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"Leben, Übelthaten und gerechtes Urtheil des berichtigten Erzschelmen und Diebs Juden Süß Oppenheimers": ein Buch aus der Bibliothek Artur Lauingers.

Raubkunst in Frankfurt

Dubiose Erbstücke gesucht

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Die Ausstellung "Legalisierter Raub" im Historischen Museum erinnert an die Ausplünderung der Juden in der NS-Zeit. Jetzt können Frankfurter die Herkunft von Fundstücken recherchieren lassen.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden jüdische Familien von ihren Nachbarn ausgeraubt. Menschen nahmen sich oder ersteigerten für wenig Geld die Dinge, die deportierte, ermordete oder geflüchtete ehemalige Mitbürger zurückgelassen hatten. Wo sind diese Gegenstände heute geblieben?

Das Historische Museum Frankfurt sucht Alltagsgegenstände, die aus ehemals jüdischem Besitz stammen könnten. Etliche Menschen fragen sich schon länger, welche Herkunft der Tisch und die Stühle, das Bild oder das Besteck in ihrer Familie haben – Dinge, über die nur gemunkelt wird.

Wer solche Stücke hat und über ihre Herkunft berichten oder sie recherchieren möchte, ist von der Kuratorin Angela Jannelli herzlich eingeladen, sich zu melden. Die Kontaktdaten stehen am Ende dieses Artikels. Die Frankfurter Rundschau wird berichten, welche bemerkenswerten Funde eingehen und welcher Hintergrund sich in Zusammenarbeit mit Experten des Fritz-Bauer-Instituts herausfinden lässt.

Den Anlass für den Aufruf bildet eine Ausstellung, die im Historischen Museum demnächst zum letzten Mal gezeigt wird – nach 30 Stationen in ganz Hessen seit dem Jahr 2002. Es ist die Wanderausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden 1933–1945“. Sie informiert mit vielen Beispiel aus ganz Hessen darüber, wie Juden vom Jahr 1933 an systematisch ausgeraubt wurden.

Die Finanzämter verwerteten seit 1941 offiziell das Eigentum der deportierten Menschen, das laut der entsprechenden Verordnung „dem Reich verfiel“. Überall versteigerten sie öffentlich das Wohnungsinventar der Juden – Tischdecken und Kinderspielzeug, Geschirr, Lebensmittel und vieles mehr. Die ehemaligen Nachbarn drängten sich, um die Gegenstände billig zu erwerben.

Manche versuchten es auch noch dreister, wie ein Offenbacher Bürger, der sich 1942 mit einer Bitte an das Finanzamt wandte. „Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen“, schrieb er.

In den vergangenen 16 Jahren ist die Ausstellung deutlich angewachsen. Für jeden Ort, an dem sie präsentiert wurde, entstanden neue Vitrinen mit Fundstücken aus der Region. So soll es auch in Frankfurt sein – wo die Ausstellung vor 16 Jahren im Funkhaus des Hessischen Rundfunks gestartet worden war.

Die Ausstellung zeigt Dokumente und Objekte, stellt Biografien von Tätern und Opfern vor – von Opfern wie dem Frankfurter Journalisten Artur Lauinger. Erstmals wird jetzt im Historischen Museum ein wieder aufgetauchtes Buch aus Lauingers Bibliothek präsentiert, die im Jahr 1938 geplündert worden war. Es trägt ausgerechnet den antisemitischen Titel „Leben, Übelthaten und gerechtes Urtheil des berichtigten Erzschelmen und Diebs Juden Süß Oppenheimers“.

Artur Lauinger, 1879 geboren, überlebte das Dritte Reich. Er starb 1961, allerdings ohne Wiedergutmachung für die geraubten Wertgegenstände erhalten zu haben. Nur unter der Bedingung, das „Reich“ auf schnellstem Weg zu verlassen, war Lauinger 1939 aus dem Konzentrationslager Buchenwald freigekommen, in das er während der Novemberpogrome 1938 gebracht worden war.

Er verließ Deutschland im Sommer 1939 mit fünf Mark in der Tasche. Das Familiensilber und den Schmuck seiner Frau hatte er zu einem Bruchteil des Wertes unter Zwang verkaufen und seine Ersparnisse für die Bezahlung zahlreicher Sonderabgaben und Steuern verwenden müssen, wie die Ausstellungsmacher berichten.

Seine Bibliothek war 1938 geplündert worden. Lauingers spätere Ehefrau Elisabeth von Kayser schilderte, dass zwei Lastwagen vor der Wohnung in der Frankfurter Niedenau vorgefahren seien: „Auf dem einen Lkw befanden sich leere Säcke, auf dem anderen standen SA-Leute und einige Zivilisten. Dieselben begaben sich in die Wohnung meines Mannes, um die ‚Tragbarkeit‘ seiner Bibliothek festzustellen. Die Zivilisten musterten die in den Regalen befindlichen Bücher und bezeichneten sämtliche Luxusausgaben mit Lederrücken als nicht tragbar. In der Zwischenzeit hatten die SA-Leute die leeren Säcke geholt und verpackten die sämtlichen als nicht tragbar bezeichneten geplünderten Werke, über 300 Stück, in die Säcke. Es waren dies mindestens 10 Prozent der aus über 3000 Bänden bestehenden Bibliothek meines Mannes. Als Entschädigung erhielt er durchschnittlich Reichsmark 0,50 per Band, also rund 150 Reichsmark.“

In der Nachkriegszeit kämpfte Artur Lauinger um Wiedergutmachung und Entschädigung. Die Behörden hielten ihm entgegen, „der Tatbestand der Plünderung“ sei „auf keinen Fall gegeben, da laut Einlassung des Antragstellers die von der SA abgeholten Bücher später über Holland nach Amerika zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurden und außerdem bei der Übernahme derselben ein kleines Entgelt gezahlt wurde“. Die Entschädigung wurde abgelehnt. Eines der Bücher jedoch tauchte nun durch Zufall wieder auf. In das „Oppenheimer“-Buch hatte Artur Lauinger seinen Namen geschrieben. Ein jüdischer Sammler aus Frankfurt erwarb es in Jerusalem, ohne den Hintergrund zu kennen. Er stellt es dem Jüdischen Museum in Frankfurt zur Verfügung, das Rat bei den Experten der Ausstellung „Legalisierter Raub“ suchte. Dort ist es ab dem 17. Mai zu sehen.

Wer Fundstücke hat und über ihre Herkunft recherchieren möchte, kann sich an Kuratorin Angela Jannelli im Historischen Museum wenden. Mail: stadtlabor.historisches-museum@stadt-frankfurt.de; Telefon: 069 /21233814; Adresse: Angela Jannelli, Historisches Museum Frankfurt, Saalhof 1 (Römerberg)

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