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Mit dem Unterricht allein ist es nicht getan. Lehrkräfte stehen nur noch ein Drittel ihrer Arbeitszeit vor der Klasse.

Hintergrund

Zu viel Arbeit nach der Schule

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Lehrkräfte beklagen eine zunehmende Belastung durch Aufgaben außerhalb des Unterrichts. Die Gewerkschaft GEW fordert vom Land Hessen, die Pflichtstunden zu reduzieren.

Wie viel arbeiten Lehrerinnen und Lehrer? Und wie stark belastet fühlen sie sich dabei? Das wollte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen wissen und hat dazu eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben. Am Mittwoch wurden im Frankfurter Presse-Club die Ergebnisse präsentiert – und die sind durchaus überraschend.

So arbeiten die Befragten – erstellt wurde die Erhebung an Frankfurter Schulen – durchschnittlich 51 Minuten mehr pro Woche, als sie laut Tarifvertrag müssten (bezogen auf eine Vollzeitstelle). Das scheint zunächst nicht so viel zu sein. Allerdings wurde dabei lediglich jene Arbeit berücksichtigt, die während der Unterrichtswochen geleistet wird. Was Lehrkräfte in den Ferien arbeiten, kommt noch hinzu.

Die Studie

1199 Lehrkräfte aus 64 Frankfurter Schulen haben sich an der Arbeitszeitstudie beteiligt. Sie haben Anfang des Jahres vier Wochen lang ihre Tätigkeiten detailliert dokumentiert.

Eingeladen dazu hatte die GEW Hessen. Erstellt wurde die Studie von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen.

Die Studie gibt es auf gew-hessen.de und Arbeitszeitstudie.de. pgh

Bemerkenswerter aber als die Feststellung der bloßen Mehrarbeit ist die Tatsache, dass die reale Arbeitszeit sehr unterschiedlich ist. Die Differenz beträgt plus/minus acht Stunden. Innerhalb dieser Bandbreite liegt die Arbeitszeit von 68 Prozent aller Lehrkräfte. An Integrierten Gesamtschulen sind es sogar plus/minus neun Stunden, an Grundschulen noch mehr als sechs, die die wöchentliche Arbeitszeit vom Mittelwert nach oben und unten abweicht.

Was Frank Mußmann von der Universität Göttingen, der mit seinem Team die Studie erstellt hat, besonders beunruhigt, ist die Tatsache, dass jede fünfte Vollzeitlehrkraft mehr als 48 Stunden je Woche arbeitet. Besonders hoch mit 37 Prozent ist deren Anteil an Kooperativen Gesamtschulen, am Gymnasium liegt er bei 19 Prozent. Damit werde gegen die Arbeitszeitrichtlinie verstoßen, sagte er.

Gleichzeitig ist die gefühlte Belastung ebenfalls sehr unterschiedlich. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und gefühlter Belastung hat die Studie aber nicht gezeigt. Auch Lehrkräfte, die deutlich weniger als ihre Kollegen arbeiteten, könnten sich stark belastet fühlen, sagte Mußmann.

Zwei von drei Befragten sagten außerdem, dass die Belastung innerhalb des vergangenen Jahres zugenommen habe. Mit Corona kann dies nicht zusammenhängen, da die Erhebung bereits Anfang März abgeschlossen wurde, als noch alle Schulen normal geöffnet waren.

Ein Stressfaktor seien vor allem jene Tätigkeiten, die außerhalb des Unterrichts geleistet werden müssten. Hinzu kämen die mitunter herablassende Behandlung durch Schüler und Vorgesetzte, der schlechte bauliche Zustand vieler Schulen sowie das Gefühl, wenig Anerkennung zu erhalten.

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Gerade diese außerunterrichtlichen Anforderungen hätten stark zugenommen, erklärte GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald. Eine Lehrkraft verbringe inzwischen nur noch ein Drittel ihrer Zeit im Unterricht, fast 40 Prozent müssten für Dinge wie die Erstellung von Förderplänen, Konferenzen oder Elterngespräche aufgewendet werden. In der Studie gaben drei Viertel der Befragten an, sie seien dadurch stark belastet, 40 Prozent beklagten, diese Tätigkeiten bewegten sich „nicht mehr im Rahmen“.

Sebastian Guttmann, Vorsitzender der GEW Frankfurt, forderte als Konsequenz aus der Studie zusammen mit Wiedwald unter anderem eine Reduktion der Pflichtstundenzahl, eine bessere Anrechnung außerunterrichtlicher Tätigkeiten und eine gezielte Entlastung besonders belasteter Gruppen.

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