Mehr Menschen möchten sich gegen Grippe impfen lassen.
+
Mehr Menschen möchten sich gegen Grippe impfen lassen.

Medizin

Warten auf Nachschub beim Grippe-Impfstoff

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
    schließen

Der Vorsitzende des Apothekerverbands empfiehlt Geduld. Nicht nur die Produktion ist ein Flaschenhals, sondern auch der Transport.

Das Ehepaar dachte, es habe sich frühzeitig gemeldet. Anfang Oktober bat es beim Hausarzt um eine Grippeimpfung. Die Sprechstundenhilfe gab ihnen einen Termin in drei Wochen - und sagte diesen einen Tag vorher ab: Der Impfstoff sei ausgegangen, hieß es lapidar am Telefon. Die beiden, 60 und 65 Jahre alt, müssten warten.

Für ein solches Vorgehen hat Holger Seyfarth kein Verständnis. „Missmanagement“ sei das, urteilt der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbandes, und „Desorganisation“ in der Praxis. Wenn Ärzte wahllos impften, bräuchte man sich nicht zu wundern, wenn jene nicht zum Zug kämen, die es wirklich benötigten - etwa chronisch Kranke und Ältere, kritisiert Seyfarth. Die Verantwortung dafür trage nicht zuletzt CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40 Jahre alt), der sich vor laufenden Kameras öffentlich spritzen ließ. „Ein PR-Gag mit zweifelhafter Sinnhaftigkeit“, sagt Seyfarth, der in Frankfurt drei Apotheken betreibt.

Der Verbandsvorsitzende erklärt, im Moment seien sämtliche Chargen an die Arztpraxen ausgeliefert und fast alle verimpft. Doch „in Kürze“ sei Nachschub zu erwarten. „Geduld“ empfiehlt er dem Ehepaar bis dahin. Alternativ könne es den Hausarzt bitten, bei einem Kollegen nachzufragen, ob der noch etwas übrig habe.

Eigentlich gelten die Deutschen als Impfmuffel. Im vergangenen Jahr etwa landeten 4 der insgesamt 18,2 Millionen Dosen des vom Paul-Ehrlich-Institut freigegebenen Grippeimpfstoffs auf dem Müll. Doch wenn ein Virus durchs Land tobt, möchten mehr Menschen als sonst eine Impfung. Das war bei der Vogelgrippe so, bei der Grippewelle vor drei Jahren und das ist auch jetzt der Fall, bestätigt Seyfarth: „Die Corona-Pandemie hat die Leute sensibilisiert.“

Die Zuständigen haben dies berücksichtigt. Mit 19 Millionen Dosen bestellten die Ärzte eine Million mehr als im Vorjahr. Das Bundesgesundheitsministerium legte noch sechs Millionen Dosen drauf. Demnach kommt 80 Prozent mehr Grippeimpfstoff auf den bundesdeutschen Markt.

Grundbedingung ist, dass die Transportkapazitäten ausreichen. Denn den jedes Jahr neu zusammengesetzten Impfstoff kann man nicht in einem beliebigen Kühlwagen zu den Apotheken bringen, sondern nur in einem Spezialfahrzeug bei Temperaturen von zwei bis acht Grad. „Die Logistikkette ist eine große Herausforderung“, sagt Seyfarth.

Dass der Grippeimpfstoff nicht für die gesamte Bevölkerung ausreicht, betonten dieser Tage auch der Präsident der Landesärztekammer, Edgar Pinkowski, und der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk. „Die Werbung einiger Krankenkassen, die Kosten für die Grippeschutzimpfung für ihre Mitglieder zu übernehmen, ist kontraproduktiv“, schrieben sie in einer gemeinsamen Mitteilung. Man solle sich in seiner Hausarztpraxis aufklären lassen, ob man zu der Personengruppe gehöre, der die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut eine Impfung empfiehlt: „Das sind insbesondere Menschen über 60 Jahren sowie Personen mit Vorerkrankungen und gefährdete Berufsgruppen, etwa medizinisches Personal.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare