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Matinée zum Gedenken an Valentin Senger: Beiträge leisten (v. re.) Ionka Senger, Eva Demski und Georg Hafner.

Frankfurt

Leidenschaftlicher Schriftsteller, akribischer Journalist

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Der Schöffling-Verlag erinnert an Valentin Senger, der kurz vor dem Jahreswechsel 100 Jahre alt geworden wäre. Gedenk-Matinée im Haus am Dom.

Großer Andrang herrscht am Sonntagvormittag im Foyer des Hauses am Dom. Zu der Gedenk-Matinée für den Schriftsteller und Journalisten Valentin Senger, wollen viele Besucher hinauf in den Veranstaltungssaal. Vor wenigen Wochen, am 28. Dezember, wäre Senger 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Schöffling-Verlag, der Sengers bekanntestes Buch „Kaiserhofstraße 12“ verlegt, unter dem Titel „Frankfurter. Sozialist. Jude“ zu der Gedenkveranstaltung geladen.

Rund 200 Menschen finden Platz im Saal. Einige verfolgen davor auf einem Flachbildschirm das Gespräch mit Sengers Tochter Ionka, der Schriftstellerin Eva Demski sowie dem Journalisten Georg Hafner, der mit Senger in den frühen 1980er Jahren beim Hessischen Rundfunk (HR) zusammengearbeitet hat.

Auch Demski hat Senger erstmals beim HR getroffen. Aus der Distanz habe sie ihn als „schweigsamen und humorvollen“ Kollegen wahrgenommen, erinnert sie sich. Später, als beide Nachbarn auf dem Land wurden –„weil alle guten Linken ein Bauernhaus kauften, taten wir das auch“ –, habe sie ihn als auskunftsfreudigen Gesprächspartner näher kennengelernt. Beide Autoren hätten damals an ihren Erstlingswerken geschrieben, berichtet Demski, und sie half ihm bei seiner Erstveröffentlichung.

Nachdem Senger mit „Die Brücke von Kassel“ sowie „Am seidenen Faden“ bereits zwei Romane publiziert hatte, schrieb er vor rund 40 Jahren in dem Erinnerungsband „Kaiserhofstraße 12“ auf, wie seine Familie als Juden in ihrer eigenen Wohnung in der Frankfurter Innenstadt der Deportation durch das NS-Regime hatte entgehen können.

„Es ist die einzige jüdische Familie, die in Frankfurt überlebt hat“, berichtet Ionka Senger. Zahlreiche Menschen im Umfeld der Familie, von Ärzten bis zu Freunden der Kinder sowie unzählige Zufälle hätten dazu beigetragen. „Viele, einzelne Wunder, die glücklicherweise meine Familie betroffen haben“, sagt Senger. Ein „Erlebnis“ seien Sengers Lesungen gewesen, erzählt Demski. „Er las den ersten Satz, und dann kam er ins Erzählen“, so Demski und weiter: „Er wollte so gerne Schriftsteller sein und in der Gesellschaft derer, die die Bücher machen“. Beim Rundfunk sei das anders gewesen, erinnert sich Hafner. „Bei uns war er nicht der Schriftsteller, sondern ein sehr akribischer Journalist, geduldig und außerordentlich pünktlich“, berichtet er. Als gebürtiger Frankfurter habe er in der Redaktion als einziger „Frankfurterisch“ gesprochen. „Er hat sich weniger als Deutscher, mehr als Frankfurter gefühlt“, sagt seine Tochter.

Weil Senger Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war, habe er lange Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft nicht erhalten. Nach seiner ersten Antragstellung sollte ein Vierteljahrhundert vergehen, ehe er 1983 einen deutschen Pass erhielt. Von seiner Partei habe er sich getrennt, weil sie sich aus seiner Sicht nicht ausreichend vom Stalinismus distanziert hatte. In Frankfurt dagegen habe er sich wohlgefühlt, schätzt Demski. „In der Römerstadt mit dieser Ernst-May-Idee war er gerne“, sagt sie. Paläste hätten ihn misstrauisch gemacht, dieses „Höfische“ gebe es aber in Frankfurt nicht.

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