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Hessischer Friedenspreis: „Die Kinder und Jugendlichen zeigen, wie eine Welt ohne Krieg aussehen könnte“

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Von: Peter Hanack

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Thomas Carl Schwoerer (64) ist Bundes- und hessischer Landessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner:innen (DFG-VK), in die er bereits 1975 mit 18 Jahren eingetreten ist. Er leitete von 1995 bis 2015 den Campus-Verlag, den sein Vater Frank Schwoerer gegründet hatte.
Thomas Carl Schwoerer (64) ist Bundes- und hessischer Landessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner:innen (DFG-VK), in die er bereits 1975 mit 18 Jahren eingetreten ist. Er leitete von 1995 bis 2015 den Campus-Verlag, den sein Vater Frank Schwoerer gegründet hatte. © Privat

Thomas Carl Schwoerer, Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft, spricht über den neuen Bertha-von-Suttner-Friedenspreis und die mit diesem Preis in Frankfurt Ausgezeichneten.

Thomas Carl Schwoerer ist einer der Initiatoren des Bertha-von-Suttner-Friedenspreises für die Jugend. Dieser wurde jetzt zum ersten Mal verliehen. Gewonnen haben fünf Teams von Schüler:innen aus ganz Hessen.

Herr Schwoerer, wir haben einen bislang völlig undenkbaren Krieg in Europa. Ist dies der Anlass für den Friedenspreis?

Nein, der Preis wurde schon voriges Jahr initiiert. Der Kreis, der diesen Friedenspreis trägt, hat sich lange vor dem Krieg gebildet. Wir wollen damit aber ein Zeichen für Frieden setzen, getreu dem Motto „Die Waffen nieder“.

Sie haben den Preis nach Bertha von Suttner benannt. Warum?

Bertha von Suttner ist zweifelsohne eine ganz herausragende Frau gewesen – und Friedensnobelpreisträgerin. Sie hat 1892 die Organisation mitgegründet, deren Sprecher ich heute bin, die Deutschen Friedensgesellschaft. Sie hat mit „Die Waffen nieder!“ einen Weltbestseller geschrieben. Sie ist also ein Vorbild und eine sehr prominente Vertreterin der Friedensbewegung, die uns mit ihrem Namen ehrt. Es ist uns gelungen, ihre einzige Nachfahrin zu kontaktieren, deren Sohn nun die Laudatio hält, der Theatermusiker und -komponist Leonardo Mockridge.

An wen hat sich die Ausschreibung des Preises gerichtet? Wen wollten Sie im Wettbewerb haben?

Wir haben Schüler:innen und Lehrer:innen aller Altersstufen angesprochen, in ganz Hessen. Wir haben den Preis zum ersten Mal ausgeschrieben und erstaunlicherweise knapp 30 Einreichungen erhalten aus Unter-, Mittel- und Oberstufe.

Wie sind die Teilnehmer:innen mit dem Thema umgegangen, wie haben sie das umgesetzt?

Sehr vielfältig. Da zeigt sich das ganze Spektrum möglicher Ideen. Die einen haben Lieder und Texte etwa für eine Podiumsdiskussion mit historischen Figuren geschrieben, die anderen Videos aufgenommen und eine alternative Tagesschau simuliert. Wieder andere haben ein Maltuch und andere Kunstwerke gestaltet. Teilweise haben sie sehr konkret dargelegt, wie sie ihre Anliegen gegenüber politischen Entscheider:innen oder in der Schule vorbringen können.

Welchen Eindruck haben Sie davon gewonnen, wie die Kinder und Jugendlichen auf diesen Krieg in der Ukraine blicken?

Sie haben mit bewundernswertem Engagement die Chance dieses Wettbewerbs genutzt, ihr großes Mitgefühl auszudrücken und ihre Betroffenheit in Handeln umzusetzen. Sie begründen sehr klar ihre Ablehnung dieses Krieges und aller Kriege. Und sie zeigen auf, wie Frieden und eine Welt ohne Kriege aussehen können – positive Alternativen beschäftigen sie sehr.

Das Motto des Wettbewerbs, Sie haben es schon gesagt, lautet „Die Waffen nieder“. Ist das nicht ein Appell, der nur verhallen kann, wenn man sieht, dass es einen Aggressor gibt, den das wahrscheinlich überhaupt nicht berührt?

Der Appell richtet sich auch an diesen Aggressor. Und er richtet sich generell an die Regierenden: Es sollte ein sofortiger Waffenstillstand geschlossen werden, um Menschenleben zu retten, und es sollte baldmöglichst eine Verhandlungslösung in Angriff genommen werden. Das ist der Kern der Forderungen der Friedensbewegung, auch in der Ukraine.

„Die Waffen nieder“, das wird auch als Appell verstanden an jene, die sich jetzt in der Ukraine gegen den Angriff Russlands verteidigen. In der Kritik stehen auch Waffenexporte in die Ukraine oder die Aufrüstung in den Nato-Staaten, speziell in der Bundesrepublik. Kann man das ernsthaft fordern, „die Waffen nieder“, wenn es um Notwehr und Nothilfe geht?

Wir sagen den Menschen in der Ukraine nicht, was sie tun sollten. Wir machen darauf aufmerksam, dass es sehr unterschiedliche Formen des Widerstands gibt, auch zivilen, gewaltfreien Widerstand, der in der Ukraine, Russland und Belarus praktiziert wird. Außerdem würde ein Ölembargo dazu führen, dass die russische Regierung täglich 300 Millionen Euro weniger zur Verfügung hat, um Krieg zu führen; auch ein Gasembargo wäre wichtig. Bei der Unterstützung von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern aus Russland, Belarus und der Ukraine gibt es noch viel Luft nach oben in der hiesigen Asylpraxis. Es gibt also eine ganze Palette an zivilen Maßnahmen gegen diesen Krieg, für die wir uns einsetzen und die nicht die gravierenden Nachteile von Waffenlieferungen haben.

Haben Sie die Hoffnung, dass der Friedenspreis im nächsten Jahr zum Thema haben kann, wie man die Folgen des Krieges überwindet? Kann der Krieg in der Ukraine bis dahin vorbei sein?

Ich hoffe sehr, dass wir den Preis nächstes Jahr wieder an Bertha von Suttners Geburtstag verleihen können. Und ja, ich hoffe, und dafür setzen wir uns ein, dass der Krieg dann vorbei sein wird, auch wenn die Situation zurzeit sehr schwierig ist.

Interview: Peter Hanack

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