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Ionka Senger in ihrer Wohnung mit einer Fotografie ihres Vaters.

Familie Senger

"Wir waren stolz, dass wir anders waren"

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Zum 100. Geburtstag des Frankfurter Journalisten und Schriftstellers Valentin Senger ein Gespräch mit seiner Tochter Ionka.

Als sie ein kleines Kind war, kam ständig die Polizei in die beengte Zwei-Zimmer-Notwohnung im Gallus. Denn Ionka Sengers Vater war Mitglied der Kommunistischen Partei (KPD). Und die sah sich in der jungen Bundesrepublik besonderer Verfolgung ausgesetzt. Ionkas Vater, der Journalist und Schriftsteller Valentin Senger, wäre am heutigen 28. Dezember 100 Jahre alt geworden. Ein Leben lang ist der in Frankfurt Geborene seiner Heimatstadt treu geblieben. Auch in der Zeit des nationalsozialistischen Terrors von 1933 bis 1945, als es für die Familie mit russisch-jüdischen Wurzeln um Leben und Tod ging. 

Dennoch überlebten die Sengers – als einzige jüdische Familie in Frankfurt, in der ständigen Gefahr, enttarnt zu werden. 1978 veröffentlichte der Autor ein Buch, in dem er diese Geschichte verarbeitete: „Kaiserhofstraße 12“ – die Adresse der Wohnung, in der die Sengers mit gefälschten Papieren lebten. Dieser Bestseller machte den Reporter und Redakteur des Hessischen Rundfunks (HR) in Windeseile berühmt. 

Doch die Jahrzehnte davor waren eine lange Zeit der Entbehrung und Angst, sowohl während des Nazi-Regimes als auch in der Bundesrepublik. „Ich bewundere ihn dafür, wie er die Nazi-Zeit überlebt hat“, sagt seine Tochter heute. In ihrer Wohnung in Bornheim kramt sie in ihren Erinnerungen – auch buchstäblich, denn sie hat einen Karton mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien vor sich. 

Ionka konnte als Kind mit ihrem Vater nicht über seine Erlebnisse in der nationalsozialistischen Zeit reden. „Wie alle Überlebenden hat er nicht darüber gesprochen.“ Ja, die Tochter erfuhr von den Eltern noch nicht einmal, dass die Familie jüdisch war. „Als Neunjährige habe ich das von meiner Tante zum ersten Mal gehört.“

Als Kind musste die 1950 geborene Ionka  des Öfteren erleben, wie ihr Vater von der Polizei zum Verhör mitgenommen wurde. „Er hatte damals aufgedeckt, dass die Leiterin des städtischen Gesundheitsamtes in den 50er-Jahren, Eva Justin, in der Nazi-Zeit für die Transporte von Zigeunern in die Konzentrationslager mitverantwortlich war.“ Die „Rasseforscherin“ Justin war beteiligt an der systematischen „Erfassung“ von Sinti und Roma vor deren Abtransport in die Todeslager. Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus Braubachstraße 18-22 an diese Taten. 

In den 50er-Jahren machte sich sehr unbeliebt, wer an diese damals jüngere Vergangenheit rührte. Senger arbeitete seinerzeit als Redakteur für die kommunistische „Sozialistische Volkszeitung“ (SVZ). Doch er lag im Konflikt mit dem offiziellen Kurs der KPD, weil die noch immer treu zum sowjetischen Diktator Stalin stand. „Er war nie Parteifunktionär, und er war nie Stalinist“, sagt seine Tochter. Senger handelte sich ein Parteiausschlussverfahren ein, weil ihm die offizielle Distanzierung der Sowjets von Stalin nach dessen Tod 1953 nicht weit genug ging.

Doch dieses Verfahren kam nicht mehr zum Zuge: 1956 wurde die KPD von der Bundesregierung verboten. Ionka Senger erinnert sich, dass die Wohnung der Familie ein Treffpunkt für die Frankfurter Linken war. „Wir waren stolz darauf, dass wir anders waren – doch wir zahlten einen Preis dafür.“ Zu den Freunden zählte der heute 90-jährige Heinmer Halberstadt, der 1962 den linken Treffpunkt „Club Voltaire“ in Frankfurt gründen sollte. 

Als Kommunist erhielt Senger von der Bundesrepublik nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, auch seinen Familienangehörigen wurde sie verweigert. „Wir waren alle staatenlos.“ Das brachte viele Probleme mit sich. So durfte die Familie nur mit einem Visum ins Ausland verreisen. Mit dem Verbot der KPD 1956 verlor der Redakteur zudem seine Arbeit, die wirtschaftliche Lage der Familie wurde sehr schwierig. „Es gab nur noch Kartoffeln zu essen.“ 

Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit heuerte der Journalist widerstrebend als Korrespondent bei ADN an, der Nachrichtenagentur der DDR. Widerstrebend, weil ihm der DDR-treue Kurs der ADN eigentlich nicht behagte. Doch er brauchte unbedingt Arbeit. Seine neue Tätigkeit brachte ihn erst recht ins Visier der bundesdeutschen Justiz. „Wir hatten viele Hausdurchsuchungen“, erinnert sich seine Tochter: „Immer wieder stand die Polizei vor der Tür.“

Besonders auffällig war in Frankfurt am Main damals der Dienstwagen, den Senger von der Nachrichtenagentur ADN gestellt bekommen hatte: Es war ein Wartburg aus DDR-Produktion. Aber schon Ende 1958 ging diese Arbeit zu Ende: Senger trat aus Protest gegen die unzureichende Aufarbeitung der Stalin-Zeit aus der illegalen KPD aus. 

Doch dann geschah etwas, das die Lage der Familie mit einem Male verbesserte: Senger wurde als Reporter beim Hessischen Rundfunk eingestellt. Sein Vorgesetzter Wolf Hanke baute eine neue Redaktion auf, die Fernsehberichte aus Frankfurt und dem Bundesland Hessen liefern sollte: Die Sendung hieß „Hessenschau“. 

Senger stieg zum festangestellten Redakteur auf, war später sogar Leiter der HR-Wirtschaftsredaktion. Zu seinen Schülern zählte der spätere „Hessenschau“-Chef und ARD-Börsenspezialist Frank Lehmann, heute 76 Jahre alt. 

Erst mit der Absicherung beim HR im Rücken machte sich Senger daran, sein berühmtestes Buch zu schreiben, „Kaiserhofstraße 12“. Doch auch als bekannter Autor blieb er ein Querdenker. 1984 kam in Zürich sein Buch „Kurzer Frühling“ heraus, Seine Abrechnung mit der KPD und die Geschichte seiner Loslösung von der Partei. 

„Er blieb ein Linker, aber er blieb auch in der kritischen Distanz“, sagt seine Tochter heute. Sein Ideal sei stets ein demokratischer Sozialismus gewesen. Das Buch „Kurzer Frühling“ brachte ihrem Vater viel Ärger ein. „Von seinen früheren Genossen wurde er als Verräter gebrandmarkt – er verlor einen großen Teil seines Freundeskreises.“ 

Zu dieser Zeit hatte sich Ionka Senger schon längst von ihrem Elternhaus gelöst und war ihren eigenen Weg gegangen. Als Studentin gehörte sie der rebellischen 68er-Generation in Frankfurt an, wurde Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) und zog in eine WG „mit sieben Männern“, wie sie heute lachend sagt. Ihre Eltern fremdelten mit dem Studentenprotest, „weil die soziale Frage dabei nicht im Mittelpunkt stand“. 

Heute ist Ionka Senger die vielgefragte Sprecherin der Familie, zu der neben ihr noch eine Schwester und ein Bruder und deren Nachfahren zählen. Valentin Senger starb 1997 in Frankfurt. Was lässt sich heute, in den Zeiten des Rechtspopulismus, von ihm lernen? „Nicht weggucken, etwas riskieren“, sagt seine Tochter entschlossen. Und fügt hinzu: „Er hatte ein feines Gefühl für Rassismus.“ 

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