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Alix Puhl will suizidalen Menschen und ihren Familien helfen.
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Alix Puhl will suizidalen Menschen und ihren Familien helfen.

Frankfurt

Hessen: Suizidprävention an Schulen gefordert

  • Sandra Busch
    VonSandra Busch
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Lehrkräfte in Hessen sollen einem Projekt zufolge darin geschult werden, suizidale Absichten frühzeitig zu erkennen. Gerade bei Jugendlichen sind die Warnsignale kaum wahrnehmbar.

Es ist auf den Tag ein Jahr her. Am 21. Juni 2020 starb Emil. 16 Jahre alt. Ein Suizid. Tagelang hatte die Polizei den Stadtwald nach dem Jungen durchsucht, die Familie mit Plakaten in der ganzen Stadt um Hinweise auf seinen Aufenthalt gebeten. Da hatte Emil sich schon das Leben genommen. Für das Umfeld ist der Suizid eines Menschen nur schwer zu ertragen. Oft genug wird gar nicht darüber gesprochen. Aus Hilflosigkeit, aus Scham, aus Angst vor den Reaktionen anderer. „Es ist falsch, es nicht zu sagen“, sagt Emils Mutter Alix Puhl. „Wenn alle nichts sagen, lernt niemand, damit umzugehen.“

Puhl möchte daher nicht über den Suizid ihres Sohnes schweigen. „Denn das, was wir erlebt haben, sollte keine Familie und auch keine Schulgemeinde erleben müssen.“ Sie hat nun gemeinsam mit Judith Junk, Lehrerin an der Max-Planck-Schule in Rüsselsheim, ein Projekt entwickelt: Depression und Suizidprävention soll in allen hessischen Schulen und in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zum Thema gemacht werden. Suizid sei nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen; queere Kinder und Jugendliche hätten sogar ein vier- bis achtfach höheres Risiko für suizidale Gedanken, schreiben Puhl und Junk in ihrer Projektskizze. „Seelische Erkrankungen – auch etwa Essstörungen und Selbstverletzungen – muss man aber erkennen können“, sagt Puhl. Damit seien Lehrkräfte jedoch überfordert. „Wenn man aber weiß, was die Alarmzeichen sind, kann man rechtzeitig reagieren.“ Und Suizide könnten verhindert werden.

Alix Puhl ist Schulelternbeirätin an der Carl-Schurz-Schule, viele Jahre stand sie dem Stadtelternbeirat vor. Emil ist ihr zweites von vier Kindern. In seinem letzten Schuljahr ging er in Japan auf ein Internat. Es war sein eigener Wunsch, in Japan zur Schule zu gehen. Doch dort hat niemand Emils Veränderung rechtzeitig wahrgenommen. Schnelle Unterstützung blieb so aus. Spät entdeckte die Schule suizidale Absichten und schickte ihn zurück nach Frankfurt.

Hier wurde eine Depression bei Emil diagnostiziert. Etwa 90 Prozent aller Suizide erfolgten vor dem Hintergrund einer psychiatrischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression, schreiben Puhl und Junk. Doch suizidale Absichten und Depressionen sind gerade bei Jugendlichen nicht leicht zu erkennen, verschließen sie sich doch ohnehin in der Pubertät Erwachsenen gegenüber. „Da ist die Frage: Ist das die normale Pubertät? Wo ist die Grenze? Ab wann muss ich Hilfe suchen?“, sagt Puhl. „Um das zu erkennen, braucht man eine Gemeinschaft.“

Eine Gemeinschaft, die aufmerksam ist und Frühwarnsignale erkennen kann. Und zu der gehört die Schulgemeinde. Würden seelische Erkrankungen, die Themen Depression und Suizidprävention in die Ausbildung der Lehrkräfte integriert, gebe es eine Chance, „rechtzeitig und kompetent reagieren zu können“, sagt Puhl. Auch andere Mitglieder der Schulgemeinde müssten wissen, wo sie Hilfe bekommen könnten. „Die Freundinnen und Freunde sind die Ersten, die etwas bemerken“, sagt Puhl. Sie bräuchten jemanden, an den sie sich wenden könnten. „Ohne das Gefühl des Verpetzens zu haben.“

Puhl und Junk schlagen eine hessenweite Koordinierungsstelle zur Suizidprävention vor. Sie könnte verknüpft sein mit den 15 Schulpsycholog:innen der Staatlichen Schulämter, dem Kultusministerium und der Uni Frankfurt. Innerhalb von drei Jahren sollte eine Strategie zur Suizidprävention konzipiert und nach und nach an den Schulen implementiert werden. Es könnte etwa Prophylaxetage an den Schulen geben, AGs, Elternabende.

Bisher ist Suizid und Suizidalität an den meisten Schulen kein Thema. Oder sogar tabuisiert. Doch durch die Corona-Pandemie sieht Puhl die Gefahr, dass das Thema noch akuter wird. „Angststörungen sind schlimmer geworden durch Corona“, sagt sie. Die depressiven Verstimmungen unter den Schüler:innen häuften sich. „Und eine Depression kann jeden erwischen.“

Emil half keine psychologische Unterstützung in Frankfurt mehr. Er nahm sich einige Wochen nach seiner Rückkehr aus Japan das Leben. Heute vor einem Jahr.

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