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Die Trauergemeinde begleitet die Urne des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino zum Grab auf dem Hauptfriedhof.

Wilhelm Genazino

Abschied von einem ganz Großen

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Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Autors Wilhelm Genazino auf dem Hauptfriedhof.

Sichtlich erschüttert nahm Julia Genazino, Tochter von Wilhelm Genazino (1943-2018), am Freitagmittag auf dem Hauptfriedhof die Beileidsbekundungen der Trauernden entgegen. Dann gingen Familie, Freunde, Wegbegleiter des im Dezember verstorbenen Autors in die Trauerhalle, wo Pfarrer Martin Schneider aus der Stadtkirche Darmstadt, ein Freund der Familie Genazino, den Lebensweg und das literarische Vermächtnis des Frankfurter Schriftstellers nachzeichnete.

Im vom Krieg zerstörten Mannheim geboren habe Genazino die „aliterarische Welt der Kindheit und Jugend“ in seinen gut 20 Romane bewahrt. Es seien „arme Seelen“ mit einem „vergilbten, stockfleckigen Dasein des Innenlebens“, die der Autor in seinen Werken „schrecklich-schönen Farben zum Leuchten“ gebracht habe. Genazinos literarischer Blick, den er auf zahlreichen Stadtrundgängen schärfte, sei oft „schräg auf etwas völlig Alltägliches gefallen“, um dabei auf „interessante Wahrheiten“ zu stoßen. So wie bei Genazino habe man manche Dinge noch nicht gesehen, sagte er.

Der Literaturwissenschaftler und Autor Klaus Reichert trat ans Pult und nannte diese „spezifischen Dinge“, die Genazino zum Strahlen bringe „Epiphanien“ im Sinne von James Joyce. Ganze „Epiphanienketten“ würden Genazinos Erzählungen, die sich kaum als Handlungsfolge zusammenfassen ließen, verbinden.

„Wenn man blindlings eine Seite aufschlägt, findet man einen unverwechselbaren Ton, das gibt es nur bei den ganz Großen“, sagte er. Als „Streuner“ sei Genazino durch die „verkorksten Straßen mit den zu vielen Menschen“ gelaufen, wie auf Forschungsreise. Seine Figuren seien Verlassene gewesen. „Er war wie Samuel Beckett ein Melancholiker, aber auch ein großer Humorist.“

Der Satiriker und Autor Peter Knorr erinnerte an die gemeinsamen Jahre in der Redaktion der Satirezeitschrift Pardon, von 1969 bis 1971. „Wir haben uns damals oft gewundert, über den Vietnamkrieg, über die Nazis in Justiz und Verwaltung“ - und dies mit den Mitteln der Satire bekämpft, sagte er.

Danach hätten Genazino und er in einer „Autoren-Kooperative“ gearbeitet, und Beiträge unter anderem für den Hessischen Rundfunk produziert. Weil das Geld knapp war, habe Genazino außerdem als Pressereferent bei der Menschenrechtsorganisation Medico International gearbeitet.

Mit dem Erfolg der „Abschaffel“-Trilogie Ende der 1970er Jahre habe sich Genazinos wirtschaftlichen Situation verbessert, sagte Pfarrer Schneider, der auch an tragische Momente in dessen Leben erinnerte, wie den Tod der erstgeborenen Tochter Pia im Alter von nur 20 Monaten.

Genazinos Schwägerin gab persönliche Einblicke in das Familienleben. Dann zog die Trauergemeinde los, um die Urne beizusetzen.

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