Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Martin Krieger ist Lehrer für Religion und Philosophie am Gymnasium Nord in Frankfurt.
+
Martin Krieger ist Lehrer für Religion und Philosophie am Gymnasium Nord in Frankfurt.

Schule in Coronazeiten

Hessischer Schulleiter sagt: „Die Kinder und Jugendlichen erwarten Gerechtigkeit“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
    schließen

Der Krisenbegleiter und Lehrer Martin Krieger und der Schulleiter Michael Haas berichten, wie Schülerinnen und Schüler mit der Corona-Pandemie umgehen. Und worunter sie besonders leiden.

Herr Krieger, Sie haben sich zum Krisenbegleiter weitergebildet. Jetzt sind wir mitten in einer Krise. War das für Sie der Anlass, die entsprechende Weiterbildung zu beginnen?

Martin Krieger: Tatsächlich habe ich damit schon einige Zeit vor der Corona-Pandemie begonnen, auf die Sie sicher anspielen. Allerdings hat sich die gesamte Weiterbildung wegen Corona etwas in die Länge gezogen. Abgeschlossen habe ich sie gerade vor ein paar Wochen. Ich bin seit mehr als fünf Jahren Beratungslehrer und Kinderschutzbeauftragter an unserer Schule, da gab es auch vor Corona schon das eine oder andere Problem und die eine oder andere Krise zu bewältigen. Mir war wichtig, eine Fortbildung zu machen, die in diesem Zusammenhang mehr in die Tiefe geht.

Haben sich durch die Corona-Krise bestimmte Probleme verstärkt?

Krieger: Ja, das würde ich ganz sicher sagen. Vor allem zugenommen haben depressive Verstimmungen bis hin zu ausgewachsenen Depressionen.

Wie machen die sich bemerkbar?

Krieger: Oft treten Verhaltensänderungen auf, etwa wenn ein Schüler oder eine Schülerin im Unterricht so gut wie gar nichts mehr sagt, was zuvor nicht der Fall war. Oder dass jemand sich immer mehr zurückzieht, in der Pause meist ganz allein irgendwo am Rand steht.

Was geschieht dann?

Krieger: Entweder fallen mir diese Veränderungen selbst auf, oder die Kinder oder Jugendlichen sprechen mich oder ein anderes Mitglied unseres Beratungsteams wegen ihrer Probleme an. Oder eine Klassenlehrerin macht mich auf die Verhaltensänderung aufmerksam. Meistens versuche ich dann, mit dem Schüler oder der Schülerin ins Gespräch zu kommen. Auffällig finde ich, dass gerade in der Zeit der Lockdowns, als ja alle zu Hause saßen, pro Woche ein oder zwei Jugendliche von sich aus auf mich zugekommen sind, also schon relativ viele. Auch da waren Depressionen ein großes Thema.

Um was ging es dabei?

Krieger: Sie hatten Schwierigkeiten, sich am Distanzunterricht zu beteiligen, fühlten sich erschöpft, hatten Probleme in der Familie, weil es dort mitunter zu viel Druck gab, trotz allem im Unterricht mitzukommen. Das kann dann bis hin zu häuslicher Gewalt führen, die auch zugenommen hat.

Die Interviewten

Martin Krieger (60) hat sich zum Krisenbegleiter weiterbilden lassen. Er ist Lehrer für Ethik, Philosophie, Religion sowie Politik und Wirtschaft und unterrichtet am Gymnasium Nord in Frankfurt-Westhausen.

Michael Haas (51) leitet das Gymnasium Nord seit dessen Gründung 2016.

Der Krisenbegleitkurs wird vom Dezernat Schule und Bildung des katholischen Bistums Limburg angeboten. Er richtet sich an Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Pädagog:innen der schulischen Sozialarbeit in Hessen und Rheinland-Pfalz. Der Kurs besteht aus drei Blöcken und dauert in der Regel ein Jahr. Die nächste Runde beginnt im Februar und ist ausgebucht. pgh

Nun sind alle zurück im Klassenraum. Geht es den Schülern und Schülerinnen jetzt wieder gut?

Michael Haas: Wir sehen, dass sich auffallend viele Kinder abholen lassen, weil sie über Bauchschmerzen klagen, sich unwohl fühlen. Das hat deutlich zugenommen.

Woran liegt das?

Haas: Im Distanzunterricht ist in einigen Familien viel Druck entstanden, sich in der Schule nicht abhängen zu lassen. Dieser Druck wirkt nach. Und offenbar haben einige Kinder und Jugendliche auch Schwierigkeiten, sich wieder daran zu gewöhnen, in einer größeren Gruppe zu sein. Es gibt außerdem mehr Konzentrationsstörungen, das kann dazu führen, dass Schüler dem Unterricht nicht mehr folgen können. Daraus erwächst schnell eine Schulangst, diese Schüler versuchen, sich zu entziehen.

Krieger: Schulabsentismus ist ein Phänomen, das gerade im Distanzunterricht zugenommen hat. Auch da haben sich einige natürlich der Schule entzogen, fehlten in den Videokonferenzen und waren auch anderweitig nur schwer erreichbar.

Haas: Und haben nun Schwierigkeiten, sich wieder in den Schulalltag einzufinden.

Wie wirkt sich das zwischen den Kindern und Jugendlichen aus? Gehen die anders miteinander um, gibt es mehr Aggressionen, weil der Druck im Kessel hoch ist?

Haas: Der Druck ist in der Schule insgesamt schon hoch. Allerdings nehme ich nicht wahr, dass Aggressionen zugenommen haben. Im Gegenteil: Es gab und gibt ja eine große Dankbarkeit, wieder in der Schule sein zu können. Mir scheint, die Wertigkeit von Unterricht ist gewachsen, und die Klassengemeinschaften wurden eher gestärkt. Was aber stimmt, ist, dass es mehr einzelne Kinder und Jugendliche gibt, die Schwierigkeiten mit Schule und Lernen haben.

Krieger: Manche brauchen einfach die Schulgemeinschaft. Und weil die ihnen im Distanzunterricht über längere Zeit verlorengegangen ist, haben sie nicht nur beim Lernen den Anschluss verloren.

Wie sehr haben Kinder und Jugendliche darunter gelitten, dass vielleicht nahe Angehörige aufgrund von Corona verstorben sind? Oder dass Eltern erkrankt sind?

Krieger: Ich bin ja vor allem Religions-, Ethik- und Philosophielehrer. Da war das natürlich ein Thema im Unterricht. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise haben sich die Schülerinnen und Schüler noch persönlicher als sonst mit Sterben und Tod auseinandergesetzt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sie Solidarität und Gerechtigkeit erwarten. Sie waren lange gerne dazu bereit, auf vieles zu verzichten, um ältere Menschen zu schützen. Und nun erwarten sie, dass die Gesellschaft auch ihnen gerecht wird, etwa indem sie ihnen ermöglicht, aufgrund einer forcierten Impfkampagne und anderer Schutzmaßnahmen weiter in die Schule gehen zu können.

Haas: Kinder und Jugendliche haben in dieser Krise viel Verantwortung übernommen, und die allermeisten verhalten sich noch immer sehr verantwortungsvoll. Aber Schule ist auch ein Ort der Gemeinschaft. Schülerinnen und Schüler müssen Sport treiben, spielen, singen und musizieren. Umso mehr freuen wir uns darauf, den Schulalltag möglichst bald wieder uneingeschränkt gestalten zu können.

Interview: Peter Hanack

Michael Haas leitet das Gymnasium Nord in Frankfurt-Westhausen seit dessen Gründung 2016.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare