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Podiumsgespräch mit Redakteuren von FR, FNP, FAZ und HR im Historischen Museum.

Diskussion zu 1968

Wenn Journalisten wegrennen

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Medienschaffende blicken in Frankfurt auf die Studentenproteste von 1968 - und schildern ihre subjektiven Eindrücke von den Unruhen.

Wie viel eigene Meinung ist im Journalismus erlaubt und wie viel professionelle Distanz nötig? Vor 50 Jahren, im Umfeld der Studentenproteste von 1968, war der angemessene Umgang mit diesem Spannungsverhältnis ein Thema in den Redaktionen. Darüber sprachen vier ehemalige Lokaljournalisten bei der Podiumsdiskussion „1968 in den Redaktionen: Was geschah in den Köpfen?“ am Dienstagabend im Sonnemann-Saal des Historischen Museums.

Bianca Riemann (Hessischer Rundfunk), Wolf Gunter Brügmann (Frankfurter Rundschau), Thomas Kirn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Michael H. Spreng (Frankfurter Neue Presse) waren der Einladung des städtischem Hauptamts in Kooperation mit dem Frankfurter Presseclub gefolgt und erzählten von ihren Eindrücken der Studentenproteste in Frankfurt.

Am Anfang ihrer journalistischen Karrieren stehend, als freie Mitarbeiter oder Volontäre, berichteten sie von den Unruhen auf den Straßen und gerieten dabei selbst in den persönlichen Konflikt zwischen professioneller Distanz und eigenen politischen Motiven. „Ich bin froh, dass es Twitter zu dieser Zeit noch nicht gab“, erklärt Spreng.

Als Schüler schrieb der damals 20-Jährige für die Lokalredaktion der FNP unter anderem über den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). „Die Versuchung wäre groß gewesen, jeden einzelnen Ereignisfetzen der Proteste ohne journalistische Einordnung zu publizieren“, sagt Spreng. Ein Revoluzzer sei er damals nicht gewesen. Nur ein Mal habe er eine Grenze überschritten, behauptet der 70-Jährige scherzhaft. Wie es zu der Zeit üblich war, sollte die besetzte Bettinaschule im Westend nach Rosa Luxemburg umbenannt werden. Als Provokation gedacht, reichte Spreng damals einen alternativen Vorschlag ein: Das Gymnasium solle stattdessen doch bitte nach dem ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer benannt werden. Darüber schrieb er dann selbst einen Artikel für die FNP.

Den Studenten Thomas Kirn interessierten die Proteste nicht. „Ich wollte eigentlich in Ruhe meinen akademischen Grad erreichen“, scherzt der langjährige Polizeireporter der FAZ. Die Demonstranten hätten eine andere Sprache als die Reporter gesproche.

Generationenkonflikt in der Lokalredaktion

Die Tätigkeit des Berichterstatters war zu dieser Zeit nicht ungefährlich. Journalisten gerieten häufig zwischen die Fronten der Studierenden und der Polizei. „Am Anfang war man noch in Sicherheit, wenn man sich bei den Demonstrationen am Rand aufgehalten hat“, blickt Bianca Riemann auf die Unruhen zurück, „später musste ich dann auch vor der Polizei wegrennen.“ Auf einer SDS-Pressekonferenz sei die damalige Hörfunk-Volontärin des Hessischen Rundfunks als „Wasserträgerin des Systems“ beschimpft worden.

Als „teilnehmender Beobachter“ beschrieb Wolf Gunter Brügmann seine Rolle als freier Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau. In der Lokalredaktion der Zeitung bahnte sich vor 50 Jahren ein Generationenkonflikt an. Während die älteren Kollegen den Blick vom Balkon auf die Geschehnisse bevorzugten, mischte sich die neue Generation unter die studentischen Demonstranten. Brügmann ging abends häufig in die „Schoppestubb“ in der Hochstraße, der Hauskneipe des SDS. „Die Kollegen rieten mir später, mich von den Treffen fernzuhalten“, erzählt Brügmann, „das würde sonst meiner zukünftigen Karriere schaden.“

Mit den Studentenführern vereinbarte er, dass er einmal im Monat eine Tischrunde Bier spendierte, weil er dank ihnen so viel Zeilenhonorar verdiente. Einfluss auf seine professionelle Distanz habe dies allerdings nicht gehabt.

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