1. Startseite
  2. Frankfurt

Hessischer Rundfunk: Zäsur für das „Trüffelschwein“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Pitt von Bebenburg

Kommentare

Frankfurt 18.2.22 PORTRAIT nach Gespräch mit dem scheidenden hr-Intendanten Manfred Krupp im Hessischen Rundfunk,Goldhalle.
Der scheidende hr-Intendant Manfred Krupp in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt © Monika Müller

Manfred Krupp, Intendant und Urgestein des Hessischen Rundfunks, hört auf. Ein Porträt von Pitt von Bebenburg

Frankfurt - Manfred Krupp ist nicht zu bremsen. Es gibt so vieles, was noch zu tun und zu sagen wäre. „Ich kann halt nicht halbgar“, sagt der Intendant des Hessischen Rundfunks, der am heutigen Freitag 66 Jahre alt wird und am Montag seinen letzten Arbeitstag hat. Man glaubt es ihm aufs Wort. „Ich mache meinen Job bis zum 28. Februar.“

Da sitzt ein quirliger Mann, mit Sakko, Jeans, weißem Hemd ohne Krawatte, der mit kräftiger Stimme spricht – über die Fortschritte bei der Digitalisierung der Rundfunkanstalt, über Anekdoten aus der hessischen Landespolitik, über zahlreiche Abschiede von unzähligen Funktionen in Gremien aller Art, von denen viele mit Rundfunk und Fernsehen zu tun haben. Nun hört Krupp auf. Seinen Nachfolger Florian Hager, bisher stellvertretender ARD-Programmdirektor und gut 20 Jahre jünger, arbeitet er systematisch ein.

Schluss nach 38 Jahren

Ein Urgestein des Hessischen Rundfunks geht. Für Krupp ist Schluss nach 38 Jahren im Dienst für den Sender, als hessischer Landeskorrespondent in Wiesbaden, als Chef des hr-Flaggschiffs „Hessenschau“, als Chefredakteur Fernsehen, Fernsehdirektor und schließlich Intendant eines Senders mit rund 1700 Festangestellten und rund 800 „festen Freien“.

Einst galt er als journalistisches „Trüffelschwein“ – die Kolleginnen und Kollegen haben ihn mit einem Plüsch-Wildschwein daran erinnert, das oben auf dem im Büro sitzt und den Intendanten begleitet.

Kritisch berichtet

Ein kluger Mann geht, ein durchsetzungsstarker, aber auch einer, der zuhören konnte und musste. Mit klaren Haltungen, aber ohne parteipolitische Zuordnung. Krupp hat sich die CDU vorgeknöpft, als ihr Spendenskandal Ende der 90er Jahre bekannt wurde. Dennoch wurde er gut 20 Jahre später von Volker Bouffiers Leuten im Rundfunkrat mit auf den Schild des Intendanten gehoben – was ihm einzelne Gegenstimmen aus dem SPD-nahen Lager eintrug. Er findet es noch heute „beeindruckend, dass mich auch diejenigen mitgewählt haben, über die wir sehr kritisch berichtet haben“.

Begonnen hat Manfred Krupps Fernsehkarriere mit einem Beitrag über den Preisverfall bei Sauerkirschen. Dazu wäre es gar nicht erst gekommen, wenn der junge Politologe, der sich gerade mit seiner Freundin in Kassel eingerichtet hatte, 1984 die Einladung nach Frankfurt abgelehnt hätte, wo er sich für ein Volontariat beim Hessischen Rundfunk vorstellen sollte. „Da fahre ich nicht hin“, habe er zu seiner Freundin gesagt, die heute seine Frau ist. Sie aber habe ihn gedrängt: „Du wolltest das immer machen.“

Im Westend zuhause

Seither ist der Eintracht-Fan Krupp auch ein Frankfurter. Er wohnte im Nordend, in Heddernheim und nun seit Jahren im Westend. Die beiden Töchter sind längst aus dem Haus und als Bioinformatikerin und Unternehmensberaterin in ganz anderen Feldern tätig als ihr Vater.

Gut 30 Jahre nach der Bewerbung um den Volontariatsplatz musste Krupp wieder eine schwierige Entscheidung treffen. „Ich hatte eigentlich die Lebensplanung, mit 62 in Ruhestand zu gehen“, erzählt er. Also fuhr er Ende 2015 nach Andalusien, erwanderte Sevilla, Cordoba und Cadiz, um mit sich ins Reine zu kommen – und entschied, sich als Intendant zu bewerben. Niemand trat gegen den hr-Fernsehdirektor Krupp an, und er wurde klar ins neue Amt gewählt.

Integrationsauftrag der Sender

Viele Herausforderungen hat er in diesen fünf Jahren als Intendant angenommen, nicht nur um als „glühender Anhänger“ des Föderalismus die Notwendigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der damit verbundenen Gebühren zu verteidigen. „Wir haben einen Integrationsauftrag: nämlich möglichst alle in der Bevölkerung zu erreichen“, sagte Krupp einmal im FR-Interview. Aber es könne „nicht unser Auftrag sein, sich mit allen in der Bevölkerung gemein zu machen. Es gibt am Ende nur ein Rezept – und das ist journalistische Qualität und Unabhängigkeit.“

In den vergangenen zwei Jahren kamen auch noch die Schwierigkeiten der Produktion in Corona-Zeiten hinzu, mit Studiogästen, die von irgendwoher zugeschaltet werden mussten. Krupp hatte auch früh erkannt, dass Rundfunk und Fernsehen es mit neuer Konkurrenz im Internet zu tun bekamen und reagieren mussten. Neugierig ist er immer geblieben: Als die sozialen Medien Einzug hielten, ließ er sich von seiner damaligen Referentin Beatrice Henke zeigen, wie ein Instagram-Account sinnvoll zu nutzen ist.

Treiber des digitalen Wandels

In den Abschiedsreden bekommt der Frankfurter nun zu hören, „dass ich einer der Treiber des digitalen Wandels gewesen bin“. Er hört es gern. „Nach einigen Verabschiedungen glaubt man dem, was gesagt wird“, schmunzelt Krupp.

Inzwischen nutzt er selbst deutlich mehr digitale Angebote als traditionelles Fernsehen oder Radio – auch wenn morgens hr-info bei ihm läuft und später hr3, „um mich in gute Stimmung zu bringen“. Doch Beiträge aus Mediatheken oder gar von den Streamingdiensten der Konkurrenz gehören für Krupp genauso zum Alltag. Zuletzt hat er mit Begeisterung die Netflix-Serie „Haus des Geldes“ gesehen.

„Es ist nicht mein Lebenselixier, wichtig zu sein“

Und jetzt? Wie beginnt man ein Leben nach dem Topjob? Krupp wird vieles vermissen, „Sachen bewegen zu können, Leute zu fördern“ etwa. Aber eines nicht: „Es ist nicht mein Lebenselixier, wichtig zu sein.“

Ihm sei klar, dass Einladungen von Institutionen in der Regel der Funktion gälten, nicht der Person. In einigen Institutionen will er seine Arbeit noch fortsetzen, etwa im Hochschulrat der Technischen Universität Darmstadt, „wenn man mich verlängern will“, oder in der Sportstiftung Hessen. Das meiste aber soll übergeben werden.

Ein Schlussstrich unter seine prägende Zeit beim Hessischen Rundfunk. „Ich versuche, möglichst eine Zäsur zu machen“, sagt Krupp. Es klingt nüchterner, als er sich fühlen dürfte. (Pitt von Bebenburg)

Auch interessant

Kommentare