Die Gesichter hinter dem „Raum 121“: Jakob Hoffmann und Silke Hartmann im Frankfurter Salon an der Braubachstraße. Foto: Christoph Boeckheler

Kultur in Frankfurt

Hessen ehrt Frankfurter Kindercomic-Festival „Yippie!“mit Leseförderpreis

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Yippie! begeistert Kinder und Jugendliche ohne Druck für die Welt der Bücher, lobt Kultusministerin Angela Dorn. Hinter dem Festival steckt der Verein Raum 121.

Jakob Hoffmann ist nicht so die schillernde Figur. Der 55-Jährige ist eher der Typ Pfadfinder. Bodenständig, freundlich, unaufdringlich. Den Impresario eines erfolgreichen Festivals stellen sich Kulturliebhaber exaltierter vor. Tatsächlich ist Hoffmann Bildungsreferent im evangelischen Pfadfinder-Jugendverband. „Im Brotberuf.“ Als solcher vollbringt er jeden Tag eine gute Tat. Redet aber nicht ständig darüber.

Ab und an ist das anders. Dann verwandelt er sich in einen Superhelden, fliegt mit seinem Cape durch die Stadt (bildlich gesprochen) und organisiert Kulturevents. Zum Beispiel das „Yippie! Kindercomic-Festival“. Das hat die hessische Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) jüngst mit dem Leseförderpreis des Landes ausgezeichnet. Mit dem ersten Platz, dotiert mit 8000 Euro.

Spaß auf der Festival-Bühne.

Der Preisträger überzeuge mit Ideen, wie Kinder und Jugendliche ohne Druck für die Welt der Bücher zu begeistern seien, lobt die Ministerin. Davon profitierten die Besucher ihr Leben lang, so Dorn. Was wiederum der ganzen Gesellschaft zugutekomme. „Unsere Demokratie bleibt nur zukunftsfähig, wenn alle gleichermaßen an Bildung, an Wissen und an Kultur teilhaben.“ Als erstes Festival in Deutschland hat sich „Yippie!“ ausschließlich Kindercomics gewidmet. Hoffmann zuckt mit den Schultern. Er mag Comics, Kinder mögen Comics. „Dann war die Idee da.“

Das Preisgeld wird er gleich wieder ausgeben, für Grafiker, Werbeflyer, einen eigenen Comicpreis für das nächste Festival. Für Kultur eben. Hoffmann tut das seit vielen Jahren. Genauer: seit Sommer 2008. Vielleicht auch schon davor, aber in besagtem Sommer stellt er seine Kraft auf institutionalisierte Füße. Mit Kulturmanagerin Silke Hartmann und ein paar anderen gründet er den Verein Raum 121.

Den Namen trägt der Club, weil er zunächst an der Mörfelder Landstraße 121 residierte. Es ist ein mythischer Ort mit besonderem Zauber. „Eigentlich wollte ich absagen“, erinnert sich Silke Hartmann an die Vereinsgründung. Sie hat zu der Zeit andere Sorgen. Nach Jahren im Literaturhaus und im Filmmuseum macht sie sich als Kulturmanagerin selbstständig. Ihr erster Job: die Nacht der Museen mitorganisieren. Zeit, einen Verein zu gründen: keine.

Doch vor Ort sagt sie spontan zu. „Ich war immer multiinteressiert“, versucht sie zu erklären. Film, Musik, Literatur, Malerei, alles fasziniere sie gleichermaßen, vor allem die gesellschaftspolitischen Fragen daran. Da ist sie ganz die studierte Soziologin/Politologin. 16 Monate lang stellt der Verein Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Kinderworkshops und DJ-Abende auf die Beine. Wird zum Treffpunkt. Dann begehren die Nachbarn auf, denen die Kultur vor der Haustür zu viel wird. Der Raum 121 verliert sein Zuhause. „Das fanden wir blöd“, sagt Jakob Hoffmann. Aus der Krise ist aber etwas entstanden: Kreativität. „Wir sind auf Wanderschaft gegangen.“

Der Verein 2008 haben Silke Hartmannund Jakob Hoffmann den „Raum 121“ gegründet. Damals noch an der Mörfelder Landstraße 121. Seither ist der Verein fester Bestandteil der Kunst- und Kulturszene der Stadt, obgleich der Club längst keinen eigenen Raum mehr besitzt, sondern tingelt.

Lady Bitch Ray, die Rapperin und promovierte Linguistin Reyhan Sahin, ist am Mittwoch, 11. Dezember, 20 Uhr, zu Gast bei „Text und Beat“, im Horst in den Adlerwerken, Kleyerstraße 15-17 im Gallus. Die Reihe legt danach erst mal eine Pause ein. sky

KontaktRaum 121: Silke Hartmann, Kulturperle – Kommunikation und Kulturmanagement, Telefon 069 / 36 70 44 17, silke.hartmann@kulturperle.com

Auf einmal ist Raum 121 kein Ort mehr. Der Verein experimentiert, ist spontan, organisiert Events in Clubs. Museen, Kirchen, Ausstellungsräumen, in der ehemaligen Diamantenbörse sogar eine ganze Woche lang. 25 Orte haben die Kulturaktivisten inzwischen „bespielt“. Haben leichterhand ein Netzwerk aufgebaut.

„Einfach mal fragen“, empfiehlt Hoffmann zum Thema Netzwerken, der für einen Abend der Reihe „Text und Beat“ den Sänger (und zu der Zeit schwer angesagten) Adam Green verpflichtet hat. Was helfe: Die Freunde und Bekannten aus dem Studium seien inzwischen die Leute, die in den Museen und Kulturinstitutionen säßen. Die Verbindungen seien immer da gewesen, ganz ohne viel Pflegeaufwand. Etwas anderes hat sich in der Zeit ebenfalls überraschend gewandelt. Es ist Silke Hartmanns dunkles Geheimnis. Anfangs hat sie sich schwergetan mit Frankfurt, mit den krassen Gegensätzen. Der „Wanderzirkus“ Raum 121 habe ihr geholfen, eigene Räume zu erschließen, sagt sie.

Seither fühlt sich Hartmann als „Teil der Stadtgesellschaft“, als „Puzzleteil“. Ihr gefällt, dass die Menschen ein skeptisches Selbstbild pflegen. „Die Kölner“, vergleicht Hartmann, „lieben ihre Stadt.“ Unmöglich, ein böses Wort darüber zu verlieren. In Frankfurt dagegen „darf man kritisch sein und trotzdem mitmachen“.

Das als Hobby zu bezeichnen, würde dem großen Aufwand nicht gerecht, den die beiden betreiben. Geld verdienen sie dabei nicht. Wollen sie auch nicht. Wollen nicht darauf schielen, was kommerziell verwertbar wäre, müssen keine Erwartungen erfüllen. „Wir machen, was uns gefällt, solange es uns Spaß macht“, sagt Hoffmann. Und: Organisieren ist das, was man macht, wenn man selbst keine künstlerischen Ambitionen hegt, aber sich dennoch gerne mit Kunst beschäftigt.

Zu Yippie! gehören auch Workshops.

Ihre Reihe „Text und Beat“ legt nun eine Pause ein. „Wir sind ein bisschen müde“, sagt Hartmann. Die Kampfansage an die „Wasserglas-Lesung“ lotet die Schnittstelle zwischen Text und Musik, Pop und Kunst aus. Thema des vorerst letzten Abends ist die Popikone Madonna. Rapperin und Linguistin Reyhan Sahin (Lady Bitch Ray) stellt ihr Buch vor, in dem sie beschreibt, wie Madonna ihre Vita beeinflusst hat.

Das „Yippie!“-Festival geht dagegen in die vierte Runde. Allerdings nicht im Sommer. Die nächste Auflage ist für Januar 2021 geplant. Einfach, weil es im Winter weniger Angebote für Kinder gibt. „Leseförderung ist wichtig“, sagt Hartmann. Gerade in Zeiten, in denen der Populismus grassiere, muss es Möglichkeiten geben, „den Horizont kulturell zu erweitern“.

Auch Hoffmann weist darauf hin, dass Comics zur kindlichen „Widerstandsfähigkeit“ beitrügen. Nicht über den erhobenen Zeigefinger, über spaßige Geschichten. „Die Künstler“, hat Hoffmann beobachtet, „merken, dass sie Kinder intelligent ansprechen können, ohne ihnen was unterzujubeln.“

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