ nun gemeint ist. Manchmal wird auch ein Eintracht-Lied gesungen. Das Singen lässt sich hier niemand verbieten. „Geil, wie früher bei der Galaxy“ freut sich ein Besucher und erinnert an alte Football-Zeitern, wo sich Tausendschaften im Waldstadion trafen, um gemeinsam „Hey Baby“ zu singen. Eines ist bei Darts aber viel besser. Hier fragt wenigstens niemand mehr „Who the fuck is Alice?“ Das war ja früher im Waldstadion immer die Hölle, Hölle, Hölle!

Gabriel Clemens gewinnt sein Match gegen Andreas Toeft Joergensen.
Gabriel Clemens gewinnt sein Match gegen Andreas Toeft Joergensen. © Renate Hoyer

Aber dort ist Sport ja bekanntlich am schönsten, und in der Eissporthalle sind auch alle höllisch gut drauf. Sportlich läuft es am Samstag für das deutsche Darts-Team rund, man siegt 2:0 gegen Dänemark, am Sonntag aber müssen sich Martin Schindler und Gabriel Clemens dem favorisierten Wales geschlagen geben.

Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, ein Großteil des Publikums kommt ohnehin von jenseits des Ärmelkanals. Und wer am Ende gewinnt, ist bei einer Darts-WM auch gar nicht die entscheidende Frage. Die lautet ganz anders, nämlich „Heeeyeyey baby, uh ah, i wanna knouououow if you’ll be my girl“.

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