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Maryam Zaree wurde beim 30. Hessischen Fil- und Kinopreis in Frankfurt für ihr Regiedebüt "Born in Evin" ausgezeichnet. Ihre Dankesrede ist Zeitgeschichte, eine Beschreibung der Gegenwart, eine Hommage an die Werte, die Kino transportieren kann.

30. Hessischer Film- und Kinopreis in Frankfurt

Maryam Zaree: „Der Anschlag von Halle war ein Wendepunkt“

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Maryam Zaree erhielt beim 30. Hessischen Film- und Kinopreis für ihr Regiedebüt "Born in Evin" den Newcomerpreis. Ihre bewegende Dankesrede sorgte für minutenlange Standing Ovations.

Frankfurt - Der magische Moment des 30. Hessischen Film- und Kinopreises verzauberte am Freitagabend gleich mit der ersten Preisverleihung die Zuhörer in der Alten Oper. Maryam Zaree war soeben für ihr eindrückliches und einfühlsames Regiedebüt „Born in Evin“ mit dem Newcomerpreis ausgezeichnet worden. Ihre Dankesrede ist ein Stück Zeitgeschichte, eine Beschreibung der Gegenwart, eine Hommage an die Werte, die Kino transportieren kann. Diese Rede riss den Saal zu minutenlangen Standing Ovations von den Sitzen.

Ihre Eltern wurden im Iran vom Regime des Ajatollah Ruhollah Chomeini politisch verfolgt und inhaftiert. Maryam Zaree wurde im berüchtigten Evin-Gefängnis geboren. Sie selbst hat keine Erinnerung an diese Zeit und erfuhr nur nebenbei von einer Tante davon. Ihre Mutter flüchtete mit der damals Zweijährigen nach Deutschland, wo Nargess Eskandari-Grünberg inzwischen als OB-Kandidatin der Grünen selbst Teil des öffentlichen Lebens Frankfurts wurde.

In „Born in Evin“ wechselt Maryam Zaree die Seiten und spürt erstmals als Regisseurin ihrer eigenen Vergangenheit nach. Der Film läuft seit 17. Oktober 2019 in ausgesuchten Kinos.

Maryam Zaree: Standing Ovations für Ihre Rede 

„Es ist eigentlich kaum in Worte zu fassen, was es für mich bedeutet, heute Abend hier in Frankfurt zu sein. Der Stadt, wo an Heiligabend vor 34 Jahren meine damals zwanzigjährige Mutter mit mir als Zweijähriger auf dem Arm gestrandet ist. Dem Gefängnis und der Brutalität des iranischen Regimes entflohen.  

Es ist nicht selbstverständlich, dass wir ausgerechnet hier in Deutschland politisches Asyl bekommen haben. Einem Land, wo nur vierzig Jahre zuvor Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung millionenfach gejagt, ermordet und vergast wurden. 

Deutschland hat sich verändert 

Aber dieses Land hatte sich verändert und so konnten wir hier Gerechtigkeit, Freiheit und Schutz finden. Auch mein Vater konnte aufgrund der politischen Bestimmung nach sieben Jahren Gefängnis zu uns kommen. Eine Familienzusammenführung also.  

Dieses Land ist so zu unserem Zuhause geworden und wir haben diesem Land viel zu verdanken. Doch dieses Land hat auch uns viel zu verdanken. Meiner Mutter zum Beispiel, sie wurde Psychologin und arbeitet seit über zwanzig Jahren hier in Frankfurt als Politikerin. Unermüdlich setzt sie sich für Vielfältigkeit, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit ein. Obwohl auch sie seit über zehn Jahren Opfer von Morddrohungen, Hetze und Hass geworden ist.  

Der Anschlag von Halle war ein Wendepunkt 

So waren wir nur bedingt überrascht, als es letzte Woche zu dem Anschlag in Halle kam. Der Mord an Walter Lübcke ist nur ein paar Monate her. Die brennenden Asylwohnheime, Chemnitz, die NSU, die politische Hetze seitens der AfD, aber auch aus anderen Teilen der Politik und den Medien gingen ihm voraus. Und sind uns nicht entgangen.  

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Dennoch der Anschlag in Halle war ein Wendepunkt auch für unsere Familie. Mein Stiefvater Kurt Grünberg, ein Kind von Shoah-Überlebenden, war selbst ein Tag zuvor hier in Frankfurt in der Synagoge mit meiner kleinen Schwester Mira. Dass sie dies nicht mehr mit dem Gefühl von Sicherheit machen können, ist eine Katastrophe, nicht nur für uns, sondern auch für dieses Land.  

„Born in Evin“: Die Folgen von Menschenverachtung 

Mein Film handelt davon, was die Folgen von Entwürdigung und Menschenverachtung sind. Welche Spuren sie in der Zeit hinterlassen und er ist ein Appell uns nicht auseinander dividieren zu lassen, von niemandem, sondern eine Aufforderung uns im Anderen wieder zu erkennen.  

Vielleicht hat Sie selbst, Hetze, Rassismus, Antisemitismus, noch nie getroffen, aber es sollte Sie betreffen.  Denn Menschenrechte gelten für uns alle und wir wissen hier in Deutschland doch sehr genau wie fragil diese Rechte sind. Es ist also an uns alle, uns jeden Tag vehement und bestimmt dafür einzusetzen, dass der Hass seinen Weg nicht in unsere Politik, unsere Medien und in unsere Herzen findet.  

Ich möchte diesen Preis, den Menschen widmen, die das auf beispielhafte Weise jeden Tag tun und das sind meine Mutter Nargess Eskandari-Grünberg, mein Vater Kasra Zareh, meine Stiefvater Kurt Grünberg und meine Schwester Mira Grünberg. Vielen Dank.” 

von Thomas Kaspar

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